Männer, die auf Webcams starren: So wirr war die erste Folge der Jauch-Gottschalk-Pocher-Show

Christina Raftery
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Männer, die auf Webcams starren: So wirr war die erste Folge der Jauch-Gottschalk-Pocher-Show

RTL startete mit der "Quarantäne-WG" ein virtuelles Mehrgenerationen-Experiment, das zeigt, wie schwer es selbst drei ausgekochten TV-Schlitzohren fällt, spontan und ohne Konzept im Rücken zu unterhalten.

Das nennt man wohl aus der Not eine Tugend machen: RTL startete am Montag, 23. März, 20.15 Uhr, ein Fernsehformat, das aufgrund der besonderen Konstellation TV-Geschichte schreiben dürfte: Unter dem Titel "Quarantäne-WG - Willkommen zuhause!" fanden sich keine Geringeren als Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Oliver Pocher zusammen, um zur besten Sendezeit eine Stunde lang miteinander sowie mit prominenten Gästen über ihren Alltag und die aktuelle Situation im Corona-Ausnahmezustand zu parlieren - natürlich räumlich voneinander getrennt, per Video-Chat.

Was Bild- und Tonqualität angeht, stand die Fernsehen gewordene Videokonferenz dem Nachmittags-Home-Office-Skype-Call vieler Zuschauer in nichts nach. Aber andere Zeiten erfordern eben andere TV-Formate - und andere Wohngemeinschaften. Von Feiern und Küchendienst war zum Auftakt in der "Quarantäne-WG" nicht die Rede. Vielmehr von Mindestabstand, Unsicherheiten und vagen Hoffnungen - ein Talk zur Zeit. Wer auf Gottschalk'sche Flapsigkeit und Pocher'sche Austeil-Comedy setzte, wurde höchstens am Rande bedient - zu ernst war das Thema, zu stark die eigene Betroffenheit, gehören die Ü60-er Gottschalk und Jauch doch zur Risikogruppe der Älteren. Von Pochers eigener Corona-Infektion ganz abgesehen.

Nachdenkliche Showgrößen

Ähnlich wie bei einer Grippe laufe es bei ihm, so Pocher am Anfang des TV-Experiments: "Es geht mir nicht fantastisch, ich habe Schüttelfrost und keinen Geruchs- und Geschmackssinn mehr", umschrieb er die Symptome. Die Versorgung seiner Familie sei jedoch gesichert: "Wir haben genug Klopapier" und sein Freund Pietro Lombardi sei mit "mehr Bananen vorbei gekommen, als wir je essen können".

Erneut appellierte Pocher - wie zuletzt so oft via Instagram - an die Menschen, Abstand zu halten und zu Hause zu bleiben. Grund zum Kopfschütteln bei Thomas Gottschalk: "Oliver Pocher, die Stimme der Vernunft: Wer hätte das gedacht?" Er selbst sei vor allem ratlos, gab die oft rüde von Günther Jauch unterbrochene "Wetten, dass..?"-Ikone zu. "Wir haben langsam genug Virologen-Interviews gehört, leere Supermarktregale und Menschen vor wehenden Fahnen gesehen, die alles einordnen wollen. Wir wollen einen Weg finden, wissen aber nicht, welchen und wie: lustig oder ernst?"

Als Entertainer befinde er sich ohnehin in der Identitätskrise: "Gibt es gerade die Berechtigung, es den Menschen leichter zu machen?" Zumindest im Netz fand er Anklang: "Hätte mir jemand Anfang des Jahres gesagt, dass sich Ende März Günther Jauch, Oliver Pocher und Thomas Gottschalk auf RTL in der Primetime per Skype unterhalten, wäre ich wahrscheinlich sofort an einem Lachflash gestorben", schrieb ein User.

Als "staatstragender Mahner" sehe er sich auf keinen Fall, so sein Kollege Günther Jauch, sondern eher als vorsichtigen Optimisten: "Wie wir zaghaft sehen, könnte vernünftiges Verhalten zum Erfolg führen."

Reden hilft immer

Der Ratlosigkeit der WG-Ältesten, die damals schon in ihrer Radiosendung über die Auswirkungen von Tschernobyl diskutierten, standen zwei Frauen gegenüber. Hellmuth Karaseks Tochter Laura gehört als Diabetikerin selbst zur Risikogruppe: "Seit ich 13 bin, habe ich mich mit meiner eigenen Vergänglichkeit und Empfänglichkeit für Risiken befasst. Das hat sich jetzt verstärkt."

Die Corona-Krise, so die Autorin und Moderatorin, offenbare jedoch auch, "dass wir andere Menschen mögen und gerne umarmen würden. Und wenn wir hoffentlich bald wieder feiern, wird es noch schöner."

Zunächst aber, so die fachliche Perspektive von Carola Holzner, Oberärztin an der Uniklinik Essen, gelte es immer noch, sich sozial zu distanzieren. Altersgrenzen und Immunität nach Infektion, um die sich die meisten via Hashtag gestellten Zuschauerfragen (neben der Besorgnis über die mangelnde Friseur-Versorgung) drehten, könne man nur mit Statistiken beschreiben. Alle Angaben und auch Tests sollten die Menschen aber unter keinen Umständen in "Sicherheit wiegen, die keine ist". Dennoch: "Humor ist gesund", gab sie den Entertainern Gottschalk-Jauch-Pocher ein wenig Hoffnung.

"Soll ich singen?" - "Nee, aber mach halt"

Aus Künstlersicht sei die Situation zwiespältig, so der ebenfalls zugeschaltete Musiker Max Giesinger: Einerseits wurde seine Tour mit großen finanziellen Einbußen für die Mitarbeiter abgesagt, andererseits erlebe er in seinem Umfeld einen solidarischen "Innovationsschub" und spiele virtuell vor "Stadien": "Alle wachsen zusammen, haben ein gemeinsames Thema und geben aufeinander acht", so der Sänger, der seinen Song "Nie stärker als jetzt" präsentierte - und damit unfreiwillig für Unterhaltung sorgte: "Soll ich singen?", wollte Giesinger wissen. Pocher antwortete trocken: "Nein, aber mach halt!", ehe er nach dem Wohnzimmerkonzert noch nachlegte und als Dieter-Bohlen-Imitator dem Sänger ein klares "Nein" für seinen Auftritt gab. Der Rest? Schmunzelnde Enthaltung.

Was lehrt uns also die neu gegründete Fernseh-WG: "Reden hilft immer". Dass dabei wie damals in der studentischen Wohnküche Mienen erstarren und nicht alle ausreden können, ist erstmal der improvisierten Technik geschuldet. Wobei Günther Jauch bereits Besserung gelobte - vielleicht schon in der nächsten Ausgabe am Dienstag mit Toni Kroos und Michelle Hunziker als Chat-Gästen.