Linken-Politiker Bartsch bei Markus Lanz: "Das ist die eigentliche Spaltung"

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Linken-Chef Dietmar Bartsch befand im Talk
Linken-Chef Dietmar Bartsch befand im Talk "Markus Lanz", es sei "ein Skandal", dass es nicht gelungen sei, frühzeitig ausreichend Impfstoff zu besorgen. (Bild: ZDF)

Bei Markus Lanz wurde am Donnerstagabend über die geplante Impfung von Kindern und Jugendlichen diskutiert. Linken-Politiker Dietmar Bartsch fand dabei deutliche Worte für die Impfpolitik der Europäischen Union.

Ab Montag wird es möglich sein, auch Kinder ab zwölf Jahren zu impfen. Doch noch herrscht Verunsicherung. Während die Bundesregierung Eltern und Kindern die freie Wahl lassen möchte, zeigt sich ausgerechnet die Ständige Impfkommission (STIKO) zögerlich und hat bislang keine Empfehlung für die Impfung von Minderjährigen abgegeben. Auch bei Markus Lanz wurde am Donnerstagabend kontrovers über dieses Aufregerthema diskutiert. Zu Gast im Studio war unter anderem die Vorsitzende des deutschen Ethikrats, Alena Buyx. Für sie ist klar: Bei der Kinderimpfung müsse man "vom Turbo runter".

Zu Gast im Studio waren am Donnerstagabend Dietmar Bartsch, Alena Buyx, Anna Lehmann und Harald Lesch (von links). (Bild: ZDF)
Zu Gast im Studio waren am Donnerstagabend Dietmar Bartsch, Alena Buyx, Anna Lehmann und Harald Lesch (von links). (Bild: ZDF)

Wichtig sei viel mehr, so Buyx, dass zuerst alle potenziellen Risikopatienten ein Impfangebot bekämen. Das sei aufgrund eines "Impfstoffmangels" aber noch nicht überall der Fall, erklärte sie. Solange nicht ausreichend Impfstoff vorhanden sei, stehe für sie die Impfung der jungen Generation momentan nicht an erster Stelle. Aus diesem Grund sehe sie das Wegfallen der Impfpriorisierung eher kritisch, so die Ethikerin.

Dietmar Bartsch: Impfstoffmangel ist "ein Skandal"

Linken-Chef Dietmar Bartsch hingegen zeigte sich überzeugt von der Aufhebung der Priorisierung. Ärzte seien besser in der Lage, einzuschätzen, wer dringend eine Impfung benötige. Die Frage, warum nicht genügend Impfstoff da sei, müsse man Jens Spahn stellen - und Europa. Es sei "ein Skandal", dass es nicht gelungen sei, frühzeitig ausreichend Impfstoff zu besorgen. "Das kostet Leben", mahnte Bartsch.

Alena Buyx, Vorsitzende des deutschen Ethikrats, war sich sicher: Bei der Kinderimpfung müsse man
Alena Buyx, Vorsitzende des deutschen Ethikrats, war sich sicher: Bei der Kinderimpfung müsse man "vom Turbo runter". (Bild: ZDF)

Von einem Skandal zu sprechen, fand Wissenschaftsjournalist Harald Lesch unangemessen. Hätte man vor einem Jahr darüber gesprochen, dass es nun tatsächlich möglich sei, so viele Menschen zu impfen, hätten wir "gejubelt und wären uns in die Arme gefallen vor lauter Freude", so Lesch. Es sei eine "hervorragende Leistung der Wissenschaft, in so kurzer Zeit solche potenten Impfstoffe zu kreieren". Immerhin sei es "kein Klacks", den Impfstoff herzustellen. Viele Menschen hätten schlichtweg ein Problem, "die Hintergründe von wissenschaftlichen Institutionen" zu verstehen. 

Droht eine "Zwei-Klassen-Gesellschaft"?

Diese Meinung teile Bartsch "ausdrücklich", lenkte der Politiker ein. Er fände es wichtig, die wissenschaftliche Leistung zu respektieren. Allerdings sei seitens der Politik "um Cents gefeilscht" worden. Lesch blieb jedoch dabei: Wir müssten aufhören, so zu tun, als sei die Impfung "das Normalste der Welt", so der Physiker. Dem öffentlichen Diskurs fehlten "ein paar beruhigende Stimmen", monierte Lesch. Dem stimmte Alena Buyx zu. Bereits seit Januar sei "eingedroschen" worden auf die deutsche Impfstrategie. Man dürfe die "Wertschätzung für das Gut Impfstoff" nicht verlieren, so die Wissenschaftlerin.

Wissenschaftsjournalist Harald Lesch: Es ist
Wissenschaftsjournalist Harald Lesch: Es ist "kein Klacks", den Impfstoff herzustellen. (Bild: ZDF)

Die "taz"-Reporterin Anna Lehmann warf ein, dass die Diskussion sich auf die falschen Fragen versteife. Da bald große Impfstofflieferungen zu erwarten seien, werde sich das "Nachschubproblem irgendwann in den nächsten Wochen erledigt haben". Stattdessen werde ein "Distributionsproblem" auf uns zu kommen, warnte Lehmann. Schließlich seien nicht nur die alten und kranken Menschen schutzbedürftig, sondern auch all diejenigen, die "aufgrund ihrer Lebensumstände und ihres Berufes" verwundbar seien. Es drohte eine "Zwei-Klassen-Gesellschaft von Geimpften und Ungeimpften". 

Bartsch: "Das ist die eigentliche Spaltung"

Um eine solche gesellschaftliche Spaltung zu verhindern, sei es wichtig, beim Impfen "mehrgleisig zu fahren", erklärte Alena Buyx. Man müsse weiterhin auf Impfzentren, Arztpraxen und Betriebsärzte setzen, aber auch "aufsuchendes Impfen" praktizieren - also Menschen in sozialen Brennpunkten aktiv ansprechen. Auf der anderen Seite sei es unabdingbar, ein breites Testangebot zu schaffen für alle, die in den kommenden Wochen noch nicht geimpft werden können. Nur so könne man sicherstellen, dass die Inzidenz niedrig bleibt und somit Lockerungen für alle gelten. Dies würde soziale Spannungen im Zaum halten, so Buyx.

Die
Die "taz"-Reporterin Anna Lehmann sprach von einem bevorstehenden "Distributionsproblem". (Bild: ZDF)

Dietmar Bartsch widersprach: Das Impfen sei bei weitem nicht der hauptsächliche Grund für Konflikte in der Gesellschaft. Das Problem liege viel mehr darin, dass zahlreiche Menschen, darunter auch Schülerinnen und Schüler, zu Hause bleiben mussten und zu geringe Wertschätzung erfahren hätten. Außerdem habe die Pandemie die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert, so Bartsch. "Das ist die eigentliche Spaltung", stellte der Politiker klar. Seit vergangenem Jahr sei die Zahl der Milliardäre hierzulande von 29 auf 156 gestiegen. Für ihn stehe fest: "Da ist etwas schief in unserem Land."

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