„Merkel war entsetzt“: Das ist nach dem Jamaika-Debakel hinter den Kulissen passiert

Zu Verhandlungsbeginn am 17. Oktober in Berlin sah es noch vielversprechend für eine Jamaika-Koalition aus. (Bild: Steffi Loos/Getty Images)

In der ZDF-Dokumentation „Der lange Weg“ erinnern sich FDP-Vize Wolfgang Kubicki und Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt an den Abend, an dem die Jamaika-Verhandlungen scheiterten – und erzählen von einer geschockten Kanzlerin und überraschten Reaktionen hinter verschlossenen Türen.

Die Doku von Lars Seefeldt und Natascha Langner porträtiert die Zeit von der Bundestagswahl im September 2017 bis hin zur Regierungsübereinkunft zwischen Union und SPD ein halbes Jahr später. Darin geben Wolfgang Kubicki und Katrin Göring-Eckardt spannende Insider-Infos über den Abend preis, an dem FDP-Chef Christian Lindner das Scheitern der Gespräche über eine mögliche Jamaika-Koalition bekanntgab – und damit nicht nur die Bundeskanzlerin vor den Kopf stieß.

Der 17. November war ein spannungsgeladener Tag – den Berichten zufolge vor allem für die Kanzlerin. Laut Kubicki wollte Merkel von Lindner den Status Quo der FDP-Haltung erfahren, als dieser zur Tür hereinkam. „Die Kanzlerin fragte Herrn Lindner, was denn nun sei. Er sagte, er wolle gerne auf die Grünen warten. Dann hat die Kanzlerin gesagt: ‚Naja, Sie können ja schon mal sagen ob ja oder nein.’ Dann hat er gesagt: ‚Frau Dr. Merkel, bei allem Respekt, wir haben festgestellt, wir kommen nicht zusammen und deshalb sind für uns die Gespräche beendet und wir werden keine Koalitionsgespräche aufnehmen.’ Dann hat die Kanzlerin zu ihm gesagt, […] wie vom Donner gerührt: ‚Meinen Sie das wirklich ernst?’“, so Kubicki.

Der 17. November war ein entscheidender Tag – nicht nur für Christian Lindner. (Bild: Getty Images)

Katrin Göring-Eckardt, Teil des Grünen-Verhandlungsteams, erinnert sich: „Er hat dann fast wortgleich das gesagt, was er vor den Kameras auch gesagt hat.“ Anfangs hielt sie Lindners Aussage noch für einen strategischen Schachzug: „Ich habe zuerst gedacht, sie wollen jetzt noch irgendetwas raushandeln und hatte so ein Rattern im Kopf: An welcher Stelle könnte das gegen die grüne Positionierung gehen?“

Laut Kubicki waren die Grünen zwar vor den Kopf gestoßen, am überraschtesten sei aber Merkel selbst gewesen: „Die Grünen waren nicht schockiert, sondern einfach kurz fassungslos. Die Kanzlerin, das konnte man merken, hat das wahrscheinlich nicht für möglich gehalten. Für sie war das eine wirkliche Überraschung, denn ihr fiel alles aus dem Gesicht, sie wurde bleich.“ Etwas geringer schätzt Göring-Eckardt die Überraschung Merkels ein: „Die wird das schon ein Stückchen geahnt haben, aber trotzdem war sie entsetzt.“

Nach Verkündung ihres Rückzugs aus den Koalitionsverhandlungen sollten Christian Lindner und Wolfgang Kubicki (hier im April 2017) vor der Türe warten. (Bild: Steffi Loos/Getty Images)

Im Anschluss seien Lindner und Kubicki aufgestanden und hätten allen Anwesenden die Hände geschüttelt – einzig Kanzlerin Merkel habe Kubicki beim Handschlag nicht in die Augen geschaut, erklärt er: „Als wir dann in der Tür gestanden sind, hat Horst Seehofer gerufen: ‚Bleibt nochmal hier!’ Ich habe mich umgedreht – dann meinte er: ‚Nein, nicht ihr, die anderen.’“ Anschließend sollten die FDP-Politiker vor der verschlossenen Türe stehen bleiben und warten – was Kubicki aber missfiel. Nachdem Lindner ihn gefragt habe, was sie nun machen sollen, habe Kubicki gesagt: „Das ist mir jetzt zu blöd, dass wir hier rumstehen wie Schüler, die aus der Klasse geschmissen worden sind. Wir gehen einfach runter zu unseren Kolleginnen und Kollegen und berichten jetzt, dass wir das beendet hätten.“

Der ehemalige Innenminister Thomas De Maizière schildert seinerseits einen kalkuliert wirkenden Abgang der FDP: „Herr Lindner kam die Treppe runter und machte ein kleines Nicken. Das war das offenbar vorbereitete Zeichen, dass alle FDP-Kollegen ihre Sachen packten.“ Auch Lindners Aussage „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren“ kritisiert er: „Natürlich ist der Satz so allgemein formuliert richtig. Nur in der konkreten Anwendung war er falsch. Denn das, was dort herausgekommen wäre, mit Zustimmung der FDP, hätte unserem Land gut getan und wahrscheinlich auch der FDP.“

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