Kommentar: Die Cringeangst der Grünen

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Demonstranten beim jüngsten Klimastreik im Oktober 2021 in Berlin (Bild:REUTERS/Michele Tantussi)
Demonstranten beim jüngsten Klimastreik im Oktober 2021 in Berlin (Bild:REUTERS/Michele Tantussi)

Bald wird regiert. Aber können die Grünen auch liefern? Sie sind die Klima-Partei, und die Erwartungen sind groß. Mit den Jungen können sie es sich leicht verscherzen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Man ist ja schnell mal peinlich. Für die Grünen, die eine Partei aus Erwachsenen sind, aber eine Politik für die Jugend machen wollen, ist das ein Problem. Denn die Jungen haben Erwartungen. Die wichtigste: endlich im Kampf gegen den Klimawandel ernst machen. Doch was werden die Worte der Grünen aus der Opposition heraus wert gewesen sein, wenn es nun ans Regieren geht? Auf die Grünen kommen wegweisende Monate zu.

Entweder sie erweisen sich als Motor eines wirklichen Wandels und dürfen sich weiterhin als Klimapartei für all jene anbieten, welche die Glocken gehört haben. Oder sie verhaken sich in seichten Kompromissen, wenig unterscheidbar von anderen Parteien – und schaffen sich im Grunde damit selbst ab.

Die Grünen haben die Wahl. Heute kommt der neue Bundestag erstmals zusammen, nächste Woche ist die lang erwartete UN-Klimakonferenz „COP26“ in Glasgow. Schon zwischen diesen beiden Terminen muss sich herausschälen, ob die Öko-Partei ihren Titel verdient. Denn der künftigen Regierungsfraktion sitzen die Jungen im Nacken: Seit ihrer Gründung Anfang 2019 in Deutschland beackern die Aktivisten von „Fridays for Future“ (FFF) vor allem die Grünen: Es wird gestritten und gefeilscht um jede Ziffer hinterm Komma bei der Formulierung von Klimazielen – und wie sie umgesetzt werden sollen. Die Grünen sind seit dieser Phase intern die Abschwächenden, die Leute von FFF die Treiber.

Auf die Performance wird geschaut

Nichts kommt bei angehenden und jungen Wählern dämlicher an, als aufgeblasene Backen zum Fremdschämen. Oder um es mit dem neuen Jugendwort des Jahres zu sagen: Die Grünen müssen aufpassen, sonst ist das, was sie vollbringen, für Schüler ziemlich cringe. Dann wählen sie lieber FDP. Die Liberalen versprechen weniger und sind zumindest weniger peinlich als die altbackenen und noch älter daherkommenden CDU und SPD.

Denn Klima wird das bestimmende Thema werden. Vorbei ist die Zeit, in der wohlfeil darüber lamentiert wurde. Zwar avancierte der Klimawandel nicht zu jenem Topthema im Bundestagswahlkampf, wie es erwartet worden war. Aber die Dringlichkeit steigt. Und die Sensitivität auch: Immerhin berichten Medien immer stärker darüber, es gibt Diagramme auf zig Seiten, die den Trend veranschaulichen: Temperaturanstieg, Meeresspiegelanstieg, CO2-Anstieg.

Faktor Klima weist nach oben

Natürlich wandert dann der Vorwurf umher, Medien würden den Klimawandel thematisch überstrapazieren, sie würden ideologisch aufgeladen berichten. Wenn diese Behauptung nüchtern auf die Relevanz des Klimawandels für die Bürger dieses Landes hin abgeklopft wird, ist indes festzustellen: Diese Berichterstattung kommt zu spät, aber besser jetzt als nie. Der Klimawandel ist bereits einschneidend – und die Konsequenzen aus ihm werden noch viel krasser werden. Auch die dadurch entstehenden Kosten durch Schäden. Da ist es besser, heute viel Geld zur Linderung und Anpassung auszugeben, als später eine noch dickere Rechnung präsentiert zu bekommen. Es ist natürlich ein Märchen, dass der Kampf gegen den Klimawandel nichts kosten würde, eine reine Chance für die Wirtschaft sei. Aber die Sirenen heulen heute, nicht übermorgen.

Die Grünen stehen also am Scheideweg. Eine weitere irgendwie liberale Partei braucht es nicht. Links und rechts sind die Felder abgesteckt. Bleibt nur die Umwelt. Und die Rettung des Planeten ist ja nun auch kein unbescheidenes Ziel.

Video: Wie vielfältig ist der neue Bundestag?

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