Werbung

Neuester Tick: Grünen-Wähler müssen draußen bleiben

Abbau eines Wahlplakats der Grünen in Köln nach der Bundestagswahl 2021 (Bild: REUTERS/Thilo Schmuelgen)
Abbau eines Wahlplakats der Grünen in Köln nach der Bundestagswahl 2021. (Bild: REUTERS/Thilo Schmuelgen)

Ein Kommentar von Jan Rübel

Da hat einer ein dringendes Bedürfnis nach einem Basta verspürt. Kann ja mal vorkommen. Der Besitzer einer Autolackiererei in Norddeutschland hat ein denkwürdiges Schild vor seiner Werkstatt angebracht: "Sympathisanten*, Unterstützer* und Wähler_ der 'Grünen'", heißt es da, "werden wir in unserer Werkstatt nicht mehr bedienen. Wir möchten Sie bei ihrer weltanschaulichen Einstellung, den Mittelstand zu zerstören, unterstützen, mit der Bitte, direkt auf Ihr Auto zu verzichten."

Mir kamen da ein paar Fragen auf. Zum Beispiel, was diese komische Gender-Schreibweise soll, aber vielleicht war das ein Scherz. Oder warum eine demokratische Partei mit Präsenz im Bundestag und in Landtagen seit Jahrzehnten in Anführungszeichen gesetzt wird, als gebe es sie nicht wirklich. Dass es die Grünen für den Autolackierer tatsächlich gibt, womöglich in imaginierter Übergröße, zeigt dann die Unterstellung eines "Weltbildes". Das will angeblich DEN Mittelstand zerstören. Und dann soll das Auto weg, beziehungsweise, es wird höflich darum gebeten.

In den Aussagen des Plakats stecken einige Verkürzungen

Mit der Partei der Grünen sympathisieren nicht wenige Deutsche. Und die sehen sich vornehmlich nicht als Propheten eines zerstörerischen Weltbildes. Spalten will es auch nicht. Eher der Autolackierer selbst.

Zum besseren Verständnis holte er, als man ihn befragte, aus: "Ich bin kein Grünen-Hasser, jeder soll seine Meinung haben, natürlich. Demokratie lebt davon. Aber einfach mal, um den Leuten zu sagen, wenn du ein Grüner bist und wenn du dafür bist, dass du uns die Autos wegnehmen willst, dann brauche ich dich auch nicht lackieren. Das meine ich nicht böse."

Nee, meinte er nicht. Ich weiß ja nicht, wie es da in Norddeutschland aussieht, aber die Umstände dort oben müssen schlimm sein, wenn einem das Auto schwuppsdiwupps weggenommen werden soll. Solch eine Schnippschnapp-Politik war mir noch gar nicht bekannt.

Die bösen, bösen Grünen

Der Autolackierer steht mit seiner Aktion nicht allein. Immer häufiger meinen Inhaber von Unternehmungen, gewisse Kunden demonstrativ nicht haben zu wollen. Im vergangenen Herbst verkündete ein Werkstattchef in Baden-Württemberg: "Sympathisanten und Wähler der Grünen möchten wir in unserer Werkstatt nicht bedienen." Sie seien schuld am Untergang des Mittelstands. Man bitte um Verständnis. Was meinte er genau? Auf Nachfrage äußerte der Inhaber: "Ich wünsche mir, dass die Steuern für die Bürger, den Mittelstand, gesenkt werden. Als Regierung muss ich einfach auch meine Bürger, mein Land zufriedenstellen. Doch das passiert nicht, wir geben und geben nur."

Aha, er gibt nur. Nimmt nie etwas. Auch keinen Wumms oder Doppelwumms an Entlastungen im Empfang, keine Strompreisbremse etwa. Man kann der amtierenden Bundesregierung eine Menge vorwerfen, da findet sich immer etwas. Aber dass sie sich enorm verschuldet hat, um die Bürger in einer von der Regierung selbst nicht ausgelösten Krise zu entlasten, kann nur geleugnet werden, wenn man sich für Fakten nicht interessiert.

Im Sauerland meinte ein Hotelier vor knapp einem Jahr, auch seine Gäste einzuteilen: Die einen ins Töpfchen, die anderen ins Kröpfchen. "Im Zuge der Abschaltung unserer Atomkraftwerke haben alle Bundesgrünen und die, die Abschaltung befürworten, ab sofort Grundstücks- und Lokalverbot im Platzhirsch! Wir sehen nicht ein, dass sich diese Paradies- und Stolpervögel auf unsere Kosten bei uns den Arsch wärmen."

Das war schon harter Tobak und klang, als habe der Herr bis vor kurzem ein Privatatomkraftwerk in seinem Garten betrieben. Auch hier drängt sich der Eindruck auf, als gebe da einer viel, aber kriege nichts. Es klingt nach Opferstory. Warum aber diese Obsession mit der Kernkraft? "Was passiert bei einem Blackout? Wer versorgt uns dann mit Strom?", antwortete er. Das Stromnetz werde durch die sukzessive Abschaltung von Kohle- und Atomkraftwerken immer instabiler, Stromtrassen, die die Energie der Windkraftanlagen von Nord nach Süd befördern sollen, seien noch nicht fertig. "Da ist mir angst und bange."

Nun, es ist bald ein Jahr vergangen. Der Blackout blieb bisher aus. Der Hotelier braucht sich nicht zu fürchten und kann wieder guten Gewissens alle Gäste begrüßen. Und für den mangelnden Ausbau der Stromtrassen sind bestimmt keine grünen Politiker verantwortlich.

Ebenfalls ein Geschäft im vergangenen Jahr am lauschigen Tegernsee: "Sympathisanten und Wähler der grünen Partei möchten wir in unserem Geschäft nicht bedienen." Dazu sieben Ausrufezeichen. Und warum? Kriegte man nicht so richtig heraus. Der "Merkur" zitierte die Inhaberin mit den Worten, das dürfe sie ja wohl frei entscheiden. Immerhin sei sie keine öffentliche Einrichtung und könne damit jedem ein Hausverbot erteilen. Zudem gebe es das Recht auf freie Meinungsäußerung.

Das stimmt. Nur sollte einem Hausverbot ein persönliches Fehlverhalten vorangehen. Sympathisant einer demokratischen Partei zu sein, das erscheint mir nicht wirklich daneben. Und die Geschäftsfrau entschied sich frei, Mitmenschen auszuschließen. Das kommt einer Brandmarkung nahe. Und warum? Diese Frage kann niemand überzeugend beantworten.

Ein Graben in unsere Gesellschaft

In welche Richtung diese Entwicklung geht, diese Ausschließeritis, zeigt ein Beispiel aus diesem Februar. Da hatten in der brandenburgischen Prignitz ein paar selbst ernannte Spaßvögel an mehreren Orten Plakate aufgestellt, darauf stand: "Grüne & Grün-Wähler werden bei uns nicht mehr bedient – Die deutschen Bauern!"

"Grüne und Grün-Wähler werden bei uns nicht mehr bedient", steht auf einem Plakat in Weisen (Prignitz). (Bild: Marcus J. Pfeiffer/MAZ/dpa)
"Grüne und Grün-Wähler werden bei uns nicht mehr bedient", steht auf einem Plakat in Weisen (Prignitz). (Bild: Marcus J. Pfeiffer/MAZ/dpa)

Die Frage, mit was man von Landwirten nicht bedient wird, und wie das praktisch vonstattengehen soll – egal. Aber dass sich anonym bleibende Bürger als DIE Bauern bezeichnen, ist eine groteske Vermessenheit. Dieser unbescheidene Größenwahn ist nur noch unanständig.

All diesen Beispielen geht es um Ausgrenzung. Zwar sind da mehrere Abstufungen auszumachen, aber das Unversöhnliche in der Konsequenz und das Übertriebene in der Kritik ist allen gemeinsam.

Am Ende bleibt nur dreierlei. Wer sowas macht, versucht entweder einen Marketingtrick zu landen, oder hat einen Hang zum Populistischen. Oder hat schlicht nicht lang genug nachgedacht.