Mehr Fragen als Antworten: Spiegel-TV über Obdachlosigkeit in Deutschland

Frank Brunner
Freier Autor


Die 19-jährige Michele lebt seit sieben Jahren auf der Straße. Foto: Screenshot SAT1

Etwa 37.000 junge Menschen sind in Deutschland wohnungslos. Sie schlafen auf der Straße, vor S-Bahnhöfen und in Parks. Manche kommen zeitweise bei Freunden unter. „Spiegel-TV"-Reporter Steffen Weber hat drei von ihnen ein halbes Jahr begleitet. In „Jung und kein Zuhause - Überleben auf der Straße”, zu später Stunde (ab 23.10 Uhr) auf Sat 1 gesendet, dokumentiert Weber ihr Leben im Schatten des Wohlstands und - lässt die Zuschauer ratlos zurück.

Da wäre Steven, 20, aus Hamburg. Er hat keinen Job, keine Wohnung, schläft seit 18 Monaten im Kickerraum der Hamburger Kneipe „Elbschlosskeller”. Verdeckte Obdachlosigkeit nennen Sozialarbeiter das. Weil man die Betroffenen nicht auf der Straße antrifft. Steven hat immerhin ein Dach über dem Kopf. Doch das teilt er sich mit Trinkern, seine einzige Vertrauensperson ist die Wirtin. Steven sagt: „Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal in einem richtigen Bett geschlafen habe.” Er schäme sich für seine Armut. Eigentlich wollte er Klempner werden. Aber nach diversen Eskapaden (Drogenkonsum, Fehlstunden) verliert er erst seinen Ausbildungsplatz und dann den Halt im Leben.

Flucht vor der Gewalt endet auf der Straße

Oder Ratte. Die 19-Jährige heißt eigentlich Michele und schnorrt am Berliner Alexanderplatz Passanten an. Die junge Frau hat eine Biografie wie viele Straßenkinder. Als sie zwei Jahre alt ist stirbt ihre Mutter, der Vater verprügelt das Kind, das Jugendamt reicht sie von einer Pflegefamilie zur nächsten, irgendwann landet sie wieder bei ihrem Vater. Ihre Heimatlosigkeit kompensiert Michele mit Drogen. Sie schwänzt Schule, mit 12 flieht sie vor dem gewalttätigen Vater, mit 16 ist sie schwanger. Ihr Sohn kommt in die Obhut des Jugendamts. Michele schläft vor dem Eingang zu einem Berliner S-Bahnhof. Immer in Angst vor Übergriffen. „Man darf als Frau nie allein auf der Straße leben, man muss in einer Gruppe unterwegs sein”, sagt sie.

Gerwin (18) transportiert sein Hab und Gut in einem Einkaufswagen. Foto: Screenshot SAT1

Gerwin (18) ist der dritte Protagonist des Films. Zu Beginn der Dreharbeiten pennt er in einem Park im Berliner Friedrichshain. Seinen gesamten Besitz - einen Schlafsack, Klamotten und einen Klapptisch - fährt er in einem Einkaufswagen durch die Gegend. Gerwin sagt: „Ich vermisse einen privaten Rückzugsort.” Ärzte hatten bei ihm eine bipolare Störung diagnostiziert, ihn zwangsweise in eine Psychiatrie eingewiesen. Kurz vor dem Abitur fliegt er von der Schule. Irgendwann verlässt er Berlin und findet ein neues Zuhause bei den Umweltschützern im Hambacher Forst, die gegen die Abholzung des Waldes durch den Energiekonzern RWE protestieren. Damit endet die Reportage und hinterlässt viele offene Fragen.

Schockierende Szenen statt Erklärungen

Gibt es genügend staatliche Unterstützung? Und wenn ja: Warum kommt die Hilfe nicht an? Wer mit Sozialarbeiter spricht weiß, dass es für die Altersgruppe zwischen 18 und 25 Jahren vielerorts an Hilfen mangelt. Während für Minderjährige meist ein dichtes Netz an Angeboten existiert, fallen junge Erwachsenen in eine Betreuungslücke. Hier wäre die Politik gefordert. Doch davon erfährt man nichts im Film.

Auch die Sozialarbeiter, die sich täglich um Menschen wie Steven, Michele und Gerwin kümmern, bleiben blass. Ein Streetworker besucht Steven in seiner Kneipe, fragt, wie es ihm geht und sagt: „Viele, die wir kennenlernen, kamen früh ins Heim und haben schon ziemlich viele Hilfen hinter sich.” Das stimmt sicher. Aber was folgt daraus? Überlässt man die Jugendlichen sich selbst? Schließlich sind sie erwachsen. Oder weigert sich die Gesellschaft Obdachlosigkeit zu akzeptieren und implementiert entsprechende Absicherungen? Was braucht es, um Situationen, wie die von Steven zu vermeiden? An solchen Stellen hätte der Reporter nachfragen müssen.

Aber selbst, wenn man dem Konzept des Autors folgt, die Geschichte nahezu ausschließlich aus Sicht der Jugendlichen zu erzählen, bleibt das Gefühl, nur auf die Oberfläche zu blicken. Nahe kommt man Steven, Michele und Gerwin nicht. Die Kamera springt von Protagonist zu Protagonist, hinterlässt das Gefühl, es gehe nur darum, möglichst schockierende Szenen einzufangen: Steven inmitten aggressiver Trinker, Michele in ihrem Matratzenlager auf der Straße und Gerwin bettelnd am S-Bahnhof.

Sicher: Es ist gut, dass der Reporter nicht urteilt, auf moralische Zeigefinger verzichtet und nur beobachtet - auch wenn in einigen Passagen des Films unklar bleibt, inwieweit die Kamera das Geschehen beeinflusst. Manche Sätze und Szenen wirken arg aufgesetzt. Etwa, wenn Michele einer kollabierten obdachlosen Frau erst Wasser reicht, um dann laut fluchend direkt auf die Kamera zu zulaufen. Allerdings ist es oft unvermeidlich, dass die Anwesenheit von Beobachtern das Verhalten der Beobachteten beeinflusst. Dies ließe sich aber auffangen: In dem man Aussagen durch Psychologen, Sozialarbeitern oder Politikern einordnen lässt.