Der schöne Schein

Andreas Fischer
1 / 7

Der schöne Schein

In der sechsteiligen Dokuserie "This is Football" redet Amazon dem Publikum ein, dass Fußball wirklich richtig toll ist. Die überlange Werbebroschüre dürfte vor allem FIFA und Co. gefallen, weil sie zugunsten von Herz-Schmerz-Schmonzetten auf kritische Fragen verzichtet. Lionel Messi ist auch dabei.

Die Bundesliga geht bald wieder los, Europas B-Teams sind schon im Champions League-Modus, die EM-Quali steht an, dazu Pokal, Europa League, zweite Liga ... Der Fußball holt sich zurück, was er in den Sommermonaten widerwillig abgeben musste: die uneingeschränkte Aufmerksamkeit seiner zahlungswilligen Gefolgschaft. Die steht dem König quasi als Erbrecht zu. Damit auch niemand daran zweifelt, erzählt "This is Football" ab 2. August, wie großartig, wie integrativ, wie inspirierend Fußball ist. Glaubt man der Amazon-Serie, dann kann Fußball gar nicht anders, als die Welt besser zu machen, schöner und toleranter.

Das ist natürlich Quatsch. Es entbehrt daher nicht einer gewissen Dreistigkeit, den Sechsteiler als Dokuserie zu deklarieren, obwohl vom ersten Moment an klar ist, dass "This is Football" eine Werbebroschüre ist, ein Kundenmagazin, in dem das Publikum mit ausgefeiltem Storytelling und auf Hochglanz polierten Bildern für dumm verkauft wird. Herz, Schmerz, Pathos und - der unbestritten großartige - Lionel Messi sollen das wahre Gesicht des Fußballs zeigen. Fußball als elementare Kraft, mit der die Welt ins Lot gebracht werden kann: Ernsthaft, glaubt das außer Amazon und Co-Produzent Starbucks (ja, die Cafékette) noch jemand?

Rote Karte für den Völkermord

Natürlich beginnt die Serie mit dem Stadionklassiker des Liverpool FC. Gerry and the Pacemakers stimmen "You'll Never Walk Alone" an, die LFC-Fankurve steigt ein und dann die "Rwanda Reds", ein Fanclub aus Kigali, Ruanda. Und schon ist man mitten drin in der Mission "Wiedergutmachung". In der ersten Episode behauptet die Serie allen Ernstes, dass Fußball maßgeblich daran beteiligt war, in dem ostafrikanischen Land das Trauma des Genozids von 1994 zu überwinden: Radikale Hutus hatten in wenigen Wochen fast eine Million Tutsis und gemäßigte Hutus ermordet. Der Fußball habe später die Gräben wieder zugeschüttet, weil "man beim Spiel nicht fragt, ob einer Tutsi ist oder Hutu", wie ein Protagonist in die Kamera flötet.

Untermauert wird diese These durch Interviews mit den "Rwanda Reds", Politikern und Fußballstars des Landes. Aufnahmen aus TV-Archiven, erhabene Landschaftsaufnahmen und nachgespielte oder aus dem Zusammenhang gerissene Szenen (das lässt sich nicht genau unterscheiden) liefern die passenden Bilder, derweil die Musik majestätisch durch den Äther wabert. Dass (Zeit-) Geschichte weitaus komplexer ist, als in einem kurzen historischen Abriss dargestellt - geschenkt. Dass weit mehr dazu gehört als Fußballspiele, um die Wunden einer in den Grundfesten erschütterten Gesellschaft zu heilen sowieso. Immerhin sind ein paar "Rwanda Reds" zum Abschluss im "Kop End" ihrer Träume.

Die Serie stellt sich selbst ins Abseits

Man kommt nicht umhin, festzustellen, dass der Fußball als Sport in der Serie missbraucht wird, um das Entertainment-Produkt Fußball zu verkaufen. In der Ruanda-Episode darf der Fußball politisch sein, bei großen Turnieren, insbesondere in Ländern, die grundlegende Menschenrechte als vernachlässigbares Übel gelten, verbitten sich die Funktionäre politische Äußerungen.

Bei dieser versuchten Gehirnwäsche fragt man sich unweigerlich, ob all die anderen Geschichten über den Fußball Fake News sind. Aber über zunehmende Kommerz, Gianni Infantinos Gelddruck-Turniere, menschenverachtende Arbeitsbedingungen beim Bau der WM-Stadien in Katar, horrende Ablösesummen in Europas Profiligen, rassistische Auswüchse in den Fankurven, Gewalt in unteren Ligen und gegenüber Schiedsrichtern - darüber will ja keiner reden. Die Mehrheit des unterhaltungsverrückten Publikums nicht, Verbände schon gar nicht, und auch Amazon hat keine Lust auf Misstöne in seiner Werbebroschüre. Fußball soll einfach nur schön sein, und das Milliardengeschäft mit ihm auf keinen Fall hinterfragt werden.