Kommentar: Hauen wir dem Virus auf die Finger

Jan Rübel
·Reporter
·Lesedauer: 3 Min.
Eine Szene aus dem Irak: Ein ehrenamtlicher Helfer verbrennt Kleider, die zum Begräbnis von an Covid-19 Verstorbenen benutzt wurden (Bild: REUTERS/Alaa al-Marjani)
Eine Szene aus dem Irak: Ein ehrenamtlicher Helfer verbrennt Kleider, die zum Begräbnis von an Covid-19 Verstorbenen benutzt wurden (Bild: REUTERS/Alaa al-Marjani)

Ein harter Lockdown zeichnet sich ab. Wer will den schon? Am allerwenigsten das Corona-Virus selbst. Also los.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Schön wär’s gewesen. Ein Lockdown „light“ sollte schmecken wie eine Zigarette mit weniger Teer, also weniger schlimm. Nur erinnere ich mich an Leute, denen das auch nicht nützte.

Wir haben es in Deutschland mit zaghaften Maßnahmen versucht, das Coronavirus einzudämmen. Man könnte sagen: Einen Versuch war es wert. Nun aber muss man sagen: Ein Riegel muss vor die Tür. Es sei denn, wir planen ganz bewusst langfristige Einsparungen bei den Rentenversicherungen, weil wir eine Menge Alte wegsterben lassen. Oder indem wir die Risikoträger aufgeben, was fällt ihnen auch ein, sich eine blöde Diabetes anzulachen, oder einen Tumor, eine Behinderung?

Nur stimmen solche Rechnungen natürlich nicht: Die Kosten gehen für unsere Krankenversicherungen eh durch die Decke, und nur durch einen massiven Griff des Bundes in seine Honigtöpfe wird vorerst vermieden, dass die Beiträge für uns nicht steigen.

Ein Licht geht auf

In diesen Stunden kommen eine Menge Leute zur Vernunft. Selbst Boris Palmer, der quartalsirre Oberbürgermeister Tübingens, entwickelt gute Ideen, um dem Virus Herr zu werden: durch Einkaufszeiten für Senioren und Taxifahrten für sie zum Preis des Öffentlichen Nahverkehrs; womöglich wird er gemerkt haben, dass seinem sozialdarwinistischen Trashtalk doch ein wenig die Moral mangelte. Nun steuert Palmer seine Gedanken in konstruktive Gewässer. Selbst einem harten Lockdown über die Festtage hinweg steht er aufgeschlossen gegenüber. Die Wissenschaft ist sich nicht uneins. Die allermeisten Forscher empfehlen jetzt härtere Isolierungen, und nur einige wenige, übrigens meist die weniger kompetenten, bestätigen als Ausnahmen diese Regel.

Es nützt ja nichts. Wer das Leid vor der Haustür hat, die älteren Nachbarn, die plötzlich nicht mehr da sind, der reagiert aufgeschreckter. Da passt es, dass Bürgermeister aus ländlichen Regionen, die bisher am wenigsten von Covid-19 getroffen worden sind, sich nun am ehesten gegen einen harten Lockdown sträuben und ein „Fingerspitzengefühl“ anmahnen. Dabei übersehen sie, dass es gerade ihren Regionen nützt, wenn gleich zu Anfang dem Virus auf die Finger gehauen wird. Nur so wird das was.

Die Coronadiktatur kann warten

Kann mir bitte jemand erklären, welchen Sinn es haben sollte, dass sich in dieser Situation zehn Leute unterm Weihnachtsmann versammeln? Und ja, es ist hart, nun die wenigen sozialen Ausbruchversuche sein zu lassen. Aber es ist nur für den Moment. Schließlich, nur zum Protokoll für die so genannten Querdenker: Die Bürgerrechte sind nicht weg, sie ducken sich nur, ein bisschen, zeitlich befristet, also keine Sorge. In der Zwischenzeit können ja Michael Ballweg & Co. tatsächlich im Grundgesetz blättern und nicht nur damit spazieren gehen, während sie Verwaltungsvorschriften durchforsten, wie sie am besten den Rechtsstaat austricksen, um zu ihren Versammlungen zu kommen.

Dieser Lockdown „light“ hat es nicht gebracht. Gehen wir ihn also diesmal richtig an. Denn es gibt ja Impfstoffe, die helfen werden. Die Geduld, die wir uns abverlangen, ist nicht auf Sand gebaut. Ein Ende dieses Mists ist in Sicht.