Linnicher Straße: Die Menschen leben seit Jahren wie auf einer Baustelle

Die Anwohner klagen über die „extreme Belastung“ durch den Bau der Wohnsiedlung.

Extreme Situationen lassen sich manchmal nur mit außergewöhnlichen Wortkreationen beschreiben. „Betonmischerballett“, diesen Begriff hat Barbara Hastrich für das gefunden, was sich alltäglich vor ihrer Haustür abspielt.

Wenige Meter entfernt von ihrem Wohnort an der Linnicher Straße 65 errichtet die Firma Dornieden auf dem ehemaligen Sidolgelände ein Neubaugebiet – den Park Linné. Dazu werden 24 Stadtvillen und 27 Einfamilienhäuser mit mehr als 400 Wohneinheiten gehören.

Im Jahr 2011 begannen die Bauarbeiten, Ende 2018 sollen sie abgeschlossen sein. Mittlerweile sind die Häuser im östlichen Teil des Areals fertig gestellt, die Baustelle ist weiter nach Westen gewandert. Der Lastkraftverkehr wickelt sich einzig über die Linnicher Straße ab, eine Sackgasse, die in ein Wohngebiet führt.

Stadt hat Zustand der Straße vorher festgestellt

Das Kurven und Wenden der Lkw dort erinnert Hastrich fast an eine Choreographie, so dicht ist der Verkehr – mit Folgen, die die Anwohner nicht hinnehmen möchten. „Die Straße hat extrem unter der starken Verkehrsbelastung gelitten“, erzählt Hastrich. „Ich machen mir Sorgen, dass die Stadt sie nach dem Ende der Bauarbeiten sanieren muss und wir als Anlieger dafür zu Kasse gebeten werden.“

Mittlerweile haben sowohl die Firma Dornieden, als auch die Stadt bestätigt, das mit Hilfe eines Beweissicherungsverfahren festgestellt wurde, in welchem Zustand sich die Straße vor Baubeginn befand und somit später geklärt werden kann, welche Schäden der Bauverkehr verursacht hat.

Hastrich beunruhigt das Verkehrsaufkommen dennoch: „Teilweise stehen hier fünf Betonmischer Schlange, um das Baumaterial abzuliefern.“ Das Leben an der Linnicher Straße gleicht dem auf einer Baustelle. Besonders betroffen ist Gabriele Germund, die mit Ehemann das Haus mit der Nummer 45 bewohnt – direkt gegenüber dem Bauareal. Sie würden in einer Dauerstaubwolke leben, klagt die Anwohnerin. Sie hätten aufgegeben, im Garten zu sitzen oder auf der Terrasse zu essen.

Lkw sollen Gehwege kaputt machen

„Der Baustellensand knirscht zwischen den Zähnen“, beschreibt Germund. Die Baustelle würde zwischen 6.15 und 6.30 Uhr morgens geöffnet, um die Uhrzeit würden auch die ersten Lkw anfahren und geräuschvoll vor dem Haus wenden. Ruth Etemadi, Eigentümerin des Hauses Nummer 69, kritisiert andere Folgen des Baustellenverkehrs: „Die Lkw halten sich nicht an die hier vorgeschriebene Geschwindigkeit von 30 Stundenkilometern.“ Dort, wo es möglich sei, würden sie über Bordsteine fahren. „Hier wohnen Menschen mit kleinen Kindern, wenn die draußen herumlaufen, dann ist das richtig gefährlich.“ Zudem gingen Bordsteinkanten kaputt, der Gehweg senke sich ab. Für die Baustelle seien Parkplätze weggefallen, doch die Zahl der Anwohner im Gebiet steige durch die Zugezogenen.

„Es fehlt an einem Parkplatzkonzept, einer wirksamen Verkehrsberuhigung und Verkehrsüberwachung“, kritisiert Etemadi. Gabriele Germund meint, den Grund zu kennen, warum die Hildegard-von-Bingen-Allee, die durch das Neubaugebiet zum Bauareal führt und nach Ansicht der Anwohner auch für den Baustellenverkehr genutzt werden könnte, komplett für Fahrzeuge gesperrt ist: „Dornieden möchte seine Käufer, die bereits eingezogen sind, nicht mit dem Verkehr belasten.“ Keine Gedanken würde sich das Unternehmen allerdings um die Menschen an der Linnicher Straße neben dem exklusiven Wohnpark machen. Gabriele Germund und ihre Nachbarn fühlen sich mit ihren Sorgen nicht ernst genommen.

Jüngst hat ein Mitarbeiter von Dornieden in einem Schreiben, in das der „Kölner Stadt-Anzeiger“ Einsicht hatte, gefordert, Etemadi solle künftig von weiteren Beschwerden absehen. Germunds Schreiben würde er nicht mehr beantworten. Die Anwohner wissen keinen Rat mehr. „Ich bin vom Unternehmen zur Sprecherin der Anwohner gewählt worden“, sagt Germund. „Anfangs habe ich unsere Anliegen noch vortragen können. Seit der Baustellenverkehr nur noch über die Linnicher Straße abgewickelt wird, blockt man mich ab.“ Nachbarin Barbara Hastrich ergänzt: „Dass die Stadt sich verändert und gebaut wird, ist klar. Aber man muss doch die Anwohner mit ins Boot holen.“

Keine andere Möglichkeit laut Baufirma

Die Firma Dornieden hält die Vorwürfe nicht für gerechtfertigt: „Der jetzige Bauabschnitt liegt im hinteren Bereich des Park Linné. Daher ist das Baufeld nicht über die Hildegard-von-Bingen-Allee erreichbar und muss über die Linnicher Straße angefahren werden“, sagt Mike Offermanns, Pressesprecher des Unternehmens. „Wenn es anders machbar wäre, würden wir das auch tun.“

Das Unternehmen hätte in den vergangenen Jahren – vor allem um ein gutes Verhältnis zu den Anwohnern zu bewahren – versucht, den Baustellenverkehr insbesondere mit Schwerlastfahrzeugen fast vollständig von der Linnicher Straße fernzuhalten. Das sei jetzt aufgrund der Verlagerung der Baustelle nicht mehr möglich. „Als unmittelbare Anlieger müssen wir seit Mitte Januar die Linnicher Straße als öffentliche Straße zur Ver- und Entsorgung unserer neuen Baustellen nutzen“, sagt Offermanns.

Auch würde die Hildegard-von-Bingen-Allee einen Fuß- und Radweg, der über das Gelände verläuft, kreuzen. Wenn Lkw dort unterwegs seien, würden Fußgänger und Radfahrer gefährdet. Inwieweit die Zulieferer sich an die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf der Linnicher Straße halten, sei nicht die Sache des Bauherrn.

Wie kann die Straße entlastet werden? Was ist logistisch machbar?

„Wenn die Fahrzeuge die vorgeschrieben Tempo 30 überschreiten, ist es Sache der Stadt, das entsprechend zu überprüfen und gegebenenfalls zu ahnden“, sagt Offermanns. Dass die Baustelle bereits vor sieben Uhr geöffnet sei, bestreitet er. „Es ist vertraglich mit allen Fremdfirmen festgelegt, dass die Arbeiten erst um sieben Uhr beginnen. Die Baustelle ist erst dann für Zulieferer erreichbar.“

Auch das Amt für Straßen und Verkehrstechnik sieht wenig Möglichkeiten, die Linnicher Straße zu entlasten. „Wir werden noch einmal auf die Firma einwirken, dass sie ihre Subunternehmer auffordert, sich an die Straßenverkehrsordnung zu halten“, sagt Kai Lachmann vom Amt für Straßen und Verkehrstechnik. „Wir werden auch noch einmal mit dem Bauherrn darüber sprechen, inwieweit es vielleicht möglich ist, den Straßenverkehr zumindest auch über die Hildegard-von-Bingen-Straße abzuwickeln. Dabei müssen wir aber berücksichtigen, was für ihn logistisch überhaupt machbar ist.“

Die Anwohner der Linnicher Straße hoffen derweil, dass sich ihre Situation irgendwie verbessert. „Irgendwann brauchen die Bauarbeiter keinen Beton mehr“ überlegt Barbara Hastrich und fügt an: „aber dann kommen die Lastwagen mit den Riesenfertigbauteilen.“...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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