Kommentar: Erdogans geplanter Überfall bringt den Krieg nach Europa

Tobias Huch
·Journalist und Englandkorrespondent
Erdogan droht seit Wochen mit einer weiteren Offensive gegen die kurdische Selbstverwaltung in Nordsyrien (Bild: Reuters)
Erdogan droht seit Wochen mit einer weiteren Offensive gegen die kurdische Selbstverwaltung in Nordsyrien (Bild: Reuters)

Der türkische Diktator Erdogan kündigt es inzwischen fast im Wochentakt an: Seine Armee hat vor, in Nordsyrien einmarschieren und dort das blutige Werk zu vollenden, das bereits im vergangenen Jahr mit der Einnahme der friedlichen kurdischen Enklave Afrîn begonnen hat. Afrîn hat er bereits von allen Kurden, Christen und Jesiden “säubern” lassen; nun will er mit dem Rest Nordsyriens ebenso verfahren.

Für den geplanten Einmarsch hat Erdogan eigens über 20.000 dschihadistische Söldner rekrutiert, die sich zwar “FSA” (Freie Syrische Armee) schimpfen, jedoch fast ausschließlich aus Al-Qaida-Kämpfern und ehemaligen ISIS-Mitgliedern bestehen. Diesen gedungenen Mördern, viele davon bestialische Kriegsverbrecher, verspricht der Autokrat aus Ankara reiche Beute: Privathäuser und Geschäfte zum Plündern; Frauen und Kinder zum Vergewaltigen und zum Versklaven.

Für den schlimmsten denkbaren Abschaum der Welt, islamistische Killer und bewaffnete Psychopathen, eine wahrlich verlockende Spielwiese, eine rechtloser Raum zur Befriedigung der niedrigsten menschlichen Instinkte – und das im Namen des türkischen Staates. Was die reguläre türkische Armee angeht, so hält sie sich vornehmen zurück, bis sich die Schlächter ausgetobt haben; sie wird, wie auch schon im Fall von Afrîn, erst dann syrisches Terrtorium betreten, wenn keine Gefahr durch Widerstandsnester mehr droht.

Die nächste Flüchtlingswelle droht

Auch schont Erdogan auf diese Weise seine Ressourcen, denn für Häuserkämpfe und die Wirren des Guerilla-Kriegs sind seine Streitkräfte zu schwach und unerfahren. Nur die türkische Luftwaffe wird schon früher eingreifen und alles bombardieren, was sie ins Visier bekommt; darunter natürlich auch Flüchtlingstreks, Krankenhäuser und zivile Wohnsiedlungen. Mit Gräueltaten und Attacken gegen wehrlose Ziele kennen sich türkische Soldaten bestens aus.

Über eines muss sich Europa im Klaren sein: Startet Erdogan tatsächlich seinen zweiten völkerrechtswidrigen Angriffskrieg, so werden hunderttausende Menschen nach Europa fliehen. Sie fliehen auch – oder gerade – vor deutschen Waffen: Denn was gegen sie zum Einsatz kommen wird, sind deutsche Gewehre, deutsche Munition, deutsche Panzer.

Die Bundesregierung muss insgeheim hoffen, dass möglichst wenigen die Flucht gelingt. Jedes ertrunkene Flüchtlingskind in der Ägäis wäre quasi eine Win-Win-Situation für Berlin: Man reibt sich die Hände über satte Gewinne der deutschen Rüstungsindustrie, und wenn die Kollateralschäden tödlich ausfallen, entstehen keinerlei Kosten für den deutschen Steuerzahler. Auf dieser Basis kann gerne weitergearbeitet und -gedealt werden. So gesehen bilden die Leichen am Grund des Mittelmeeres das Fundament für die nächsten Rüstungsexporte.

Zeitbombe in den Gefangenenlagern

Doch da gibt es noch ein weiteres “kleines” Problem: Über 2000 europäische ISIS-Kämpfer sitzen in Kriegsgefangenenlagern der Kurden, während sich ihre Herkunftsländer – auch Deutschland – weigern, diese zurückzunehmen. All diese Kriegsverbrecher will Erdogan beziehungsweise seine Dschihadisten befreien. Geschieht das, so werden sich die meisten von ihnen auf den Weg in die Heimat machen.

Ein kurdischer Sicherheitsbeamter mit zwei gefangenen britischen IS-Kämpfern (Bild: AP Photo/Hussein Malla)
Ein kurdischer Sicherheitsbeamter mit zwei gefangenen britischen IS-Kämpfern (Bild: AP Photo/Hussein Malla)

Sie bilden die nächste Generation von Gefährdern und Schläfern. Wir werden von ihnen wieder hören, wenn sie hierzulande in Bussen sitzen, mit der Bahn fahren, sich LKW mieten oder im Supermarkt Küchenmesser kaufen und unüblich nutzen. Sie werden dort weitermachen, wo Anis Amri und andere aufgehört haben. Und am Ende will wieder niemand verantwortlich gewesen sein.

Ich fasse nochmals zusammen: Sollte Erdogan wieder Syrien überfallen, wird es überall Opfer geben. Natürlich vor allem unter den Kurden, Christen und Jesiden, die in Syrien sterben; sodann unter den unzähligen Flüchtlingen, die eine solche Militäraktion verursacht, auf ihrem Weg nach Europa; und am Ende unter uns Europäern und vor allem Deutschen selbst, sobald die deutschen IS-Veteranen wieder zuhause sind. Spätestens dann wird, so vermute ich, die Freude über deutsche Exportüberschüsse allenfalls noch eine mediale Randnotiz sein.