Sarrazin beglückt das Land mit seinem Wunschdenken

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Ein neues Buch von Thilo Sarrazin: Angela Merkel und ihre Flüchtlingspolitik ist ja auch ein gefundenes Fressen – für einen wie ihn. Ran ans Nusstellerchen!

Ein Kommentar von Jan Rübel

Thilo Sarrazin sieht sich womöglich als coolen Realisten. Als einen, der Strukturen durchschaut und die Nebelschwaden unserer Wohlfühl- und Harmoniegesellschaft mit einem Streich durchteilt. In steter Regelmäßigkeit teilt er seine Analysen in Büchern mit, die ebenso konstant in den Bestsellerlisten landen. Sein neustes: „Wunschdenken. Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert".

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Die Auszüge, die mal wieder in „Bild“ erschienen, lassen nur einen Schluss zu: Weder verkündet Sarrazin neues, noch überzeugendes. Er verkauft nur sein eigenes Wunschdenken in der ihm bekannten Masche des Realos.

Ein Geschäftsmodell hat er daraus gemacht. Aber das ist dem SPD-Renegaten, Ex-Finanzsenator und Ex-Bundesbanker nicht vorzuwerfen; das Schreiben von Büchern ist ja erlaubt.

Sind wir ein Volk von Schwarzsehern?

Interessant ist nur, warum ein Mann mit dem Tick, die politische Landschaft um sich herum in schwarz getaucht zu sehen, mit seinen Prophetenrufen solchen Erfolg in Deutschland hat. Sind wir ein Volk von Schwarzsehern? Lieben wir die Katastrophe, solange sie sich uns zwischen zwei Buchdeckeln entgegenräkelt, auf dem Sofa mit der rechten Hand im Nusstellerchen?

Sarrazin jedenfalls schreibt nur darüber, was seiner Meinung nicht klappt, und das ist ziemlich alles. Vorschläge, es besser zu machen, hört man von ihm nicht. Ist ja auch weniger sexy.

Klar, dass der Titel dann von Wunschdenken und Scheitern spricht. Sarrazins These: „Wir schaffen es nicht“; eine Replik auf Angela Merkels Beschwörung vom vergangenen Sommer des Willkommensheißens. Es folgt eine Menge Quatsch.

Die Leute, die da zu uns flüchten, analysiert Sarrazin mit dem ihm bekannten Blick, kämen aus Ländern mit niedrigeren Bildungsstandards. Dies gepaart mit deren kulturellem und kognitivem Profil löse bei ihm Skepsis aus.

Kognitiv bedeutet wohl “Gehirnschmalz“

Bei mir lösen solche Sätze erstmal den Griff zum Wörterbuch aus. Mit dem Begriff „kognitiv“ habe ich immer Probleme, den kann ich mir einfach nicht merken; liegt wahrscheinlich daran, dass ich als Ostfriese auch nicht gerade vor Sarrazins Bildungszeigefinger Gnade fände. Kann man vielleicht mit „Gehirnschmalz“ übersetzen.

Niedrigere Bildungsstandards sind locker formuliert und oft, zum Beispiel im Falle Syriens, ein schlechter Witz. Zu uns flüchten Syrer aus allen Schichten, das sind ungelernte Arbeiter wie Akademiker. Dass Syrien seit Jahrzehnten ein ehrgeiziges Schul- und Universitätssystem mit massenhaft angelegter Qualitätsbildung ausgebaut hat – das zu erkennen mag Sarrazins kognitive Fähigkeiten überschätzen.

Dass er aber seine alten Platitüden hervorholt und Menschen aus Ländern „Afrikas und dem Nahen Osten“ unterstellt, weniger mit diesem kognitiven Kram gesegnet zu sein als der gemeine Teutone – das ist ebenso unkreativ wie immer noch falsch und im Grunde böse.

Sarrazin ist mit seinen kruden Thesen zu Gehirnleistungen nur widerlegt worden. Aber es stört ihn nicht.

Und so geht es munter weiter im Sarrazinschen Gruselkabinett. Da schreibt er, dass die „Zuwanderer zumindest für einige Jahrzehnte deutlich fruchtbarer als die einheimische Bevölkerung“ seien. Die Erhebungen des Statistischen Bundesamts heben seine Thesen jedenfalls aus den Angeln: Muslime, Zuwanderer oder wer auch immer passen sich im Geburtsverhalten recht schnell dem in der Mehrheitsgesellschaft an. Das ist normal und hat nichts mit Rasse oder Gehirnschmalz zu tun.

Da Sarrazin aber immer da, wo er argumentativ zu schwimmen beginnt, nach einer Rettungsweste ruft, kommt, schwupps, eine „erstellte Modellprojektion“ aus dem Hut. Das klingt beeindruckend.

Ist aber auch Quatsch. Nach der Sarrazinschen Rechenschieberei würde jede „Jahrgangskohorte“, das klingt beeindruckend militärisch, auf das Fünffache anwachsen und somit eine „Existenzfrage für unsere Kultur und das Überleben unserer Gesellschaft“.

Sarrazin kann lediglich aufpusten

Sarrazin verkauft sich als Zahlenkenner. Aber er jongliert mit allzu vielen Unbekannten. Sarrazin kann lediglich aufpusten. Ein Verfünffachen ist so realistisch wie der Untergang des Abendlands oder der Aufgang der Sonne im Westen. Er will nur Angst schüren.

Da überrascht es nicht, dass er den nächsten alten Hut hervorholt, und zwar die Leier von der mit (West-)Deutschland fremdelnden Kanzlerin. Diese verfolgt eine Agenda, die sich von den konkreten Interessen der heute in Deutschland lebenden Bürger völlig emanzipiert hat“. Und weiter: „Diese internationalistische Sicht Merkels hat möglicherweise das Wohl der Welt im Allgemeinen im Blick, kaum aber noch die Interessen Europas und schon gar nicht das Interesse der Deutschen an der Zukunft der eigenen Nation, dem Schutz ihres Lebensumfeldes und ihrer kulturellen Identität (…)“

Klar, Sarrazin weiß, wie die Deutschen ticken. Er kennt ihre Interessen. Als gestandener Populist muss er diesen Anspruch vertreten und die Zahlen seiner verkauften Bücher mit den wie auch immer gebündelten Interessen einer Gesellschaft verwechseln.

Eines aber muss man Sarrazin lassen: Der Erfolg seiner Bücher zeigt uns Deutschen den Spiegel. Wir mögen Sarrazin, weil wir uns dann erhaben fühlen. Erhaben gegenüber diesen Ausländern, die besser aussehen und womöglich die Frechheit besitzen, mehr Grips zu haben. Schnell also die kognitiven (Achtung: kog-ni-tiv) Fähigkeiten zur Distanzierung vorsichtshalber hervorkramen. Sarrazins Erfolg sagt etwas über unsere eigene Armseligkeit.

Bilder: dpa

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