Kommentar: Die Pandemie unserer Unfähigkeiten

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Wenn, dann eingezäunt: Dieser Weihnachtsmarkt in Hannover öffnet nur für Geimpfte und Genesene (Bild: REUTERS/Fabian Bimmer)
Wenn, dann eingezäunt: Dieser Weihnachtsmarkt in Hannover öffnet nur für Geimpfte und Genesene (Bild: REUTERS/Fabian Bimmer)

In der vierten Welle kommen wir alle nicht in den richtigen Rhythmus. Jede Geschwindigkeit ist falsch – mal zu langsam, mal zu schnell. Im Ausland schaut man perplex auf dieses „Made in Germany“.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Jetzt muss also debattiert werden. Die Frage, ob eine Impfpflicht beschlossen wird, ist natürlich keine fürs nebenbei. Aber im Schatten dessen, was sich gerade in den Krankenhäusern ansammelt, reservieren wir erstaunlich viel Zeit fürs Diskutieren. Es müsse geprüft werden, inwiefern solch eine Entscheidung gerichtsfest ist, heißt es. Nun, und spätestens im Frühsommer konnte dies nicht angegangen werden? Manche tun, als weile Corona erst seit vorgestern unter uns. Und andere hyperventilieren vor Hast. Wir finden nicht den Takt, den wir brauchen.

Achtung, hier kommt der Fahrradketten-Einstieg: HÄTTE man auf die einhelligen Wortmeldungen aus der Wissenschaft gehört, hätten die politischen Entscheidungsträger gewusst, dass eine Debatte über die Möglichkeiten einer Erhöhung der Impfquote am besten geführt wird, bevor man in der Krise sitzt. Aber was soll’s, der Fahrradketten-Einstieg findet ein kurzes, deprimiertes Ende hin zum Hauptteil, nämlich: Was können wir tun?

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Wenn wir also nun öffentlich darüber Gedanken anstellen, wie Druck auf bisher Ungeimpfte ausgeübt werden kann, dann bitte mit gelöster Handbremse. Eine Impfpflicht wäre auch kein Impfzwang, sondern eben die Voraussetzung, dass bei Nichtbefolgen eine Strafe zu zahlen wäre. Aus anderen Ländern wie Italien kennen wir die positiven Erfahrungen damit: Ohne den „Green Pass“, also geimpft, genesen oder aktuell negativ getestet, läuft mittlerweile wenig, mitunter auch am Arbeitsplatz. Es wurde laut im Vorfeld gewehklagt, eine Revolte angekündigt, vor allem von rechten Trittbrettfahrern – aber alles blieb aus, die Leute lassen sich impfen. Und nun überlegt die Regierung in Rom gar einen „Super Green Pass“ mit weiteren Einschränkungen für Ungeimpfte, von Österreich inspiriert. Und wir? Wir müssen noch diskutieren.

Ein hässliches Déjà-Vu

Währenddessen bauen wir die Weihnachtsmärkte, die gerade erst gezimmert wurden, wieder ab. Feiern werden abgesagt, das Weihnachtsfest droht auch diesmal ohne die lieben Gäste. Ich weiß: alles Luxusprobleme. Hauptsache, man bleibt gesund. Aber es verbittert, wie viel Leid hätte vermieden werden können, wenn so viel weniger Leuten ihre pseudowissenschaftlichen Spinnereien, ihr geckenhaftes Robin-Hood-Gehabe und ihr schlichter Egoismus derart wichtig gewesen wären, dass sie sich einen Gang zum Impfarzt schenken. Man gönnt sich ja sonst nichts. Darauf einen selbst gezogenen Glühwein.

Wo bleibt das Organisationstalent?

Schon halbwegs Gaga wird es dann, wenn plötzlich Geschwindigkeit aufkommt, aber an falscher Stelle. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte jüngst auch mal Richtiges, dass nämlich Moderna-Impfdosen, die bald ablaufen, am besten prioritär verimpft werden. Ist doch logisch. Das Zeug wirkt. Aber der Aufschrei war groß, als hätte Spahn versucht, uns Kochsalzlösung anzudrehen: Nein, unter meine Haut lasse ich nur das gute deutsche Biontech! Dass Spahns Wortmeldung dazu dienen würde, Leute vom Impfen abzuhalten, ist Humbug – keine Ahnung, warum sich die Ärzte so aufgeregt haben. Was einen vom Impfen abhält, sind die immer noch nicht funktionierenden Möglichkeiten: Die Impfzentren werden erst langsam hochgefahren, bei Ärzten landet man in einer Telefondauerschleife – und als ich den angeblich nicht mehr angesagten Moderna-Impfstoff für mich zum Boostern suchte, hatte ja vorher auch zweimal Moderna bekommen, da hieß es: Also, wenn, dann gäbe es nur Biontech. Aber auch nur theoretisch. Das soll einer verstehen.

Dieses Chaos der unpassenden Geschwindigkeiten offenbart eine Menge Unfähigkeiten, gerade im Vergleich zu Nachbarländern. Das mit dem „Made in Germany“ sollten wir nochmal überdenken.

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