Nach dem Echo-Eklat: Das Rudel tollt und der Rubel rollt - ein Kommentar

Moritz Piehler
Freier Autor

Die allseitige Empörung in der Musikszene über Kollegahs und Farid Bangs Echo-Auftritt ist ziemlich selbstherrlich. Und führt am eigentlichen Kern der Debatte weit vorbei.

(Bild: Getty Images)

Von Moritz Piehler

Peter Maffay (68) ist außer sich. Zumindest im Nachhinein. Das Feuilleton sowieso. In einem Facebook-Post fordert der Altrocker Konsequenzen: „Zur Tagesordnung jetzt überzugehen, geht nicht. Es muss eine Aufarbeitung geben.“ Der 55-jährige “Toten Hosen” -Sänger Campino hatte sich noch während der Echo-Veranstaltung als Einziger auf der Bühne getraut, die Rapper und ihre Provokation zu kritisieren und bekam in den letzten Tagen dafür von vielen Seiten Schulterklopfen. Das Notos Quartett, das im vergangenen Jahr den Echo als beste Nachwuchs-Klassikmusiker gewonnen hatten, gaben ihren Preis bereits am Sonntag zurück. Es folgten weitere symbolische Akte. Eine echte Positionierung wäre es möglicherweise gewesen, die Teilnahme vorher zu boykottieren. Das hat im Fall von Frei.Wild 2013 zunächst recht effektiv funktioniert. Dort sagten diverse Mitnominierte aus Protest gegen die Rechtsrockband aus Südtirol ihre Teilnahme am Echo ab und die Veranstalter sahen sich gezwungen, die Band auszuladen. Zumindest bis zu deren nächsten Nominierung drei Jahre später. Im Nachhinein ist es jetzt einfach, sein Fähnchen in den Wind zu hängen und sich als aufrecht zu gerieren.

Die Problematik ist eine ganz andere

Auch der „fünfte Beatle“ Klaus Voormann gab den Echo für sein Lebenswerk zurück, er wird es verkraften können. Sein Laudator, der 67-jährige BAP-Sänger Wolfgang Niedecken, fühlte sich wie der Preisträger selbst von den Veranstaltern getäuscht und hinters Licht geführt. Es wirkt alles eher, als wolle man sich möglichst schnell vom Echo distanzieren, um nicht selbst mit dem Skandal in Verbindung gebracht zu werden. Man habe sich vorher aus mangelndem Interesse einfach nicht mit den Texten der Rapper beschäftigt, ließen die beide verlauten. Die Aussage der fraglos verdienten Musikgrößen zeigt schon die ganze Problematik des Themas. Hier reden und echauffieren sich Leute zu einem Thema, mit dem sie sich schlicht weder beschäftigen noch auskennen. Der Effekt ist, dass es eher dem durchaus kalkulierten Skandal der Rapper dient und sie in den Augen ihrer Fans vermutlich als coole Gewinner aus dem Echo-Chaos hervorgehen. Die bittere Ironie: Gerade der Gegenwind aus der etablierten Branche wird die Plattenverkäufe und Downloads vermutlich eher anheizen.

Im Video: Echo 2018: Campino vs. Farid Bang und Kollegah

Es ist ja gerade im Hiphop ein elementarer Bestandteil, sich nicht vom Mainstream und alten weißen Männern erzählen zu lassen, was man darf und was nicht. Und so geht die Debatte vorbei am eigentlichen Thema, bei dem es darum gehen müsste, warum ein nicht mal verklausulierter Antisemitismus sich so spielend wieder in eine Jugendkultur und -sprache eingeschlichen hat. In den meisten Fällen dürfte es sich kaum um einen strukturellen Antisemitismus handeln, aber harmlose Provokation ist das längst nicht mehr. Denn Sprache und Popkultur haben natürlich einen wechselseitigen Einfluss auf die Gesellschaft. Die verhuschten Begründungen aus der Hiphop-Community, es sei im Battle-Rap eben immer schon um Beleidigung und Provokation gegangen, darf nicht so einfach gelten gelassen werden.

Wo bleiben die Statements von Mark Forster und Co.?

Problematisch ist natürlich, dass der Vorwurf gegen die Rapper muslimischen Glaubens in eine schwierige und unangenehme aktuelle Diskussion fällt. Da geht es um Vorurteile gegen den Islam, um die Mär des importierten Antisemitismus und die Ablenkung von den in zahlreichen Studien belegten antisemitischen Denkmustern, die auch viele Deutsche noch haben. Dies ist auch die Kerbe, in die Verteidiger von Kollegah und Farid Bang schlagen. Es gehe nur darum, die Rapper als Außenseiter und Muslime, als Stimme einer Minderheit zu diskreditieren. Und die bisherigen Reaktionen spielen diesem Argument eher in die Karten. Natürlich ist es lobenswert, dass bekannte Musiker sich distanzieren und ihre Öffentlichkeit und Reichweite nutzen, um Kritik zu äußern. Aber erreicht das in irgendeiner Weise die Fans von Kollegah und Co., die es von ihrem unkritischen Abfeiern eben auch homophober oder antisemitischer Inhalte aufzuwecken gilt? Welchen 15-Jährigen interessiert denn schon, was irgendein alter Deutschrocker denkt? Auch ein Klassik-Quartett wird bei allem Respekt kaum Überschneidungen in den Fangruppen mit den Charts-stürmenden Rappern haben.

Es wäre also wichtig, dass deutliche Worte von den Musikern kommen, die eine ähnliche Zielgruppe und Reichweite haben. Aber wo sind die Gentlemans und Mark Fosters, die ebenfalls auf dem Echo performt haben und von denen bisher kein öffentliches Statement zu hören war? Und was bedeutet es, dass sich Stars in Deutschland mit ihrem PR-Apparat offensichtlich nicht sicher genug fühlen, eine klare Haltung gegenüber antisemitischen Textzeilen zu äußern? Ist die Angst vor Verlusten in der eigenen Fanbasis so groß? Oder ist es dermaßen uncool geworden, sich politisch zu positionieren? Selbst in einer Frage, die in Deutschland lange als kleinster gemeinsamer Nenner der Gesellschaft galt. Am allerwichtigsten wäre es aber, dass die Rap-Szene selbst, klare Pfosten einschlägt. Dass von dort ebenfalls kein Mucks zu hören ist, ist vielleicht ein deutlicheres Warnzeichen, als der aufgeblasene Eklat um Kollegah und Farid Bang, von dem letztlich nur die beiden selbst profitieren.

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