Kommentar: Kolumnist Fleischhauer – ich Tarzan Jan, du Jane

Jan Rübel
·Reporter
·Lesedauer: 4 Min.
Auch ein gefährlicher Beruf: Gilberto Shedden, 50, ein Krokodil-Dompteur aus Costa Rica im Jahr 2007. (Bild: REUTERS/Juan Carlos Ulate)
Auch ein gefährlicher Beruf: Gilberto Shedden, 50, ein Krokodil-Dompteur aus Costa Rica im Jahr 2007. (Bild: REUTERS/Juan Carlos Ulate)

Der Kolumnist Jan Fleischhauer hat ein neues Herzensanliegen: die Gleichberechtigung der Frau. Echt jetzt? Klar. Aber: Nur die Harten kommen in den Garten.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Das Kolumnistendasein ist ein harter Job. Richtiggehend risikoreich sogar, da habe ich mir zum Beispiel letztens eine Sehnenscheidenentzündung an der linken Hand zugezogen – von den Haltungsschäden durchs viele Sitzen ganz zu schweigen. Der Kolumnist Jan Fleischhauer zieht daraus für seine aktuelle Mission interessante Schlussfolgerungen: Der Gleichberechtigung fühle er sich verpflichtet, verkündete er bei „focus.de“, und da kam ihm eine verwegene Idee.

Eine Liste der gefährlichsten Berufe in Deutschland präsentierte er, darunter Sprengmeister, Gerüstbauer und Dachdecker. „Der Frauenanteil liegt bei unter zwei Prozent“, sagte er. „Das geht ja gar nicht.“

Gleichberechtigung nach Fleischhauer liegt also darin, bei diesen Jobs den Frauenanteil zu erhöhen. Ich stelle mir vor, wie die Innung der deutschen Sprengmeister in den Fußgängerzonen an Infoständen verzweifelt um Nachwuchs wirbt, denn irgendwer muss ja diesen Job machen, sonst – naja. Weil sich aber Gretel wegdrückt, zieht sich also Hans die Ärmel hoch und sagt: Muss ja. Ähnlich wird es bei der Vergabe von Kolumnen sein. Wenn da ein Medium in die Republik hineinfragt, wer sich wöchentlich zum Horst machen und nicht wirklich lang haltbare Parolen raushauen will, ist Eva schon wieder nicht zur Stelle, um gewisse Zielgruppen zu beschallen; und Adam muss das Plattiereisen aus der Schublade holen. Einer muss halt.

Kein Platz für Mimimi

Den ungefährlichsten Job Deutschlands erwähnt Fleischhauer übrigens auch, das ist der des Zahnarztes. Leider vergisst er dann, auch bei dieser Profession eine Lanze für die Gleichberechtigung zu brechen, denn die 33.313 Zahnärztinnen waren 2018 gegenüber 39.479 Zahnärzten schon unterrepräsentiert; aber anscheinend geht es bei diesen Kolumnen immer nur in eine Richtung.

Wie Fleischhauer dann die Brücke zu Ursula von der Leyen schlägt, habe ich nicht ganz verstanden, jedenfalls setzt er nahtlos fort: „Und wer hätte gedacht, dass auch die EU-Kommissionspräsidentin zu den Berufen zählt, die man besser meiden sollte?“ Warum? Genau, wegen „Sofagate“ – als ihr bei einem Empfang in der Türkei EU-Ratspräsident Charles Michel davonlief, um ja vor ihr neben Recep Tayyip Erdogan Platz nehmen zu können; obwohl sein Amt im Vergleich zur Kommissionspräsidentschaft weitaus weniger gewichtig ist, aber hey: Er ist ein Mann.

„Ich fühle mich verletzt und alleingelassen, als Frau und als Europäerin“, sagte später von der Leyen dazu. Fleischhauers Kommentar: „Sich mit drei Wochen Verspätung zu beklagen, ist irgendwie ein bisschen klein. Ich glaube, Frau von der Leyen konnte einfach der Versuchung nicht widerstehen, auch mal die Opferkarte zu spielen: Die arme Frau, die untergebuttert wird.“ Merke: In manchen Weltbildern haben Frauen eben es mit der „Versuchung“, weil weniger mit Vernunft. Und in diesem Weltbild hat nicht jeder oder jeder die Kolumnisten-Konfektionsgröße, sondern ist eher „klein“. Und klar, deswegen wird halt ab und zu die Opferkarte gespielt, sozusagen als Ausgleich für diesen Mangel.

Eine Tüte Mansplaining, bitte

Apropos Mangel: Einen Monat zuvor hatte Fleischhauer die SPD verspottet, weil sie sich von der Rapperin Lady Bitch Ray in Sachen Feminismus beraten lässt. „Lady Bitch Ray ist eine deutsche Pornorapperin, die erstmals überregionale Bekanntheit erlangte, als sie dem TV-Moderator Oliver Pocher während einer Fernsehsendung eine Dose mit Vaginalsekret überreichte“, schrieb er da. Nun, jeder hat seine eigene Aufmerksamkeitsspanne. Jedenfalls ist Reyhan Şahin nicht nur als Rapperin bekannt, die mit ihren Reimen gerade den Sexismus auf die Hörner nimmt, sondern auch Linguistik-Forscherin. Im Nachtrag zu seiner Kolumne schrieb Fleischhauer dann, man habe ihn auf den wissenschaftlichen Hintergrund von Şahin aufmerksam gemacht.

„Da der Autor weiß, wie es ist, wenn die akademischen Würden unterschlagen werden (er hat sein Studium der Philosophie und Linguistik mit einer Arbeit über ‚Gespenster und Gespenstertheorien der Aufklärung‘ magna cum laude abgeschlossen), fühlt er sich verpflichtet, die Information über den akademischen Grad von Dr. Lady Bitch Ray hier nachzutragen. Er verbindet dies mit einem Appell, den man auch als Entschuldigung verstehen kann: ‚Wir Linguisten sollten mehr zusammenhalten.‘“

Au weia. Magna cum laude, das klingt weihevoll. Ist aber als Schulnote eine „zwei“, also gut; nicht weniger, aber auch nicht mehr. Einen Linguisten macht das aus Fleischhauer noch lange nicht, denn er hat im Gegensatz zu Şahin, die gerade habilitiert, nicht promoviert. Das muss an sich kein Mangel sein. Aber durchaus einer, wenn er zu ihr auf eine Stufe strebt und sich größer macht, als er ist.

Video: Friedrich Merz fordert Verbot der Gendersprache