Merkel ist keine Klimakanzlerin mehr – das steigert ihre Wahlchancen

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Paris 2015: International profiliert sich Kanzlerin Angela Merkel gerne mit Klima-Themen, in der heimatlichen Praxis lässt ihre Bilanz zu wünschen übrig (Bild: AP Photo/Michael Euler)

Klimawandel ist ein Killer – besonders in Wahlkämpfen. Weil wir ihn noch nicht genug spüren, bleibt er abstrakt. Und die Kanzlerin setzt im Schlafwagen ihre Reise fort.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Es war einmal eine Königin, die wachte eines Tages auf und meinte: Huch, wir sollten saubere Luft atmen und von gefährlichem Zeug wie Energie aus Atomen die Finger lassen. Sie stand auf und dekretierte eine Menge, da nannte man sie Klima-Kanzlerin, denn eigentlich war Angela Merkel keine Monarchin und musste sich alle vier Jahren Wahlen stellen.

Das ist lange her. Heute lässt man das „Klima“ vor Merkels Titel weg, die Bilanz ist dann doch mager ausgefallen. Seit Jahren stagniert der Ausstoß von Kohlenstoffdioxid. Und die Emission von Treibhausgasen ist 2016 sogar wieder gestiegen; nur die Abwicklung der ostdeutschen Industrien in den Neunzigern bewirkte, dass es langfristig zu einer Senkung der Verschmutzung kam.

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Eher nennt man Merkel heute Auto-Kanzlerin, das hört sie aber seit der Diesel-Affäre nicht gern, auch weil Vertraute von ihr aus der Politik in die Verkehrsbranche wechselten. Am liebsten wäre Merkel nur DIE Kanzlerin. Und wir lassen es ihr durchgehen. Denn spüren tun wir das Laissez-Faire von Merkel in Sachen Umwelt noch nicht. Es ist so weit weg.

Augen auf, das reicht

Ich bin kein Wetterfrosch. Von Klimaberechnung habe ich keine Ahnung, aber warum sollte ich jene Ergebnisse anzweifeln, die nahezu alle wissenschaftlichen Institutionen weltweit dazu erarbeitet haben? Diese sagen: Der Klimawandel ist von Menschen angefacht, und er wird unseren Planeten auf schlimme Art verändern. Er lässt viele Menschen schon jetzt leiden und sterben, und er wird sich verschlimmern, wenn…

…der Umweltpolitik nicht endlich eine echte Priorität eingeräumt wird.

Wer es spürt, denkt um. Abgeordnete der Republikaner in den USA melden leise Widerstand gegen die Losung der eigenen Partei an, der Klimawandel finde einfach nicht statt. Zwei Hurrikane haben in kurzer Zeit Teile der Ostküste verwüstet – und auch der hartnäckigste Leugner kann nicht ohne rot zu werden sagen, dass dies nichts mit der Zunahme der Ozeantemperaturen zu tun habe.

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Ich bin kein Wetterfrosch. Aber ich habe die Dürre in Nordostkenia gesehen, die Trockenperiode in Italien und lese nun von den Unwettern in der Toskana. Wir sollten also handeln.

Merkel scheint indes eingesehen zu haben, dass man mit Klimapolitik keinen Blumentopf gewinnt. Sie meistert blumige Ankündigungen, steht toll da mit Plänen und anderen Worten; die praktische Bilanz aber ist mager.

Immer diese Abstraktionen

Das Problem mit dem Klimawandel ist nicht nur, dass er schleichend um die Ecke kommt, da kann ein Frank Plasberg wenig dramatisch Parolen von Politikern fordern oder Sandra Maischberger die Kanzlerin kaum fragen, wann sie die Einwohner in ihrem Wahlkreis in Stralsund evakuieren lässt. Sie wird Merkel das fragen, in einigen Jahren, wenn nichts passiert. Bis dahin aber ärgern wir uns über Autobosse, die bei Verbrennungsmotoren „tricksten“ und fahren weiter.

Das Hauptproblem mit dem Klimawandel ist, dass es uns wenig ans Leder geht. Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Mensch, konkret gesehen, für eine Gruppe von höchstens 50 bis 60 Menschen mitdenken kann. Nur für die Leute aus seinem engsten Umfeld kann er Konsequenzen und Auswirkungen bedenken – dieses Erbe trägt der Mensch mit sich, da er über Jahrtausende in Kleinhorden organisiert lebte, deren Größe diese Anzahl nicht überstieg.

Was kümmern uns also die Opfer der aktuellen Hurrikane? Am Ende der Woche ist uns Nordkorea mit seinem Raketenhäuptling näher. Solange es abstrakt bleibt, können wir mit dem Klimawandel nicht richtig etwas anfangen. Und daher ist Merkel keine Klima-Kanzlerin mehr.

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