Journalist enthüllt: "Meine Familie hatte eine Sklavin"

Die Geschichte über “Lola” bricht einem das Herz (Bild: Cover The Atlantic)

Sie war sein ganzes Leben lang bei ihm, Tag und Nacht, hat alles gegeben und wurde dafür auch noch bestraft. Es klingt unglaublich, was der Pulitzer-Preis-Gewinner Alex Tizon in der Titelstory des aktuellen “The Atlantic“ schildert: Seine Familie hielt sich eine Sklavin, wissen durfte oder wollte das niemand. Bis jetzt.

“Ihr Name war Eudocia Tomas Pulido. Wir nannten sie Lola” heißt es in der Titelstory der US-Zeitschrift “The Atlantic”, und schon diese Sätze spiegeln die ganze Grausamkeit eines unfassbar traurigen Lebens. “Wen interessiert schon ihr richtiger Name, solange sie kocht und putzt und alles macht, was wir von ihr verlangen? Lasst sie uns Lola nennen, das ist einfach und geht schnell.” Denn nichts anderes steckt dahinter. Alex Tizon, der Autor des Artikels, hat seine Veröffentlichung nicht mehr erlebt. Mit 57 Jahren ist der Familienvater am 23. März 2017 eines natürlichen Todes gestorben. Was er hinterlassen hat, lässt viele fassungslos zurück.

Ein Mensch als Geschenk für ein Kind

Sein Großvater hätte “Lola“ seiner Mutter “gegeben”, als diese 12 Jahre alt war, schreibt Tizon, der wie seine Vorfahren auf den Philippinen geboren wurde. Wie “praktisch” die sechs Jahre ältere Eudocia für die Mutter war, zeigt sich an einer Geschichte, die diese zeitlebens gerne erzählte.


Als ihr Vater sie eines Tages bestrafen wollte, weil sie etwas angestellt hatte, bat sie ihn einfach, an ihrer Stelle “Lola” zu bestrafen. Ihr Vater fand das in Ordnung und peitschte die 18-Jährige mit einem Gürtel aus.

“Lola” wurde nach Amerika verschleppt

Als Tizons Mutter heiratete und Alexis und seine Geschwister bekam, zog die Familie in die USA. “Lola” nahmen sie mit – gegen das Versprechen, ihrer Familie regelmäßig Geld aus der neuen Heimat zu schicken. Ein Versprechen, das wohl nie ernst gemeint war und kein einziges Mal eingehalten wurde. In der Ferne unerreichbar für ihre Familie, begann das Martyrium der jungen Frau erst richtig.


Tizon hat unzählige Erinnerungen daran, wie seine Eltern und später auch sein Stiefvater die Sklavin, denn nichts anderes war “Lola”, misshandelten, weil sie angeblich nicht hart genug arbeiten würde. Sie wurde angeschrien, geschlagen oder ausgepeitscht, wenn sie “zu lange saß” oder “zu früh einschlief”, aß die Abfälle der Familie alleine in der Küche, hatte kein eigenes Bett und schlief an wechselnden Orten: Wenn es gut lief, auf dem Sofa, öfter aber auf Wäschehaufen oder einer Ecke des Zimmers seiner Schwester.

Lesen Sie auch: US-Wohnungsbauminister bezeichnet Sklaven als “Einwanderer”

Sie wurde nie bezahlt, hatte keine Freizeit und keine Bekannten. Vor Freunden und Nachbarn hielt die Familie sie versteckt. Mein Vater sagte immer, sie sei einfach gestrickt”, schreibt der Autor. “Ich frage mich, was wohl aus ihr hätte werden können, wenn sie Lesen und Schreiben gelernt hätte anstatt mit acht Jahren auf den Reisfeldern zu arbeiten.”

Offenheit schützt nicht vor Kritik

Alex Tizon schreibt weiter, er habe erst mit elf Jahren begriffen, was es mit “Lola” auf sich habe. Seine Mutter habe nie eingesehen, was sie der Frau zeitlebens angetan habe. Er selbst hätte später versucht, das an ihr getane Unrecht wieder gut zu machen.

Dennoch sei es fast unmöglich gewesen, die ältere Dame von der Arbeit abzuhalten. Zu einer Reise auf die Philippinen kam es erst, als “Lola” 83 Jahre alt war. Immerhin ihre Schwester konnte Eudacia Tomas Polido noch sehen, bevor sie im Alter von 86 Jahren an den Folgen eines Herzinfarktes starb. Ihre Asche brachte Tizon am Ende in ihre Heimat: “Ich wusste, dass es richtig war, “Lola” dort hinzubringen, wo sie geboren wurde.”


Dass jetzt alle Welt die Offenheit des Pulitzer-Preisträgers bewundert, kann die schwarze Autorin Mikki Kendall nicht nachvollziehen. Auf Twitter macht sie ihrem Ärger in mehreren Tweets Luft, schreibt etwa: “Sein Großvater hat sie angelogen, seine Mutter und sein Vater haben sie angelogen, manipuliert und missbraucht und er hat ihr als Erwachsener keine wirkliche Hilfe geleistet.“


Und weiter: “Ich finde das überhaupt nicht berührend. Ich dachte an meine Vorfahren und wie sie von den Menschen behandelt wurden, denen sie gehörten, und wurde dabei fast wahnsinnig.”


Sie hält auch die 800 Dollar für einen Skandal, den Tizon und seine Frau “Lola” am Ende bezahlt hätten: “Wir sollten mal über den Stundensatz von höchstens 5 Dollar reden”, schreibt sie. Am Ende steht für sie fest: “Es ging um seine Familie und ihren Komfort und ihre Schuld bis zum Ende ihres Lebens. BIS ZUM ENDE IHRES LEBENS. Das ist alles andere als schön.”