Kommentar: Horst Seehofer wird zum Ritter von trauriger Gestalt

Horst Seehofer bei der EU-Innenministerkonferenz in Innsbruck (Bild: Reuters)

Der Bundesinnenminister strauchelt moralisch. Ihm scheint ein Kompass verloren gegangen zu sein.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Es war einmal ein Politiker, der wirkte aufrichtig. Er vermittelte seiner Umgebung: Ich kann nicht anders, daher steh ich hier. Damals, in den Nullerjahren, galt Horst Seehofer als soziales Gewissen der CSU mit durchaus eigenem Kopf.

Heute hat er letzteren behalten, aber das Gewissen ist weg.

Seehofer vermittelt auch in diesen Tagen den Eindruck, als könne er nicht anders, als weigere er sich heilige Prinzipien auf dem Altar verwässerter und wertefreier Politik zu opfern. Er schaut dann ein wenig verdutzt, als wolle er doch nur die Welt festhalten, die schnelllebige. Seehofer kann verdammt gut unschuldig sein. Doch seine Miene passt nicht mehr zu den Inhalten, für die er steht.

Seehofer macht auf Trump. Er maximiert seine Drohungen, spielt mit Rücktritten und steckt sie im gleichen Atemzug wieder in die Hosentasche. Verlässlich war Seehofer in den vergangenen Wochen nur darin, dass man jederzeit mit einer neuen Volte rechnen musste – genau wie bei Trump. Seehofer meint den Geist der Zeit erschnüffelt zu haben, und der raunte ihm zu: Wende dich gegen andere Politiker (und besonders Politikerinnen, ganz besonders eine bestimmte), mach dich zum Don Quichote als Tribun eines Volkes, welches du selbst bestimmst. Damit ist Seehofer zu einem Ritter von trauriger Gestalt geworden: Er reduziert sich auf Symbolpolitik wie das Gerede von Zurückweisungen an der Grenze – oder auf eigene Geburtstagsglückwünsche der entgleisten Art.

Austeilen, aber kräftig

Am Dienstag reichte es ihm nicht, den Koalitionspartner SPD bei der Präsentation seines so genannten Masterplanes zu desavouieren, indem er so tat, als habe es keine Einigung mit den Sozialdemokraten in der Asylpolitik gegeben, nein: Seehofer schenkte sich das Sahnehäubchen auf seiner Geburtstagstorte und sagte: “Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 – das war von mir nicht so bestellt – Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden. Das liegt weit über dem, was bisher üblich war.”

Wer sich über sowas freut, beweist komischen Humor. Ich mag mir nicht vorstellen, was noch alles Seehofers momentane Seele erhellt, kilometerlange Autoschlangen an der Grenze vielleicht? Oder Bürgerjagden auf untergetauchte Migranten?

Dumm gelaufen für Seehofer, dass just einer dieser 69 Menschen kurz nach seiner unfreiwilligen Ankunft in Kabul Suizid beging und dokumentierte, dass Seehofers Humor einem schnell im Hals stecken bleibt.

Passagiere von Seehofers Geburtstags-Abschiebeflug bei der Ankunft in Kabul an (Bild: dpa)

Seinen Selbstgruß kann er nicht mehr zurückholen. “Das ist zutiefst bedauerlich, und wir sollten damit auch sachlich und rücksichtsvoll umgehen”, sagte der CSU-Chef nun am Mittwochabend in Innsbruck über den Suizid. Und redete dann eiernd, dass es schwer fällt ihm zu folgen: “Das wusste ich gestern nicht. Das ist heute in der Früh bekannt geworden.” Er, Seehofer, habe am Dienstag gesagt: “Wie das Leben oft so spielt. Hab sogar noch dazu gesagt: Nicht organisiert. Und dann wird da etwas draus gemacht.”

Tja. Wie halt das Leben oft so spielt.

Seehofer hat sich von der aktuellen Politik des Landes verabschiedet, von den Problemen des Alltags. Er verharrt im Symbolischen, bei seinen Grenzen und den Bedrohungen, die er stilisiert. Dass er meint, dieses Gebaren mit der alten bekannten Miene vorantreiben zu können, macht sein Verhalten gänzlich absurd.

Fliehende Zeiten

Diese Miene setzte er zum Beispiel 2005 auf, als Angela Merkel, die damalige Spitzenkandidatin der Union bei der anstehenden Bundestagswahl, ihn nicht ins Schattenkabinett holte. Damals wurde er als “Herz-Jesu-Sozialist” verschrien, er hatte sich der von Merkel vertretenen ungerechten Kopfpauschale in der Gesundheitsversicherung widersetzt, die die Arbeitnehmer übervorteilt hätte; heute wird die Kanzlerin sich nicht daran erinnern wollen.

Seehofer keilte nicht, er war schlicht standhaft. Wo er hinkam, hörten die Leute dem Ausgebooteten zu. Als ich ihn damals eine Zeitlang begleitete, schien er die Welt tatsächlich festhalten zu wollen, die ihm zu neoliberal und herzlos zu werden drohte, zu grell. Er wollte die Welt förmlich greifen. Gerechtigkeit garantieren.

All dies ist Lichtjahre her. Das Schicksal spülte Seehofer doch noch nach oben, er rettete die am Boden liegende CSU als weißer Ritter, führte sie zu neuen Höhen. Heute ist er ein schwarzer Ritter geworden. Er erinnert an jenen schwarzen Ritter aus Monty Pythons “Ritter der Kokosnuss”, der im Duell nicht merken will, wie er dezimiert wird.

Seehofer ist der große Verlierer dieser Tage. Sein politisches Erbe liegt in Trümmern. Darüber wird er nicht hinwegtäuschen können. Er ist viel sozialer und integrativer, als er nun tut. Vielleicht findet er den alten Seehofer wieder. Oder er verschwindet im öffentlichen Gedächtnis als derjenige mit dem tragischen Geburtstagsgruß.