Marcel Reif über Beckenbauer-Schelte: "Ich dachte, jetzt bin ich tot"

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Marcel Reif über Beckenbauer-Schelte: "Ich dachte, jetzt bin ich tot"

SPORT1-Experte Marcel Reif kritisiert in einem Podcast an seinem 70. Geburtstag seine Kommentatoren-Kollegen für ihren Umgang mit Social Media. Außerdem erinnert er sich an seine erste Begegnung mit Franz Beckenbauer, die fast seine noch junge Karriere zerstört hätte.

Runder Geburtstag bei einem Großen seiner Zunft: Der frühere Fußball-Kommentator und heutige SPORT1-Experte Marcel Reif vollendet das 70. Lebensjahr. Just zu seinem Ehrentag kritisiert der Schweizer Journalist, dass viele seiner heutigen Kollegen zu sehr auf die öffentliche Meinung in den sozialen Medien achten. In der neuen Folge des Sport1-Podcasts "Lieber Fußball" sagt er: "Ich habe das Gefühl, einige Kollegen gucken da sehr drauf, schon während des Spiels, und vermeiden dann das, was in ihrer Berufsbezeichnung steht, nämlich Kommentator." Das sei etwas anderes als einfach nur zu reportieren und zu berichten, findet er.

Reif: "Wenn jemand anonym sagt, du bist ein Arsch - das hat ja mit Kritik nichts zu tun, das muss für dich unerheblich sein." Er selbst musste in seiner langen Karriere schon einiges einstecken, aber: "Reif du Arsch, du Bayern-Sau, das ist alles egal. Wenn du das nicht abkannst, darfst du nicht öffentlich auf dem Seil tanzen. Ich stand für die Kommerzialisierung des Fußballs. Das fanden nicht alle gut."

Irgendwann jedoch habe es aber auch ihm gereicht, erzählt der Jubilar. Ein Vorfall beim Revier-Derby brachte vor einigen Jahren das Fass zum Überlaufen: "Meine Frau saß neben mir, vor dem Derby in Dortmund, und plötzlich haben sie unser Auto durchgeschüttelt. Wir standen und konnten nicht weiterfahren. Da habe ich gesehen, wie meine Frau Angst bekam. Das war einer der Gründe, warum ich gesagt habe, es reicht. Das kann es nicht sein. Ich kann nicht über Fußball reden und so viel Hass erleben."

Reif über die Zukunft des Fußballs: "Der Rest der Welt biegt anders ab."

Mit seiner Art der Kommentierung war der in Polen geborene Reif schon zu Beginn seiner Karriere angeeckt - sogar an höchster Stelle, bei Franz Beckenbauer! "Er war im 'Sportstudio' und sagte über mich 'Da habt ihr jetzt ja einen schönen Zauberer.' Dann führte er aus: 'Der spricht so schöne politische Kommentare, aber lasst ihn doch bitteschön vom Fußball weg.' Und ich dachte zu Hause, jetzt bin ich tot." Später hätten er und Beckenbauer oft über diese Anekdote gelacht, erinnert sich Reif. Beckenbauer habe dann immer gesagt: "Wenn ich dich nicht gemocht hätte, hätte ich gar nichts gesagt."

Im SPORT1-Podcast macht sich Marcel Reif auch Gedanken über die Zukunft des Sports, den er so liebt: "Der Fußball läuft auf eine Weichenstellung zu. Bayern ist als Branchenführer an der Speerspitze. Wohin entwickeln sie sich? Zum globalen Verein, der nach meiner Ansicht in fünf Jahren in einer Weltliga spielt, oder wollen sie weiter die Mischung aus Champagner und Lederhosen bleiben, die Uli Hoeneß immer wollte, neben Singapur auch an Rosenheim denken? Das hat einen wunderbaren Charme - aber die Dinge entwickeln sich weiter. Der Rest der Welt biegt anders ab."