Kommentar: Annalena Baerbock – weder Mädchen noch Mutti

Jan Rübel
·Reporter
·Lesedauer: 3 Min.
Annalena Baerbock bei der Verkündung ihrer Kanzlerinkandidatur am vergangenen Montag (Bild: REUTERS/Annegret Hilse/Pool)
Annalena Baerbock bei der Verkündung ihrer Kanzlerinkandidatur am vergangenen Montag (Bild: REUTERS/Annegret Hilse/Pool)

Schon wieder eine Frau? Und dann noch so jung, mit Kindern? Diese kritischen Bemerkungen sagen nichts über die grüne Kanzlerkandidatin. Aber einiges über die Absender.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Kaum haben die Grünen jemanden für die Kanzlerkandidatur gefunden, landen die ersten Spitzen. Wegen fehlenden Formats, Profils oder mangelnder Kompetenz? Wenn es nach den kritischen Anmerkungen geht, die Annalena Baerbocks Gang seit gestern begleiten, hat die 40-Jährige das Kanzleramt schon in der Tasche. Denn die bisherigen Maulereien treffen nicht annähernd ins Schwarze.

„Es ist ein Mädchen“, twitterte eine „Tagesthemen“-Moderatorin. Was hätte sie gedichtet, wäre die Wahl auf Robert Habeck gefallen? „Ein Büblein“? Wohl kaum, und darin liegt die ganze Geschichte der Macht zwischen Frauen und Männern und wie letztere an ihr kleben.

Denn all dem ist stets nur eine Frage zu stellen: Würde man dasselbe einen Mann fragen? Wurde Österreichs aktueller Top-Politiker Sebastian Kurz gefragt, ob er mit seinen jungen Jahren für die exekutive Verantwortung geeignet sei? Welcher Spitzenkandidat in Deutschland hatte bisher zu beantworten, wie er das anzustrebende Amt mit der Erziehung seiner Kinder zu vereinbaren gedenke? Und jene, die nun aufstöhnen und nach 16 Jahren Kanzlerinschaft Angela Merkels fragen, warum denn schon wieder eine Frau – die könnten darüber nachdenken, warum man 1998 bei der Kandidatur Gerhard Schröders (noch SPD) gegen den seit 15 Jahren regierenden Helmut Kohl nicht in den Raum gestellt hat, warum denn schon wieder ein Mann…

Ums Gleichmachen geht es nicht

Es ist einfach. Wenn wir uns darauf einigen, dass die Führung des Kanzleramts keine Frage von Chromosomen ist, dann sollte manche Frage der erkenntnisärmeren Vergangenheit angehören. Natürlich geht es nicht darum, Unterschiede zwischen Geschlechtern zu nivellieren. Nur entlarvt sich diese Differenziererei meist als männlicher Versuch, irgendwie die bestehenden Hierarchien zu retten. Also werden Klischees ins Feld geführt, nach denen Männlein dies und Fräulein jenes sei. Also, was zum Beispiel die beiden Hähne Armin Laschet und Markus Söder allein in den vergangenen Tagen bei ihrem Wettbewerb um die Kanzlerkandidatur der Union aufführten, war genau das, was man beim Griff in die Klischeekiste als ziemlich „emotional“ und als „Stutenbeißen“ trefflich beschriebe. Lassen wir solche Gockelei und wenden uns der Zukunft zu.

Boomerkram

Immerhin wurden Frauen in den vergangenen Monaten eher weniger gefragt, wie sie in Zeiten der Pandemie und Homeoffice es schaffen, Familie und Job miteinander in Einklang zu bringen; das hatte zu laufen. Männer übrigens hatten dies noch viel weniger zu beantworten. Dass heutzutage noch solche Fragen aufkommen, in denen eine Premierministerin wie Jacinta Ardern in Neuseeland während ihres Jobs ein Kind zur Welt brachte, ist schlicht outdated. Andersrum wird Angela Merkel, die keine Kinder hat, zuweilen als „Mutti“ beschrieben. Was denn nun? Es scheint, wie man es macht, macht man es falsch. Aber genau darum geht es. Stichwort Machterhalt. Welchen Kanzler, mochte er noch so onkelmäßig daherkommen, nannte man im Volksmund „Vati“?

Baerbock bietet für uns als Gesellschaft die Chance, all diesen Kram abzustreifen. Es ist nur Ballast. 

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