Markus Söders übertriebene Selbstdarstellung in der Krise

Bislang hat die Corona-Krise Markus Söders politischer Karriere nicht geschadet. Im Gegenteil: Der bayerische Ministerpräsident erfreut sich großer Beliebtheit. Doch diese Woche mehrt sich die Kritik an seinem Führungsstil und seiner Selbstdarstellung.

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern, hat etwas von seinem Schwung verloren, der ihn zuletzt durch die Corona-Krise getragen hat. Foto: Sven Hoppe / dpa

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat die Corona-Krise bislang gut zur Profilierung genutzt. Sein überzeugtes und überzeugendes Krisenmanagement hat laut der Deutschen Presseagentur zu einer nie da gewesenen Zufriedenheit unter Wählerinnen und Wählern geführt: 94 Prozent sind einer Umfrage zufolge mit seiner Arbeit zufrieden.

Wäre diesen Sonntag Wahltag, würden laut Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap 49 Prozent aller bayerischen Wahlberechtigten ihr Kreuz bei der CSU machen. Das sind fast 13 Prozent mehr als bei der vergangenen Landtagswahl. Die Zeit stellte sogar kürzlich die Frage, ob Söder “Corona-Kanzler” werden könnte.

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PR-Fotos vor medizinischer Schutzausrüstung

Jetzt aber hat Söder das Rad wohl überdreht. Ein Auftritt am Dienstag auf dem Flughafengelände in München brachten ihm und CSU-Parteikollege und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer viel Kritik in sozialen Netzwerken ein. Für den Termin hatten sich die beiden extra bis aufs Rollfeld fahren lassen, um dann vor einer frisch eingetroffenen Ladung, insgesamt handelte es sich um 26 Tonnen Schutzausrüstung aus China, davon acht Millionen Masken, zu posieren. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie herrscht in Deutschland und vielen anderen Ländern der Welt ein Mangel an medizinischer Schutzausrüstung.

Die beiden Politiker ließen sich vor den Kartons fotografieren und veröffentlichten die Bilder anschließend auf Twitter und anderen Kanälen. Dazu schrieb Scheuer: „Die einen streiten, die anderen beschaffen!“ Und setzte dahinter, als Bundesverkehrsminister wohlgemerkt, den Hashtag: “#bayern”.

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“Ist Ihnen diese Inszenierung nicht peinlich?”

Söder schrieb auf seinem Twitter-Kanal: “Neue große Schutzmasken-Lieferung am Flughafen München: Acht Millionen Masken entlasten Medizin und Pflegeheime. Auf Dauer brauchen wir aber viel mehr Masken in Deutschland. Wir brauchen eine eigene deutsche Notfallproduktion. In Bayern haben wir damit begonnen.”

Die Kommentare unter den Beiträgen prangerten vor allem die übertriebene PR-Inszenierung und Selbstdarstellung der beiden Politiker an. Da hieß es etwa: “Haben Sie (!) diese Masken beschafft?” Oder: “Begrüßt hier ernsthaft ein Bundesminister namens Andreas Scheuer am Flughafen acht Millionen Masken nur für Bayern?” Und: “Ist Ihnen diese Inszenierung nicht peinlich? So ein Zufall, dass gerade ein Fotograf vor Ort war, der Ihnen spontan seine Schnappschüsse überlassen hat.”

Nicht Söder und Scheuer haben die Schutzausrüstung organisiert

Was Söder und Scheuer zudem vergessen haben, in ihren Beiträgen zu erwähnen: Bereits im März hat Bundeskanzlerin Angela Merkel das Gespräch mit Chinas Staatspräsident Xi Jinping gesucht, damit Deutschland direkten Zugang zu chinesischen Produzenten medizinischer Schutzausrüstung bekommt. Das geht laut Tagesschau aus einem Papier hervor, mit dem das Bundesgesundheitsministerium (BMG) den Bundestag über die Beschaffung von Schutzkleidung informiert hat.

Darin steht: “Nach einem Gespräch der Bundeskanzlerin mit dem chinesischen Staatspräsidenten Xi und darauf aufbauenden Gesprächen zwischen dem chinesischen Handelsministerium und dem BMG konnte Anfang April ein direkter Zugang zu einem staatlichen Produzenten hergestellt werden, der ein höheres Maß an Qualität und Liefersicherheit verspricht.”

Die Schutzausrüstung, die Söder und Scheuer diese Woche in Empfang nahmen, sind das Ergebnis der Bemühungen der Kanzlerin. Und dabei erst der Anfang: Die 26 Tonnen sollen Bestandteil einer langfristigen “Luftbrücke” werden zwischen China und Deutschland.

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Kritik an Söder vom Weltärztepräsidenten

Das war aber nicht der einzige Dämpfer für Markus Söder diese Woche. Denn im Münchner Merkur hat Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery den Ministerpräsidenten auch für seine vielen Vorstöße in letzter Zeit kritisiert. Etwa die von Söder geforderte Maskenpflicht. Dazu sagt Montgomery: “Es gibt nicht einen wissenschaftlichen Beweis, dass Masken an der Ausbreitung dieser Krankheit etwas ändern. Wenn sie nicht ausreichend desinfiziert werden, können sie das Virus sogar noch konzentrieren. Man kann zudem nicht die Bürger zwingen, Masken zu tragen, solange es nicht wirklich für alle welche gibt. Die vorhandenen Masken brauchen wir aber für das medizinische Personal.”

In der Folge stellte der Weltärztepräsident noch Söders derzeitigen Führungsstil in Frage: “Seine Politik der harten Hand führt offensichtlich nicht zum Erfolg. Bayern steht bei den Infektionszahlen von allen Ländern am schlechtesten da. Es hat auch die höchste Sterbequote und die niedrigste Verdopplungszeit bei den Infektionen – das ist in diesem Fall schlecht.”

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