Precht-Talk im ZDF: Ex-Berater von Helmut Kohl fordert Annäherung an Russland

Frank Brunner
Freier Autor
Richard David Precht (links) im Gespräch mit Horst Teltschik, Autor und Sicherheitsexperte (Bild: ZDF/Juliane Eirich)

Spannende Fragen, kaum Antworten: Im ZDF diskutierten am Sonntagabend Horst Teltschick und Richard David Precht über die Russlandpolitik des Westens.

Precht polarisiert. Zumindest als Philosoph. Die FAZ schrieb über ihn: „Er verbreitet nichts, was andere nicht schon vor ihm gedacht und aufgeschrieben hätten. Aber keiner drückt es so verständlich aus, weiß so geschmeidig davon zu erzählen.” Als Wissenschaftler könne er dagegen „keinen Blumentopf gewinnen.” Autor Jan Fleischhauer lästerte auf Spiegel-Online: „Die Türen, die dieser Philosoph eintritt, stehen immer schon sperrangelweit offen, deshalb knallt er sie in seinen Texten auch besonders laut zu.” Eine große Zahl von Menschen sieht das offenbar anders. Denn Precht ist mit seinen Büchern und Vorträgen zum Millionär geworden.

Als Moderator ist Precht eigentlich eine gute Alternative zu Illner, Maischberger, Plasberg und Will. Sechs mal im Jahr sendet das ZDF zu später Stunde die Talkshow „Precht”. Der Unterschied zu anderen Talkshows: Mehr Talk als Show. Precht hat nur einen Gast. Der Verzicht auf ein halbes Dutzend Selbstdarsteller, die sich gegenseitig ins Wort fallen, ermöglicht es, ein Thema tiefgründiger zu beleuchten.

Am Sonntagabend sprach Precht mit Horst Teltschick. Der 79-Jährige war außenpolitischer Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), an den Verhandlungen zu Wiedervereinigung von DDR und BRD beteiligt und leitete die Münchner Sicherheitskonferenz. Später reüssierte Teltschick in der Wirtschaft, saß im Vorstand von BMW, war Deutschland-Chef von Boeing. Gerade hat er ein Buch veröffentlich: „Russisches Roulette. Vom Kalten Krieg zum Kalten Frieden”. Deshalb gastierte er bei Precht. Es ging um die Beziehungen zwischen und Russland und dem Westen.

Teltschick kritisiert Russland-Sanktionen

Von den Positionen der aktuellen Bundesregierung, die Putin als undemokratischen Despoten sieht, unterscheidet sich Teltschicks Sicht grundlegend. Zusammenfassen lässt sich diese so: Russland-Sanktionen bringen nichts. Obwohl sich der russische Präsident durch die Nato-Osterweiterung bedroht fühle, gehe von Putin keine Kriegsgefahr aus.

Der gegenwärtigen Bundesregierung fehle es an Einsicht in die Notwendigkeit, Russland in das Europa der Zukunft einzubinden, was mit Blick auf die destruktiven Europa- und Außenpolitik eines Donald Trumps dringender erforderlich sei als je zuvor. „Noch in den neunziger Jahren haben Nato und Russland vertrauensbildende Maßnahmen vereinbart, etwa die wechselseitige Beobachtung von Militärmanövern.” Heute missachte der Westen die Sicherheitsinteressen Moskaus. Deshalb befürchte er ein neues Wettrüsten zwischen den USA und Russland, so Teltschick

Unabhängig davon, wie man Putins Politik bewertet: An manchen Stellen hat man das Gefühlt, Precht und Teltschick wollen sich gegenseitig in ihren Meinungen bestärken. So erinnert Precht zurecht an die berühmte Rede Putins vor dem Deutschen Bundestag im Jahr 2001. Precht: „Putin hat vielen Deutschen aus der Seele gesprochen, es war ein großes Freundschaftsangebot und man hat ihn dafür gelobt, aber man kann nicht sagen, dass die Dinge seit 2001 besser geworden sind.” Teltschick antwortet: „Also Herr Precht, es gab stehende Ovationen aller Parteien für Putin.”

Dann erklärt Teltschick, dass Putin ihn vor dieser Rede um Rat gefragt habe und diesem Rat auch gefolgt sei. Das ist schön für Teltschick, beantwortet aber nicht die Frage, was seit 2001 schief gelaufen ist im Verhältnis zwischen Westen und Russland. Was ist beispielsweise mit dem Krieg in der Ostukraine, mit der Krim-Besetzung, der Unterstützung für Assad in Syrien und der angeblichen Manipulation der Wahlen in den USA? Precht fragt danach. Eine zufriedenstellende Antwort gibt Teltschick nicht.

Zum Thema Ukraine sagt er: „Das Problem besteht darin, dass Russland eine emotionale Beziehung zu diesem Land hat und mein Vorwurf an Westeuropa, EU und Nato ist, dass sie nicht begriffen haben, dass man bei einer Integration der der Ukraine auch über russische Interessen hätte nachdenken müssen.” So hätte man eine europäische Freihandelszone mit Russland schaffen können, sagte Teltschick. „Die Idee gab es schon vor der Ukraine-Krise.” Hier hätte Precht nachfragen müssen: Woran genau ist eine solche Freihandelszone gescheitert? Doch Precht springt zum nächsten Thema.

Profitiert die USA von Sanktionen gegen Russland?

Auch das ist interessant: Die mögliche Bedrohung Russlands durch die geplante Nato-Mitgliedschaft der Ukraine. Precht: „Warum kann der Westen nicht sagen: Das brauchen wir nicht, wir verzichten darauf?” Teltschick: „Das könnte man, aber es wäre inzwischen schwierig, denn es sind so viele Beziehungen aufgebaut worden zwischen der Ukraine und den USA.” Eine unbefriedigende Antwort, eine Nachfrage bleibt aus.

Eine andere These Prechts: „Die USA haben kaum Wirtschaftsbeziehungen mit Russland, aber von dem Feind Russlands profitiert die amerikanische Rüstungsindustrie, man könnte ketzerisch sagen, die USA haben viel mehr von Russland als Feind als von Russland als Freund. Für Europa, speziell für Deutschland trifft das nicht zu. Wir brauchen Russlands Rohstoffe und Russland unsere Technologie.” Precht fragt: „Müsste sich Deutschland nicht stärker aus den Fahrwasser von US-Wirtschaftsinteressen lösen?” Teltschick: „Herr Precht, wir müssen unserer Ziele bei den Amerikanern auf den Tisch legen und erklären, was wir wollen.”

Das klingt ebenso plausibel wie unkonkret und unterschlägt zudem die Tatsache, dass Deutschland stark vom Handel mit den USA abhängig ist - Stichwort: Automobilindustrie - die Amerikaner also über Druckmittel verfügen, die deutsche Russlandpolitik zu beeinflussen. Auch hier hätte Precht tiefer bohren müssen.

Precht: Die AfD sympathisiert mit Putins Politik

Precht fragt, warum es in der AfD große Sympathien für Putin gebe. Ob dies aus dem besonderen Verhältnis des Präsidenten zu Minderheiten, etwa Homosexuellen, beruhe. Sein Eindruck sei, so Precht, dass Putins Weltbild aus den fünfziger Jahren bei rechten Parteien viel Anklang finde. Teltschick: „Zweifellos gibt es Kritik an Putins Politik, aber ein Land von der Größe Russlands, das jahrhundertlang nur von Zaren regiert wurde und 70 Jahre Kommunismus erlebte, können Sie nicht innerhalb einer Generation zu einer westlichen Demokratie entwickeln.”

In diesem Stil verläuft die gesamte Sendung: Interessante Fragen, wenig erhellende Antworten. Teltschicks Blick auf Russland ist nachdenkenswert, sein Plädoyer für Abrüstung und Austausch verständlich, aber es fehlt seinen Ausführungen an Tiefe, es fehlen konkrete Analysen und Vorschläge. Die könnte man erwarten. Schließlich ist der Mann kein Politikwissenschaftler, der die Welt vom Schreibtisch aus betrachtet, sondern als Ex-Sicherheitsberater und Ex-Sicherheitskonferenzchef mit allen Facetten realer Politik vertraut.

Aber Teltschick spricht lieber darüber, mit wem er alles schon persönlich gesprochen hat (Gorbatschow, Putin, Clinton) Und Precht hat offenbar zuviel Respekt vor Teltschick, als dass er von ihm mehr Substanz einfordert.