Jung, umweltbewusst, pro Atomkraft: Drei junge Menschen erzählen, warum sie mit Atomkraft das Klima retten wollen

·Lesedauer: 7 Min.
Tobias Hofmann (links), 26 Jahre alt, Milena Zehetner (Mitte), 24 Jahre, Florian Krist (rechts), 29 Jahre
Tobias Hofmann (links), 26 Jahre alt, Milena Zehetner (Mitte), 24 Jahre, Florian Krist (rechts), 29 Jahre

Atomkraft ist für viele Menschen in Deutschland ein Tabu. Ältere unter ihnen kämpften noch bei zahlreichen Demonstrationen dafür, aus der Atomkraft auszusteigen und den nachfolgenden Generationen kein Strahlenrisiko zu hinterlassen. Kaum einer kennt ihn nicht, den Slogan "ATOMKRAFT? NEIN DANKE" um die rote lachende Sonne auf gelbem Hintergrund – das Logo der Anti-Atomkraft-Bewegung. Nun steht ihr Ziel kurz bevor: Spätestens Ende des Jahres werden die drei letzten deutschen Reaktoren abgeschaltet. Der Atom-Ausstieg wäre dann geschafft.

Doch nicht alle Deutschen sind mit dem Abschied von der Kernkraft zufrieden. Gerade unter den Jüngeren gibt es auffallend viele Fans der Nuklearenergie. Anders als die Anti-Atomkraft-Bewegung schätzen sie die Gefahren der Kernkraft als niedrig ein – und ihren Nutzen im Kampf gegen den Klimawandel als hoch.

Business Insider hat mit drei jungen Atomkraft-Anhängern gesprochen und sie gefragt, warum sie sich die Rückkehr einer in der Erzeugung teuren, kaum zu versichernden sowie politisch und wirtschaftlich in Deutschland nicht gewollten Energiequelle wünschen.

"Ich sehe die Gefahr der Klimakrise höher als die Nuklearkrise"

Da ist zum Beispiel Tobias Hofmann, 26 Jahre alt, Physiker und Vater eines dreijährigen Sohnes. "Ich sehe die Gefahr der Klimakrise höher als die einer Nuklearkrise", sagt er Business Insider. In Deutschland habe es keinen einzigen nennenswerten Unfall in Atomkraftwerken wie in Fukushima oder Tschernobyl gegeben. Die Sicherheitsmaßnahmen hätten immer gegriffen. Hofmann will deshalb nicht nur, dass die übrigen Atomkraftwerke in Deutschland weiter betrieben werden, sondern auch wieder in die Kernkraft einsteigen. Dafür engagiert er sich beim Pro-Atomkraft-Verein "Nuklearia".

Auch die Physikstudentin Milena Zehetner, 24 Jahre, macht sich in der Österreichischen Kerntechnischen Gesellschaft für Atomkraft stark, obwohl Österreich schon längst aus der Kernkraft ausgestiegen ist. "Die älteren Generationen verstehen oft gar nicht, welchen Beitrag Kernkraft für eine klimaneutrale Welt haben kann", sagt sie. Klimaneutralität funktioniere nur, wenn der Strom möglichst schadstofffrei und umweltschonend produziert werde. "Ohne Kernkraft ist das nur schwer möglich", sagt Zehetner.

Und dann ist da noch Florian Krist, 29 Jahre. Er forscht zu Reaktorsicherheit an der Universität Bochum: "Es gibt nur wenige Kernkraftwerke, in denen Unfälle ein enormes Ausmaß hatten. Der Klimawandel hingegen könnte in 50 Jahren hunderte Katastrophen hervorrufen", glaubt Krist. Er ist Sprecher für die junge Generation der kerntechnischen Gesellschaft, einer Interessensvertretung, die sich für die Nutzung von Kernenergie ausspricht.

Hat die junge Generation kein Risikobewusstsein mehr für mögliche Atomunfälle?

Hofmann, Zehetner und Krist gehören alle einer Generation an, die die Reaktorexplosion 1986 in Tschernobyl nicht selbst miterlebt hat. Bis heute gilt die Explosion als bislang schwerster Unfall in der zivilen Nutzung der Atomenergie. Auch das Atomkraft-Unglück in Fukushima, bei dem das Atomkraftwerk im März 2011 von einem Tsunami getroffen wurde, liegt mehr als zehn Jahre zurück. "Die Jugendlichen in Deutschland haben im Hinblick auf einen möglichen Atomunfall kein ausgeprägtes Risikobewusstsein", erklärt die Hamburger Soziologin Engels. "Den Klimawandel hingegen nehmen sie als Katastrophe wahr, die an Schrecklichkeit nicht zu überbieten ist."

Tatsächlich waren Deutschlands Atomkraftwerke bislang unfallfrei – wenn auch nicht frei von Störungen. Allein in den deutschen Reaktoren gab es laut Greenpeace bisher jedes Jahr etwa 140 meldepflichtige Ereignisse: ein explodiertes Rohr im Atomkraftwerk Brunsbüttel im Dezember 2001, ausgelaufenes radioaktiv kontaminiertes Wasser im Atomkraftwerk Philippsburg oder der Notstromausfall im Atomkraftwerk Biblis im Jahr 2004 – nur drei Beispiele.

Für Krist, Hofmann und Zehetner sind diese Störungen aber keine Gründe, sich gegen Atomkraft auszusprechen. Dabei geht es nicht nur um die Angst vor einer Klimakatastrophe, die alle anderen Argumente überlagert. Es ist auch die internationale Orientierung der Generation an anderen europäischen Ländern: In Finnland, Schweden oder Frankreich gibt es deutlich weniger Vorbehalte gegenüber Atomkraft. Im Gegenteil, diese Länder weisen der Kernkraft eher eine aktive Rolle als Brückentechnologie hin zu einer klimaneutralen Gesellschaft zu.

"Atomkraft ist kein heiliger Gral, aber die notwendige Brückentechnologie, um die Klimaziele zu erreichen. Deshalb sollten wir in Deutschland technologieoffen bleiben", sagt der 26-jährige Hofmann. Soziologe Steffen Mau von der Humboldt-Universität zu Berlin glaubt deshalb, dass man es bei Hofmanns Generation womöglich eher mit einer "Anti-CO2-Ausstoß-Generation", statt einer "Anti-Atomkraft-Generation" zu tun habe. Die Fragen des Klimawandels und der Erderwärmung seien wichtiger geworden als Fragen nach Endlagerstätten für Atommüll oder anderen Gefahren.

Endlagersuche, hohe Atomstrompreise und fehlende Betreiber sprechen gegen Atomkraft in Deutschland

Dabei gehören die Suche nach einem Endlager und schließlich die Lagerung reaktiven Mülls zu den größten Gegenargumenten von Atomkraft: Denn zum einen will in Deutschland niemand den schon jetzt verursachten Atommüll haben, bis 2031 muss erstmal ein Platz dafür gefunden werden. Dabei werden die Fristen für Zwischenlager, die für 40 Jahre ausgelegt sind, bereits überschritten. Und zum anderen muss der Müll bis zu einer Million Jahre verschlossen bleiben. Unzählige Generationen wären damit ungefragt einem Risiko ausgesetzt.

Abgesehen von der Endlagerung gibt es auch noch andere Gründe, die gegen die Atomkraft sprechen: Um neuen Atomstrom ins Netz zu speisen, müssten neue Reaktoren gebaut werden. Im Kampf gegen den Klimawandel kostet das aber zu viel Zeit, urteilte im Oktober eine Gruppe von Klimawissenschaftlern des Verbunds Scientists for Future in einem 100-seitigen Diskussionspapier. Zudem seien Bau- und Betreiberfirmen wie Westinghouse in den USA und Framatome in Frank­reich hoch verschuldet und nicht in der Lage, große Mengen an Reaktoren neu zu bauen – ein Warnsignal für Deutschland. Hinzukommt: Weltweit gibt es laut des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung keine Organisation, welche die Finanzdienstleistung einer Versicherung für Atomkraft anbietet.

Zu guter Letzt ist Atomstrom zu teuer. Zwar stellte der Weltklimarat 2018 fest, dass Kernkraft mit 12 Gramm Kohlenstoffdioxid (CO2) pro Kilowattstunde genauso viel Treibhausgase verursacht wie Windkraft auf dem Meer. Doch den Preis – bis zu 34 Cent pro Kilowattstunde, um Atomstrom zu produzieren – wiegt das nicht auf. Auf diesen Preis kommen Institute und Behörden, wenn man Endlager, die Entsorgung des Atommülls und den Rückbau alter Meiler in den Strompreis mit einberechnet. Schon allein deshalb schließen große Energieversorger und Atomkraftbetreiber wie RWE, Eon und ENBW die Rückkehr zum Atomstrom aus.

Beim Aussprechen für Atomkraft denken einige nicht an die hochpolitischen Entscheidungen, die dahinter stehen

Für Hofmann hat die Windkraft trotzdem einen entscheidenden Nachteil gegenüber Atomkraft: "Selbst wenn wir die Windkraft ausbauten, hätten wir nicht genügend Speichertechnologie", sagt er.

Tatsächlich braucht es für grüne Energiequellen wie Sonne und Wind noch mehr Speichertechnologien, damit sie auch Strom liefern, wenn es windstill ist oder keine Sonne scheint. Prognosen der Internationalen Energieagentur aus 2020 machen deutlich, dass die Energiespeicherkapazität bis 2040 fast um das Fünfzigfache des heutigen Werts wachsen muss, um die internationalen Klimaschutzziele einhalten zu können. Doch die Autoren der Studie sind optimistischer als Hofmann: Bei der Entwicklung neuartiger Speicherformen kommen immerhin die Hälfte aller Patente aus Deutschland.

Neben einer steigenden Zahl an Patenten spricht aus Sicht der Hamburger Soziologin Engels jedoch noch ein anderes Argument gegen die Idee junger Menschen, die Atomkraft wieder einzuführen: "Viele sitzen der Vorstellung eines 'technological fix' auf", sagt sie. Sie hätten eine vollkommen entpolitisierte Vorstellung von dem Klimaproblem und den möglichen Lösungen. Dabei handele es sich auch im Falle der Kernenergie um hochpolitische Entscheidungen, die getroffen werden müssen: Wo werden Endlager gebaut? Wer zahlt die Vergesellschaftung enormer Kosten für Infrastruktur, Bürgschaften oder einer Katastrophenbewältigung im Ernstfall?

Fragen, die in Deutschland unbeantwortet sind – und wohl bleiben werden. Politische Mehrheiten für eine Rückkehr zur Atomkraft in der Bundesrepublik gibt es nicht. Selbst CDU-Chef Friedrich Merz – ein erklärter Atomkraft-Befürworter – und FDP-Chef Christian Lindner schließen das aus.

Zumindest Hofmann würde gerne trotzdem viel offener über die Vorteile von Atomkraft für den Klimaschutz sprechen. Eine sachliche Debatte gibt es seiner Meinung nicht: "Wenn man sich für Atomkraft ausspricht, ist man gleich die Lobbyhure. Dabei unterschreibe ich den Claim von Fridays for Future: follow the science (übersetzt: Hör auf die Wissenschaft)", sagt er. Wären Fridays for Future nicht gegen Atomkraft, würde er auch beitreten, sagt er.

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.