Klicks auf Kosten Krebskranker: Wie ein Influencer eine Spendenaktion zum Scheitern bringt

Tobias Huch
Journalist und Englandkorrespondent
Streamer “Staiy” hat – leider mit Erfolg – eine Spendenaktion für die Deutsche Krebshilfe sabotiert (Bild: Screenshot/Twitch)

Das 5000-Seelen-Dorf Müden an der Aller ist laut Wikipedia ein “beschauliches” Örtchen. Fachwerkhäuser und eine Fischtreppe gehören zu den Sehenswürdigkeiten; so weit, so unspektakulär. Müden an der Aller ist außerdem auch die Heimat eines tüchtigen jungen Mannes mit einem großen Herzen.

Von hier, am heimischen Rechner, steuert der 19-jährige Berufsschüler Marvin Matthes gemeinsam mit inzwischen sieben ehrenamtlichen Mitstreitern die Hilfsaktion “Streaming with Heart”. Gesammelt wird für eine der bekanntesten und renommiertesten gemeinnützigen Stiftungen Deutschlands, die Deutsche Krebshilfe e.V..

Deutsche Krebshilfe voller Lob für die Aktion

Vor zwei Jahren war die Kampagne gestartet, und seither gelang es Matthes, immer mehr Streamer auf der bedeutenden Livestream-Plattform Twitch für “Streaming with Heart” zu gewinnen. Im ersten Jahr sammelte er mit seiner Aktion 15.000 Euro an Spenden; im zweiten Jahr waren es bereits 56.000 Euro. Im Gespräch mit der Deutschen Krebshilfe wird schnell die Begeisterung über die willkommene virale Hilfestellung deutlich: Der Online-Pressereferent der Stiftung, Marcus von Husen, lobte die Initiative in den höchsten Tönen.

Marvin Matthes bei der Spendenübergabe nach der “Streaming With Heart”-Aktion 2018 (Bild: Privat)

Auch dieses Jahr wolle die Krebshilfe die Kooperation fortsetzen und wieder mit eigenen Mitarbeitern bei einem von “Streaming with Heart” veranstalteten Live-Event vor Ort dabei sein. Die Deutsche Krebshilfe steht voll hinter Marvin Matthes und seinen ehrenvollen Helfern; von Husen ließ kein schlechtes Wort auf die Hilfsaktion kommen.

100.000 Euro für krebskranke Menschen

Und weil sich das mit Matthes promotete Event einen so guten Namen gemacht hat und mittlerweile überhaupt nicht mehr wegzudenken ist, dachte man seitens der Krebshilfe sogar an eine Vertiefung der Zusammenarbeit – Matthes plante eigens hierfür die Gründung eines Vereins, um die Veranstaltung noch größer aufzuziehen. Ab einer gewissen Dimension, das weiß man im Fundraising, sind gewisse bürokratische und organisatorische Strukturen notwendig, um nicht den Überblick zu verlieren. Die für das Streaming-Event sollten wieder über “Streaming with Hearts” generiert werden, und ein entsprechender Aufruf wurde veröffentlicht.

Die ersten 24 Stunden lief alles wunderbar und wie gewohnt: Über 5.000 Euro kamen gleich am ersten Tag zusammen – und es standen noch weitere 30 Streamingtage bevor. Als Ziel hatte man sich ein ehrgeiziges Spendenvolumen von 100.000 Euro gesetzt.

“Streaming With Heart” hat sich als effektive Spendensammelaktion erwiesen (Bild: Streaming With Heart)

Eigens dafür hatte Matthes eine außergewöhnliche Abmachung mit dem bekanntesten Zahlungsdienstleister der Streamingbranche, nämlich TipeeeStream, getroffen: TipeeeStream würde speziell für dieses Streaming-Charity-Event nicht nur auf alle Transaktionsgebühren (rund 5 Prozent) verzichten, sondern auch noch die bei Drittanbietern wie beispielsweise PayPal anfallenden Gebühren übernehmen. Wenn man also die 100.000 Euro erreicht würden, so beliefe sich alleine der faktische Spendenbeitrag des Zahlungsdienstleisters auf 5.000 Euro.

Solch eine Vereinbarung ist die absolute Ausnahme und selbst in der privilegierten Spendenbranche für Gemeinnützige kaum erzielbar; auf Spenden spezialisierte Anbieter wie Betterplace.org nehmen als Standardgebühr grundsätzlich 2,5 Prozent vom Umsatz und fordern die Spender zudem meist noch auf, eine freiwillige Zusatzspende von bis zu 20 Prozent an ihre eigene gemeinnützige GmbH aufzubringen.

Diese Praxis ist üblich und keineswegs unseriös – aber sie ist nicht annähernd so vorteilhaft wie der Vertrag, den “Streaming with Heart” mit dem Zahlungsdienstleister ausgehandelt hat – zumal die Spendenformulare von TipeeeStream jedem Fan des jeweiligen Streamers wohlbekannt und vertraut sind, so dass das Handling dieser Zahlungsmethode bequem und problemlos erfolgen kann. Auch aufgrund dieses Umstands stellt sich TipeeeStream als ideale Wahl dar, im Sinne der Deutschen Krebshilfe und der Not leidenden Menschen.

Bösartige Hetze gegen das Hilfsprojekt

Nun sollte man annehmen, dass ausnahmslos jeder, der das respektable Engagement der jungen Leute um Matthes und ihren ehrenamtlichen Eifer mitverfolgt, rundum begeistert ist und diese Spendenaktion eventuell sogar spontan unterstützen würde. Doch leider ist dem nicht so. Denn wie auch im realen Leben gibt es auch auf Twitch auch schwarze Schafe. Im Fall von Twitch sind dies Streaming-Influencer, die pausenlos auf Krawall gebürstet sind und für ein paar Klicks bereit sind, zu allem und jedem ihre unqualifizierte Meinung abzugeben.

Ein typischer Vertreter dieser Negativsorte ist der Influencer “Staiy”. Es handelt sich um ein Account-Pseudonym; seinen Klarnamen will dieser Herr öffentlich nicht preisgeben, vermutlich aus gutem Grund: Denn er nutzt – oder vielmehr missbraucht – Twitch und seine dortige Reichweite von über 150.000 sensationsgeilen Fans, um für ordentlich Stimmung zu sorgen, egal auf wessen Kosten es gerade geht.

“Staiy” verfügt mit seinen Kanälen über eine große Reichweite (Bild: Screenshot/Twitch)

Leider waren es in diesem Jahr ausgerechnet die Jungs von “Streaming with Heart”, die kurz nach dem Start ihrer neuen Spendenaktion in den Pöbelfokus von “Staiy” rückten. Der Influencer präsentierte sich auf der Plattform mit Hornbrille und lückenhaftem Bart umgeben von zwei schnarchenden Hunde und behauptete dreist vor knapp 5000 Live-Zuschauern, ihm käme “Streaming with Heart” nicht ganz koscher vor. Jede Menge Gerüchte verpackte “Staiy” in seiner Botschaft – freilich ohne jeden Beweis, ohne irgendeinen echten Anhaltspunkt oder gar konkreten Anlass.

Aus purer Sensationslust wurde einfach mit Dreck geworfen – Motto: Irgendwas bleibt schon hängen. Hätte der Webcam-Störer ein irgendwie geartetes ernsthaftes Interesse an den Aktivitäten von “Streaming with Heart” gehabt, so wäre es ein Leichtes gewesen, auf der Internetseite die dort angegebene Privatnummer zu wählen und Informationen einzuholen. Doch darum ging es überhaupt nicht. Statt diffusen, von ihm selbst erhobenen Zweifeln auf den Grund zu gehen, veranstaltete er lieber eine Art virtuelles Standgericht.

Er stritt der Hilfsaktion mit schwammigen Unterstellungen die Seriosität ab und insinuierte seinen Zuschauern die abenteuerlichsten Vermutungen und Theorien – freilich nicht ohne immer wieder zu betonen, er würde ja nur “Fragen stellen” und er wisse es ja nicht genau. Es ist ein typisches Vorgehen für Rufmordkampagnen. Dass sich diese gegen eine ausschließlich und ganz unzweifelhaft gemeinnützig agierende Spendenaktion richtete, ist an Ekelhaftigkeit, Verantwortungslosigkeit und Perfidie kaum zu überbieten.

Geld verdienen auf dem Rücken von Krebskranken

Es gibt im Influencer-Segment einen Fachbegriff für dieses gezielte Erfinden und Aufbauschen von angeblichen Sensationen, durch die Zuschauer in den Stream gelockt werden sollen: “Clickbait”, wörtlich: Das Erködern von Klicks. Um nichts anderes handelt es sich bei den Streams von “Staiy”. Mit dieser Methode kennt er sich aus, und zwar auf anderen Kanälen. So bleibt auch Twitter von den Einlassungen dieser Person nicht verschont: Dort lockte er seine immerhin 30.000 Follower mit reißerischen Tweets ebenfalls in Richtung seiner Streams.

Die Masche verfolgt einen rein materiellen Zweck: Je mehr Follower zu “Staiy” in den Stream kommen, desto mehr klingelt die Sponsorenkasse dieses Pöbel-Priesters. Namhafte Unternehmen nennt er dort öffentlich als Sponsoren und blendet sie pausenlos ein, so etwa den Versandhändler für Computerteile Alternate oder den Computerhersteller Corsair mitsamt seiner Tochterfirma Elgato (bekannt für Greenscreens und Streamingzubehör). Kein Zweifel: Die Kasse klingelt kräftig – und seit neuestem auch auf Kosten krebskranker Menschen.

Im Fall der Attacken auf “Streaming with Heart” verfehlte “Staiys” dreckiges Geschäft seine Wirkung nicht: Regelmäßig erzeugen derartige Pöbelstreams das, was man im Internet einen “Shitstorm” nennt, und auch hier war das nicht anders. Die versammelte Anhängerschaft des Influencers griff nach den digitalen Fackeln und zog als virtueller Lynchmob in Richtung “Streaming with Heart”, wo sie auf der Webseite der Kampagne die beteiligten Streamer, die beteiligten Sponsoren und Marvin Matthes selbst angriffen. Derweil befeuerte “Staiy” die Eskalation eifrig weiter und hatte sichtlich diebische Freude an seinem abstoßenden Werk.

Der prominente Streamer “Abgegrieft” zählt zu den Unterstützern der Aktion (Bild: “Streaming With Heart”)

Als der weit bekanntere Influencer Lucas Bürger (Nickname “AbgegrieftHD”), einer der Streamer, die das Charity-Event aktiv unterstützen, den Versuch unternahm, via Twitter das niederträchtige Treiben von “Staiy” zu kritisieren und zu hinterfragen, brach sogleich die Hölle über ihm los: “Staiy” hetzt seine versammelte Meute auf “AbgegrieftHD”. Im darauffolgenden Stream prahlte “Staiy” sodann in wirren Selbstgesprächen, in denen er sich selbst auf die Schultern klopfte, was für eine mächtige Netzgröße er doch sei, und den Kritiker dem Spott preisgab (“der weiß echt nicht mit wem er sich da anlegt. Ha, ha, ha…. Leute! Das weiß der echt nicht!”).

Der Hassmob eilt zu Hilfe

Auch ich schaltete mich ein, äußerte Kritik und fragte nach Informationen. Kaum hatte ich die Kritik an “Staiys” verwerflichem Verhalten im Netz geäußert, begann das gleiche Spiel von vorne – der nächste Shitstorm rollte dieses Mal über mich selbst hinweg. Bildlich ließ sich das ganze am besten mit einer wütenden Schimpansenbande im Zoo beschreiben: Der durchgedrehte Affenkönig brüllt los, und seine Unterstützer stimmen – ohne den Grund zu hinterfragen – geist- und hirnlos in das Gebrüll mit ein, koten sich die Hände voll und bewerfen den Kritiker mit ihren Exkrementen. Niveau? Fehlanzeige. Es ist schlichtweg nur Affenkot.

Man könnte über diese Niederungen ja großmütig hinwegsehen – wären die Auswirkungen nicht fatal. Denn für “Streaming with Heart” – und damit auch für die Deutsche Krebshilfe e.V. – hatte der Wirbel gravierende Folgen. Es kam zum zwischenzeitlichen Abbruch des Streams, zur Flucht einiger Streamer und zum Absprung eines Sponsors. Marvin Matthes selbst wusste nicht mehr, wie ihm geschah: Er wollte hilfebedürftigen Menschen Gutes tun, und fand sich jäh in einer Jauchegrube auf, in der er unterzugehen drohte.

In purer Verzweiflung versuchte Matthes zu retten, was zu retten war, und zimmerte mehr schlecht als recht eine Erklärung zusammen, in der er für seine Follower und Sponsoren Stellung bezog. Anscheinend aus Angst, man könne ihm Untreue unterstellen, und um den von “Staiy“ thematisierten “Missverständnissen” zu begegnen, beging Matthes dabei den Fehler, inhaltlich auf das Scherbengericht einzugehen und die angebliche “Kritik”, die nie eine war, ernstzunehmen: Er tauschte den Zahlungsdienstleister TipeeeStream trotz der unschlagbar guten Konditionen aus, und wechselte stattdessen – zu deutlich schlechteren Konditionen – zu BetterPlace.

Anscheinend hegte er die naive Hoffnung, durch die Aufnahme des vermeintlich vertrauensvolleren Anbieters BetterPlace ließe sich die schreiende “Affenbande” besänftigen. Weit gefehlt! “Staiy” wertete Matthes’ Reaktion sogleich als Schuldeingeständnis und nahm dies zum Anlass, einen weiteren Hetzstream zu starten, in dem er sich demonstrativ arglos stellte, um die Erklärung in der von ihm bekannten, bösartigen Weise genüsslich auseinanderzunehmen.

Twitch zieht die Reißleine – Zu spät!

Derweil unternahm ich den Versuch, von der US-Pressestelle von Twitch eine Stellungnahme einzuholen. Schließlich kam die Antwort, dass die Twitch-Zentrale den deutschen Ableger um eine Stellungnahme zu dem Vorfall gebeten habe. Es dauerte nur wenige Minuten nach dieser E-Mail, bis der Account des Pöbelstreamers “Staiy” gesperrt war. Er selbst vermeldete mit demonstrativem Opfergestus, dass er für sieben Tage vorläufig “gebannt” sei, da er “einmalig” gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen habe.

Diese Behauptung war wohl gleich die nächste Lüge des Pöbel-Streamers: Mir liegen mehrere aufgezeichnete Streams vor, die den Schluss nahelegen, dass “Staiy” diverse Male gegen Netiquette und Regeln des Twitch-Netzwerks verstoßen hat. So dürfte praktisch kaum einer der Streams, die “Staiy” in den letzten Tagen veröffentlicht hat, im Sinne der Streamingplattform gewesen sein. Ich interpretiere die von der Twitch-Zentrale veranlasste, vorläufige Sperre deshalb so, dass nun eine umfangreiche Überprüfung der Inhalte eingeleitet wurde, die – hoffentlich – angemessene Sanktionen nach sich zieht. Ich werde jedenfalls meine gesammelten Recherchen Twitch hierzu zur Verfügung stellen.

“Staiy” reagierte auf Twitter ungehalten über die Sperre (Bild: Screenshot/Twitter)

Vorläufiger, bedauerlicher Höhepunkt des von “Staiy” angerichteten Desasters: Am späten Dienstagabend warf Marvin Matthes bis auf Weiteres das Handtuch und brach die Spendenaktion ab. Zu stark und verletzend waren offenkundig die Schmähungen, Angriffe und Unterstellungen gegen seine Person und die Verletzungen zu tief, um die Hilfsaktion gemeinsam mit seinen Freunden unbelastet und angstfrei weiterführen zu können.

Die Enttäuschung darüber ist nun bei allen Beteiligten verständlicherweise riesig. Matthes selbst war für eine telefonische Auskunft für Yahoo Nachrichten nicht mehr zu erreichen, doch die Deutsche Krebshilfe e.V. bringt in einer öffentlichen Stellungnahme ihre Enttäuschung klar zum Ausdruck:

Mit den erwarteten 100.000 Euro hätte die Deutsche Krebshilfe sehr viel Gutes tun können. Zumindest die leicht über 5.000 Euro vom ersten Streamingtag kann ihnen “Staiy” nicht mehr nehmen. Zum Glück kann er jetzt erst mal nicht mehr streamen.

Ein seriöses Projekt ist zerstört

Selbstverständlich führte ich mit Matthes, dem Zahlungsdienstleister TipeeeStream und der Deutschen Krebshilfe umfangreiche Gespräche. Es gab keinen einzigen Anlass, an dem ehrenwerten und guten Verhalten der Aktion “Streaming with Heart” zu zweifeln. Jede Aussage, die Matthes uns gegenüber oder auch in seinen Veröffentlichungen getroffen hat, konnte ich als richtig verifizieren. Um es klar zu sagen: “Streaming with Heart” arbeitet ehrenamtlich und den Regeln entsprechend transparent.

Die Deutsche Krebshilfe erhält die volle Spendensumme und TipeeeStream überwacht alles als Zahlungsdienstleister. Um all diese Informationen zu bekommen und zu überprüfen, waren nicht einmal zwei Stunden nötig. Vor diesem Hintergrund muss man davon ausgehen, dass der Pöbel-Streamer “Staiy” in böswilliger Absicht der Spendenaktion und damit auch der Deutschen Krebshilfe geschadet hat.

Es ist zu hoffen, dass vor dem Hintergrund dieses umfangreichen Fehlverhaltens Twitch die Reisleine zieht und hart einschreitet. Wenn Influencer nicht verantwortungsvoll mit ihrer Reichweite umgehen können, muss man ihnen notfalls die Reichweite dauerhaft entziehen, um die Gesellschaft zu schützen.