Kölner "Tatort": Hat die deutsche Polizei ein Homophobie-Problem?

Jens Szameit
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Kölner "Tatort": Hat die deutsche Polizei ein Homophobie-Problem?

Es lässt sich wenig Positives vermerken über einen der schwächsten "Tatorte" in der Ära der Kölner Kommissare Ballauf und Schenk. Wurde wenigstens das Reiz-Thema realitätsnah umgesetzt?

Es lässt sich wenig Positives vermerken über einen der schwächsten "Tatorte" in der Ära der Kölner Kommissare Ballauf und Schenk. Wurde wenigstens das Reiz-Thema realitätsnah umgesetzt?

Kein Wort zu viel über die Qualität eines der wohl schlechtesten "Tatorte" des Jahres: Papierraschelnde Dialoge in staubstarren Innenraumkulissen - früher war eindeutig mehr Currywurst im Krimi aus Köln. Immerhin: Das Thema dieser "Tatort" gewordenen Unbeholfenheit mit den Traditionskommissaren Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) ist spannend gewählt: Hat die deutsche Polizei wie im Film suggeriert tatsächlich ein Problem mit Homophobie?

Worum ging's?

Wie im Berliner "Tatort" vor ein paar Wochen wurde eine Ruhestörung zur tödlichen Falle für eine Polizeistreife. Die Beamtin Melanie Sommer (Anna Brüggemann) wurde niedergeschlagen im Garten eines Vorstadtanwesens gefunden, ihr offen homosexueller Kollege Frank Schneider wurde im Wohnzimmer totgeprügelt. Der Täter war schnell identifiziert: ein Drogensüchtiger, der aber bei seiner Rückkehr an den Tatort hinterrücks erschossen wurde, ehe Ballauf und Schenk ihn stellen konnten. Fragte sich: Hatten ihn seine Partykumpane aus Vertuschungsgründen umgelegt, oder war in der frustrierten Polizeitruppe einer auf Rache aus?

Worum ging es wirklich?

Im Sinn hatte Regisseurin Christine Hartmann (auch Buch, mit Rainer Butt) wohl so etwas wie eine Mentalitätsstudie aus dem Innenleben der deutschen Polizei. Der Dienststellenleiter (Götz Schubert) des getöteten Beamten zeigte sich sehr besorgt, aber leider auch ein bisschen homophob. Ganz am Ende offenbarte sich dem Zuschauer der Schlüsseldialog, der zum fatalen Einsatz der beiden Beamten führte: "Ich glaube, ich rufe lieber Verstärkung", hatte der kurz darauf erschlagene Polizist Frank Schneider eine dunkle Vorahnung. - "Damit es dann wieder heißt, der warme Kollege und die Mausi kriegen es nicht hin - da habe ich keinen Bock drauf", bügelte ihn seine Kollegin und spätere Rächerin Melanie Sommer ab. Das wirft Fragen auf ...

Hat die deutsche Polizei ein Problem mit Homophobie?

Kaum zu glauben: Aber noch bis zum Jahr 1994 war es laut Paragraph 175 des Strafgesetzbuchs Aufgabe der Polizei, sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts zu verfolgen. 2005 wurde ein Skandal der Polizei in Bayern aufgedeckt, wo eine inoffizielle "Rosa Liste" über Schwule und Lesben geführt wurde. Dergleichen ist heute nicht zu beobachten. Offene Homophobie ist auch im nach wie vor traditionell-männlich konnotierten Polizeialltag inzwischen geächtet. Was nicht ausschließt, dass LSBTIQ-Kollegen Vorurteile und Vorbehalte dennoch reingedrückt bekommen. "Es sind immer wieder kleine Sticheleien, die zeigen, dass ich anders bin als die anderen", klagte etwa Anfang des Jahres der Polizist Florian Meerheim, der mit RTL über sein Coming-out sprach.

Was wird gegen Homophobie getan?

Verschiedene Landes- und Bundespolizeibehörden haben sogenannte "Ansprechpersonen für gleichgeschlechtliche Lebensweisen" berufen. Der Münchner Polizist Wolfgang Appenzeller, der als "Gay German Cop" auch bei Instagram Präsenz zeigt, ist eine solche Ansprechperson, und er zieht ein positives Zwischenfazit: "Da läuft schon einiges ganz gut - in manchen Bundesländern besser, in manchen schlechter", bilanzierte Appenzeller im Interview mit "bento.de". Vorreiter sei aus seiner Sicht "ganz klar Berlin, die ganz viel in dieser Richtung machen". Jens Puschmann und Tobias Kreuzpointner von der Zentralen Ansprechstelle LSBTIQ der schleswig-holsteinischen Landespolizei betonen gegenüber dem NDR: "Es gibt eine Null-Toleranz-Strategie, was Diskriminierung und homophobes Verhalten angeht." Ihr eigenes Coming-out sei für sie "überhaupt kein Problem" gewesen.

Wie geht's beim Kölner "Tatort" weiter?

Hoffentlich etwas inspirierter, liebevoller und auch freudvoller als in diesem drögen Tiefpunkt der langen "Tatort"-Karriere der Ermittler Ballauf und Schenk. In der Ende 2018 gedrehten Folge "Gegen den Strom" (Buch: Johannes Rotter, Regie: Felix Herzogenrath) wird ein 17-jähriger Schüler kurz vor dem Abitur tot an einem Seeufer bei Köln gefunden. Die Ermittlungen bringen Freddy Schenk in Erklärungsnot. Im "Tatort: Niemals ohne mich" (Arbeitstitel), der im März und April gedreht wurde (Buch: Jürgen Werner, Regie: Nina Wolfrum), geht es um den Mord an einer als übereifrig geltenden Jugendamtsmitarbeiterin. Die jeweiligen Ausstrahlungstermine sind noch nicht bekannt.