Kommentar: Wie Julian Reichelt sich weiter um die "Goldene Kartoffel" verdient macht

Wollte nicht mit der ersten “Goldenen Kartoffel” ausgezeichnet werden: Julian Reichelt (Bild: ddp images)

Julian Reichelt, Chefredakteur der “Bild”-Zeitung, sollte am Wochenende für seine “unterirdische Berichterstattung über Aspekte zu der Migrationsgesellschaft” ausgezeichnet werden. Und zwar mit dem Preis der “Goldenen Kartoffel”, welcher verliehen wird durch die Neuen deutschen Medienmacher (NdM).

Bei den NdM handelt es sich um einen bundesweiten Zusammenschluss, der sich für gesellschaftliche Vielfalt in der Berichterstattung einsetzt. Der 2018 zum ersten Mal vergebene Preis wird verliehen, wenn durch Journalismus Rassismus reproduziert und gefördert wird.

Übergeben wurde der Preis mit folgenden Worten: “‘Bild’ steht für Unsachlichkeit, Vorurteile und Panikmache, wenn es um die Themen Integration, Migration und Asyl geht, für doppelte Standards in der Berichterstattung über Menschen mit und ohne Migrationshintergrund und für einen stark ethnozentrischen Blick auf unsere Einwanderungsgesellschaft und deren Herausforderungen.”

Selbstinszenierung überschattet Kritik

Der Beweggrund der Neuen deutschen Medienmacher war, ein Zeichen zu setzen. Julian Reichelt jedoch nutzte den Preis als Vorlage für seine Selbstinszenierung und löste eine Debatte aus, die seitdem die eigentliche Intention zunehmend überschattet.

Denn die “Goldene Kartoffel” lehnte Reichelt ab. Nicht einfach so, sondern mit einer erklärenden Rede. J. Reichelt gab sich angegriffen, holte weit aus und belehrte etwa die Neuen deutschen Medienmacher, dass sie keine Fördergelder der Regierung annehmen sollten, wenn sie zwischen „gutem und schlechtem“ Journalismus differenzieren würden. Er fuhr fort: “In den Brennpunktschulen, wo die Integration keine Erfolgsgeschichte ist, ist Kartoffel eine Beschimpfung, die sich auf Rasse und Herkunft bezieht.”

Ziemlich klare Worte über Rassismus gerade vom Chefredakteur einer Zeitung, die wöchentlich diskriminierende Schlagzeilen macht. Artikel werden betitelt mit “Wir Araber verstehen nur das Schwert und Allah” oder “Die Ungläubigen sollen umgebracht werden”. Solche Aussagen schüren durch Pauschalisierung Hass und stellen Minderheiten kollektiv in ein schlechtes Licht.

Ich muss dagegen ganz ehrlich sagen, der Begriff “Kartoffel” würde mich als halb-deutsche Person überhaupt nicht beleidigen. Unabhängig davon, dass die Kartoffel zu den geilsten Nahrungsmitteln gehört, die es gibt.

Ablenkung statt Einsicht

Reichelts Rassismuskritik ist jedoch nicht das einzig Paradoxe, was sich während der Verleihung abspielte. Der Chefredakteur brachte einen geflüchteten Journalisten aus Syrien mit auf die Bühne, um mit ihm gemeinsam die “Bild”-Zeitung zu verteidigen. Dass er den Journalisten unterstützt, ist wirklich eine gute Sache, keine Frage.

Aber: Wir sprechen von einer Person, die für die Tageszeitung “Bild” als Chefredakteur fungiert, die immer wieder schlecht recherchiert über syrische Männer, Asylpolitik, Islam etc. titelt. Deswegen ja auch der Preis. Wie bewertet man also dieses Wirrwarr, das Reichelt mit seinem Auftritt erzeugt hat?

Genauso: Als Wirrwarr. Es lässt sich keine klare, sinnvolle, Linie erkennen. Erkennbar ist nur ein zurecht als “Gewinner” ausgewählter Mann, der mit Kritik nicht konstruktiv umgehen kann.

Es ist allerdings verwunderlich, dass er zu der Verleihung erschienen ist, scheut er doch sonst etwaige Konfrontationen mit Kritikern außerhalb von Twitter. Doch natürlich legte er auch dort vor Kurzem nach mit dem Leserbrief einer Familie an den “Tagesspiegel”. In diesem wird davon erzählt, welche rassistischen Erfahrungen der Sohn der Familie durchmachen musste, da er deutsch sei und deswegen von seinen Mitschülern “Kartoffel” genannt werde. Passieren würde das alles, da sich auf der Schule mehrheitlich muslimische Schüler befinden.

Reichelt versucht damit erneut, sich zu rechtfertigen und standhaft sein Bild des zu Unrecht als rassistisch angegangenen zu verstärken. Doch damit bleibt das eigentliche Thema erneut auf der Strecke – wie auch die Geschichte des gemobbten Jungen. Nur die die Debatte um Reichelt selbst wird weiter angeheizt. Es ist im Grunde ein weiteres Beispiel, wie geschickt die “Bild” und ihre Mitarbeiter vom eigentlichen Problem, dem Rassismus, ablenken. Das, was, nach der Verleihung durch die Neuen deutschen Medienmacher Schlagzeilen macht, ist Reichelts dortige Präsenz. Als würde sie nicht schon genug Bühne bekommen.