Kommentar: Wieviel lügt heute die "Lügenpresse"?

Jan Rübel
·Reporter
·Lesedauer: 4 Min.
Medienkritik hat Tradition: Zwei Frauen auf einer Pegida-Demonstration im Jahr 2016. Die Vorwürfe hört man auch heute (Bild: REUTERS/Wolfgang Rattay)
Medienkritik hat Tradition: Zwei Frauen auf einer Pegida-Demonstration im Jahr 2016. Die Vorwürfe hört man auch heute (Bild: REUTERS/Wolfgang Rattay)

Was wird in den Medien unterdrückt oder manipuliert? Diesen Vorwurf gibt es immer wieder. Also werden mal die Meldungen von heute unter die Lupe genommen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Schon vor Corona, das ist eine gefühlte Ewigkeit her, gab es diese Kritik: Man fühle sich nur halb informiert, Journalisten wären unkritisch gegenüber den Regierenden bis hin zu deren Lohnschreibern; wichtige andere Informationen würden dagegen unterdrückt werden. Sie würden in einem Chor singen.

Jetzt, während Corona, liest man ähnliche Vorwürfe auch – und zwar nicht nur von Pegida-Demonstranten, die das Abendland untergehen sehen, sondern auch von bekannten Schauspielern. Der Kern: Das, worüber Medien berichten, deckt nur einen von ihnen gewollten Ausschnitt der Wirklichkeit ab – und sie würden nach oben buckeln, während sie gegen alle treten, die für ihre Freiheiten und die des Landes eintreten.

Vorneweg: Ich bin betroffen, weil ich ja Teil dieser Medien bin. Ich bin auch voreingenommen. Jeder Mensch hat sich gewisse Scheuklappen gebastelt, das ist normal, und so ist es auch bei mir. Es prasseln immerhin derart viele Informationen und Reize auf uns ein, dass unser Gehirn täglich die überwältigende Mehrheit davon tilgt, bevor wir sie verarbeiten. Und auch ich gehe durch die Welt mit einem gewissen Bild.

Also: Diese Kritiken habe ich bisher nie geteilt. Ich habe sie für unbegründet gehalten. Aber vielleicht irre ich mich?

Was steht an?

Immerhin entspannt sich die Lage gerade etwas. Die Inzidenzen bei den COVID-Fällen sinken, nun wird spürbar mehr geimpft und tatsächlich erscheint am Horizont eine Aussicht auf ein klein bisschen Rückkehr zur Normalität dessen, was vor der Pandemie war. Ein guter Zeitpunkt also, um zu schauen, wie die Medien so berichten. Das habe ich mir heute (Dienstag) am Morgen angeschaut, und zwar bei den so genannten "Schlachtrössern" des Online-Journalismus, nämlich "Spiegel", "Zeit", "Süddeutsche", "FAZ", "Focus" und "Welt" mit ihren Webauftritten. Das ist natürlich auch willkürlich, aber immerhin haben allein diese Medien recht oft Schelte abgekriegt. Was ist also dran?

Mir fällt auf, dass Berichte zu Corona nicht nur dominieren, sondern die Seiten regelrecht beherrschen. Dies hat zur Folge, dass andere Inhalte weggedrückt werden, vor allem außenpolitische. Immerhin gibt es durchaus Vergleiche, wie mit Corona in anderen Ländern umgegangen wird: und zwar heute mit Israel und Indien ("Zeit"), Spanien ("Spiegel") und Schweden ("Süddeutsche"). Den Blick über den Tellerrand also gibt es schon.

Zu Corona gibt es keine einhellige Berichterstattung, sondern ALLES. Und jede Menge Kritisches. Da geht es um die Zweifel an der Luca-App, die Debatte übers Impfen bei Schwangerschaft, die Lockerungsdebatte mit einer Wiedergabe von tausendundeiner Positionen dazu, aber auch Artikel über den von der Pandemie ausgelösten Psychostress und über die besonderen Belastungen von Müttern. Selbst die Kinder, die in dieser Pandemie wirklich in der Berichterstattung oftmals wenig berücksichtigt worden sind, werden zum Thema ("Süddeutsche" und "FAZ").

Was sich nicht aufdrängt

Eine Lobhudelei der Regierung kann ich nirgends entdecken. Weder bei Corona noch anderswo: Stattdessen wird die Beförderitis, welche gerade einige Bundesministerien befällt, angegriffen. Dazu gibt es kritische Berichte über möglicherweise korruptes Politikerverhalten ("Süddeutsche"), Kritik an Beratungsresistenz unter Politikern ("Focus") und distanzierende Worte zur neuen Klimapolitik der Regierung ("Welt"). Und natürlich wird viel über das Verhältnis der Union zur AfD im Allgemeinen und im Speziellen zum neuen CDU-Bundestagskandidaten Hans-Georg Maaßen berichtet.

Maaßen sieht ja gern mal eine "Cancel Culture" am Werk. Über ihn aber wird heute berichtet, als sei er der neue Kaiser von China. Er wird sich bestimmt allein für die Artikel dieses Tages ein Fotoalbum anschaffen.

Wichtig ist natürlich auch der Blick auf die Themen, zu denen nichts steht. Ich fand auf den Aufschlagsseiten aller Medien heute nichts zur Kriminalitätsentwicklung und zu Einwanderern. Wusst’ ich’s doch, mag nun der eine oder andere aufschreien. Aber: Kann es sein, dass die beiden Themen sich nicht jeden Tag aufdrängen? Worüber hätte denn berichtet werden sollen? Mir fällt partout dazu nichts ein, und ich komme zum Schluss: Es sind strukturell überbewertete Themen, die heute mal jene Berücksichtigung gefunden haben, die sie verdienen; morgen ist ja auch ein Tag.

Ein Tag ohne Jan Josef

Eher weniger wurde über die Festnahme des mutmaßlich Drohbriefschreibers von "NSU 2.0" berichtet – die Artikel gerieten kurz und trocken. Das fällt auf, haben immerhin nicht wenige Journalisten auch Post von diesen fiesen Nazis bekommen.

Gar nicht berichtet wurde heute Morgen übrigens über Jan Josef Liefers und "#allesdichtmachen". Da hat es sich offenbar ausgesprochen. Eine Cancel Culture ist da nicht am Werk: Ausgiebig wurde in den vergangenen Tagen über die Schauspieleraktion diskutiert und geschrieben. Negative Folgen für irgendjemanden sind nicht zu erkennen. Die Schauspieler wurden lediglich wegen ihrer Filmchen reichlich durch den Kakao gezogen (zurecht), und das war’s.

Alles in allem: Das mit der Lügenpresse hab ich immer noch nicht verstanden. Kann mir das jemand erklären?

Video: Jan Josef Liefers - "Habe keine saubere Recherche gemacht"