Kommentar: Auschwitz lebt bis heute fort

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Das Haupttor zum Standort Birkenau des Todeslagers Auschwitz (Bild: Jakub Wlodek/Agencja Gazeta/via REUTERS)
Das Haupttor zum Standort Birkenau des Todeslagers Auschwitz (Bild: Jakub Wlodek/Agencja Gazeta/via REUTERS)

Heute ist der Jahrestag der Befreiung – des Todeslagers von Auschwitz. Er ist aktuell wie die Jahre zuvor. Wie werden wir uns in zehn Jahren erinnern? Das liegt nur an uns.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Bevor Trude Simonsohn in einem Interview mit dem Magazin „zwei“ über ihre Zeit im Todeslager berichtete, erzählte sie von der Liebe. Sie war damals 96, vor drei Wochen ist sie im Alter von hundert Jahren gestorben. „Und dann stand da vorn dieser gutaussehende, lächelnde Mann“, erinnerte sie sich daran, wie sie ihren späteren Ehemann Berthold im KZ Theresienstadt kennengelernt und sich sofort verliebt hatte, Bertl nannte sie ihn.

Über die Liebe sprach sie im Interview viel. Weniger sagte sie mir über Auschwitz. „Ich erinnere mich an Josef Mengele und an seinen Daumen, der mal nach links und mal nach rechts zeigte. Und dass ich nach einer Stunde wusste, dass ich in der Hölle gelandet war. Ich erinnere mich an das stundenlange Appellstehen zu lauter Musik. Aber fast alles andere hat eine Amnesie geschluckt. Der Schmerz war zu groß, das habe ich ausgeblendet. Das war ein Segen.“

Im Lager Auschwitz-Birkenau wurden 1,1 Millionen Menschen von den Nazis ermordet. 90 Prozent von ihnen waren rassistisch verfolgte Juden. Erst die Rote Armee der Sowjetunion setzte am 27. Januar 1945 mit der Befreiung des Lagers dem Leid ein Ende.

Trude Simonsohn hatte kurz vor der Deportation von Theresienstadt nach Auschwitz Berthold geheiratet, an der Rampe wurden sie sofort getrennt; beide überlebten. Zogen nach Deutschland, gründeten eine Familie. Trude Simonsohn setzte ihre engagierte Arbeit als Sozialarbeiterin fort und berichtete ab 1975 als Zeitzeugin den nachkommenden Generationen. Für sie war sie ein Segen.

Was heute abgeht

Wie aktuell der Jahrestag der Befreiung des Todeslagers Auschwitz ist, zeigen zwei Ereignisse: Die Berliner Polizei geht seit gestern gegen Demonstranten vor, die mit dem gelben Stern und "Ungeimpft" herumlaufen; ihnen geschieht nicht wirklich nur annäherungsweise, was Trude Simonsohn überlebt hat.

Und in Österreich hat die rechtspopulistische Zeitung "Exxpress" gestern ihre Vize-Chefredakteurin gefeuert, weil sie in einem Tweet meinte, die Nazis seien "durch und durch Sozialisten" gewesen – um mal nebenbei in geschichtsklitternder Art heutige Andersdenkende zu diffamieren. Beides, die Sterne auf Querdenker-Demos und der Tweet, sind ein bewusstes Verfälschen. Warum die das tun, darüber will ich nicht spekulieren. Aber es ist falsch. Grundnegativ. Respektlos und verächtlich. Und ein Jahrestag wie der von der Befreiung hilft uns, dies zu vergegenwärtigen.

Doch wie die Erinnerung aufrechterhalten, wenn die Überlebenden wie Trude Simonsohn sterben? Das geht. Sie haben ihre Erfahrungen an ihre Kinder und Kindeskinder weitergegeben, sie leben mit uns. Trude Simonsohn wies im Gespräch darauf hin, wie schwierig es gewesen sei, mit ihrem Sohn über all diesen Schrecken zu reden. Sie sagte: „Wir Überlebenden geben den Kindern diese Hölle ja ein Stück weiter, das ist unaussprechlich. Das spürt man, das sieht man nicht. Einmal sagte ich zu meinem Sohn: ‚Es tut mir ja so leid, ich bin dir auch eine Belastung.‘ Da antwortete er: ‚Sei still, Mama. Das hast du dir doch nicht ausgesucht.‘“

Wir lernen weiter

Wir werden immer Gelegenheit haben, von ihnen zu lernen. Es liegt an uns. Und längst zeigt sich, dass das Interesse an diesem „Vogelschiss“ der deutschen Geschichte, wie es mal der AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland sagte, nicht abnimmt. Die Gedenkstätten von Nazi-Konzentrationslagern, die es zwischen 1933 und 1945 quasi in jeder Stadt gab, berichten von steigenden Besucherzahlen. Die junge Generation fragt nach. Sie ist es auch mehr gewohnt, weil sie mehr Übung hat: Als ich Jugendlicher war, wurde in den Achtzigern etwa über Rassismus kaum gesprochen. Natürlich gab es ihn zuhauf.

Aber Leute, die heute als „Minderheiten“ ausgemacht werden, setzen sich besser gegen Stigmatisierung und Schubladendenken zur Wehr. Über Rassismus zum Beispiel wird mehr diskutiert, auch über Antisemitismus. Es gibt heute nicht weniger. Aber ihm wird bewusster und lauter Paroli geboten. Die diverser gewordene Gesellschaft trägt viele in sich, die wissen, wie sich mieses Gedankengut anfühlt, sie erleben es am eigenen Leib – und damit auch ein Gespür haben für das Leid, welches die Opfer des Nationalsozialismus erlebten, der im mies sein ziemlich gut war. All das ist heute für uns alle ein Geschenk. Ein Auftrag. Dieser Jahrestag wird so schnell nicht vergehen.

Im Video: Bundestagspräsidentin: "Antisemitismus ist mitten unter uns"

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