Rückbau verschlingt Milliarden: ARD-Doku zeigt das ganze Dilemma des Atomausstiegs

Raum für Raum muss das ehemalige Kernkraftwerk Greifswald dekontaminiert werden. (Bild: SWR / Pier53 Filmproduktion)
Raum für Raum muss das ehemalige Kernkraftwerk Greifswald dekontaminiert werden. (Bild: SWR / Pier53 Filmproduktion)

Auf die Fukushima-Katastrophe 2011 reagierte Deutschland mit dem geplanten Atomausstieg. Doch der verschlingt Milliarden, das Problem der Endlagerung bleibt ungelöst, während Nachbarländer weiter Kernenergie nutzen. In Frankreich, so zeigte eine umfasssende ARD-Dokumentation, hält man den deutschen Ausstieg für "lächerlich".

Dieses Jahr sollte in die Geschichte der Energiegewinnung als Jahr des Fortschritts eingehen: 2022 will Deutschland endgültig aus der Atomkraft aussteigen. Die Energiekrise in Folge des russischen Angriffskriegs in der Ukraine stellt diesen Entschluss jedoch wieder zur Debatte. Spätestens die Fukushima-Katastrophe 2011 legte die Risiken offen, die Technik ist gegegebenfalls nicht komplett beherrschbar. Was bleibt, ist radioaktiver Müll, zigtausende Tonnen, einen klaren Plan für die Lagerung gibt es nicht.

Ein weiteres Risiko stellt der Rückbau der Kernkraftwerke dar, der sich über Jahrzehnte hinziehen wird und den sich Deutschland viele Milliarden Euro kosten lässt. Und dann gibt es in direkter Nachbarschaft ja noch Länder wie Frankreich, die an der Atomkraft festhalten. 13 von 27 EU-Staaten betreiben weiter Kernkraftwerke, teils geht der Ausbau weiter. Ein nuklearer Albtraum?

Gärtnern vor dem Kernreaktor: In Grundremmingen in Bayern gedeihen die Rosen in besonderem Ambiente. (Bild: SWR/Pier53 Filmproduktion)
Gärtnern vor dem Kernreaktor: In Grundremmingen in Bayern gedeihen die Rosen in besonderem Ambiente. (Bild: SWR/Pier53 Filmproduktion)

Frankreich verhöhnt den deutschen Ausstieg als "lächerlich"

Der rund 90-minütige Film "Atomkraft Forever" von Carsten Rau, den die ARD am Mittwochabend im Rahmen der Reihe "Dokumentarfilm im Ersten" zeigte, versuchte nun, ein möglichst breitgefächertes Bild der Atomenergie zu zeichnen. Egal, wie man dieses Bild dreht und wendet: Gut sieht es nicht aus. Auch wenn alte Werbefilme, die immer wieder in die Dokumentation eingebunden werden, eine leuchtende Zukunft voraussagten. "Preiswert und umweltfreundlich" sei die neue Energie. Heute weiß man es besser.

Für seinen umfassenden Blick auf das nukleare Problem hat Rau sechs Episoden miteinander verwoben. Unter anderem nimmt er Zuschauer und Zuschauerinnen mit auf die Suche nach einem passenden Endlager. Die Anforderungen haben es in sich: Eine Million Jahre und die nächsten zehn Eiszeiten soll es überstehen. Auch die französische Atomindustrie wird thematisiert. Hier verhöhnt man den deutschen Atomausstieg als "lächerlich".

Leitwarte des europäischen Stromnetzes in Brauweiler bei Köln müssen vieles im Blick haben. Die Dokumentation stellt die Frage, wie umweltschädlich Atomstrom wirklich ist. (Bild: SWR / Pier53 Filmproduktion)
Leitwarte des europäischen Stromnetzes in Brauweiler bei Köln müssen vieles im Blick haben. Die Dokumentation stellt die Frage, wie umweltschädlich Atomstrom wirklich ist. (Bild: SWR / Pier53 Filmproduktion)

Vier Millionen Tonnen verstrahltes Material

Wie groß der Aufwand ist, ein gigantisches Kernkraftwerk abzureißen, offenbart ein Blick nach Greifswald. Wo zu DDR-Zeiten einst die "Elektrifizierung des Landes auf fortgeschrittene Weise" verkündet wurde, wird nun Raum für Raum entkontaminiert. "Das, was wir hier betreiben, ist nicht irgendeine Arbeit", weiß Nuklearingenieur Jörg Meyer. Er betont ein "besonderes Gefahrenpotenzial" aufgrund der Radioaktivität.

Kein Grund für Meyer, den Humor zu verlieren. "Unser Strahlenschutzmeister hat leuchtende Augen bekommen", witzelt er am Telefon. Irgendwann soll auf diesem riesigen Areal eine grüne Wiese stehen, nichts mehr an das Atomkraftwerk erinnern. Bis es so weit ist, soll der Rückbau 5,6 Milliarden Euro kosten, mindestens 33 Jahre wird er noch dauern. Der Rückbau aller 17 deutschen Atomkraftwerke bedeutet insgesamt vier Millionen Tonnen verstrahltes Material.

Die Nuklearwissenschaftler des französischen Kernforschungszentrums Cadarache posieren mit dem Filmteam. (Bild: SWR / Pier53 Filmproduktion)
Die Nuklearwissenschaftler des französischen Kernforschungszentrums Cadarache posieren mit dem Filmteam. (Bild: SWR / Pier53 Filmproduktion)

Französischer Forscher: "Wir werden wir alle CO2-freien Energien brauchen"

"Atomkraft Forever" richtet den Blick auch über die Landesgrenzen hinaus. "Wenn ich sehe, wie viele Kernkraftwerke weltweit gebaut werden, dann wäre es wirklich jammerschade, sollten wir aus diesem Bereich aussteigen", erklärte Angela Merkel noch im Jahr 2009. Auch wenn sie ihre Meinung zur Atomkraft nach der Fukushima-Katastrophe revidierte und den Ausstieg vorantrieb, der erste Teil des Zitats hat auch heute noch Gültigkeit. Frankreich etwa erzeugt als größter Atomstaat des Kontinents drei Viertel seines Stroms auf diese Weise.

Im Kernforschungszentrum Cadarache in Südfrankreich wird aktuell an neuen, CO2-freien Energien gearbeitet. "Angesichts der hohen Weltbevölkerung werden wir alle CO2-freien Energien brauchen, auch die Atomenergie", sagt ein Verantwortlicher. "Sauber" sei die Energie zwar nicht - Stichwort auch hier: Atommüll - und außerdem müsse die Sicherheit verbessert werden, räumt er ein. Doch es ist eben nicht alles schwarz-weiß: Die Atomkraft erzeugt CO2-freien Strom, ohne diese Technik müssen Kraftwerke auf fossiler Basis selbigen liefern, bis die erneuerbaren Energien ausgebaut sind.

Hinter den Kulissen: Eine Nuklearwissenschaftlerin im Kernforschungszentrum Cadarache steht für die Dokumentation Rede und Antwort. (Bild: SWR / Pier53 Filmproduktion)
Hinter den Kulissen: Eine Nuklearwissenschaftlerin im Kernforschungszentrum Cadarache steht für die Dokumentation Rede und Antwort. (Bild: SWR / Pier53 Filmproduktion)