"Eine Schauspielkarriere würde ich mir durchaus zutrauen"

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Eine Fernsehkarriere könne sie sich gut vorstellen, sagt  Aljona Savchenko: "Falls sich die Möglichkeit eines Tages ergeben sollte, würde ich das durchaus ernst nehmen." (Bild: 2019 Getty Images/Andreas Rentz)
Eine Fernsehkarriere könne sie sich gut vorstellen, sagt Aljona Savchenko: "Falls sich die Möglichkeit eines Tages ergeben sollte, würde ich das durchaus ernst nehmen." (Bild: 2019 Getty Images/Andreas Rentz)

Was geschieht, nachdem der große Lebenstraum in Erfüllung gegangen ist? Nach ihrem legendären Olympia-Sieg im Jahr 2018 musste sich Eiskunstlauf-Profi Aljona Savchenko diese Frage stellen. Wie es ihr heute ergeht und welche Rolle dabei ihre kleine Tochter spielt, erzählt die Ausnahme-Athletin im Interview.

Im dritten Anlauf zur Legende: Als die in der Ukraine geborene Eiskunstläuferin Aljona Savchenko und ihr französischer Partner Bruno Massot bei den olympischen Spielen in Pyeongchang im Jahr 2018 zur Kür antraten, war die Hoffnung auf den Sieg gering. Nach einem Patzer beim Kurzprogramm lag das für Deutschland antretende Paar auf dem vierten Platz, der Punkteabstand zur Konkurrenz war groß. Wie nun die einfühlsame Dokumentation "Die Kür ihres Lebens" (Donnerstag, 3. Februar, 20.15 Uhr, ARTE, und am Mittwoch, 9. Februar, 22.45 Uhr, auch im BR) nachzeichnet, gelang mit einer atemberaubenden Kür schließlich das vermeintlich Unmögliche: Savchenko und Massot holten Gold. Zuvor hatte sich Savchenko bereits zweimal mit Bronze zufriedengeben müssen, den Olympia-Sieg bezeichnete die sechsfache Weltmeisterin immer wieder als "Lebenstraum". Heute, vier Jahre später, lebt die 38-Jährige mit ihrem Ehemann Liam und ihrer zweijährigen Tochter Amilia im Allgäu - und träumt von einer TV-Karriere.

teleschau: Sie verstärken in diesem Jahr bei den Olympischen Spielen Beijing das Eurosport-Expertenteam. Können Sie sich eine Zukunft im TV vorstellen?

Aljona Savchenko: Auf jeden Fall, das würde mir sicher gut gefallen. Für mich ist das Fernsehen sehr interessant. Dazu kommt, dass auch viele ehemalige Kolleginnen und Kollegen ebenfalls als Kommentatoren dabei sind. Insofern fühlt es sich an, als bliebe ich in der Sportler-Familie.

teleschau: Bereiten Sie sich darauf vor?

Savchenko: Klar. Es ist eine neue Rolle, in der man professionell auftreten muss. Ich denke, es ist wichtig, dass man sich vorbereitet. Egal, welche Arbeit - wenn ich mir etwas vorgenommen habe, will ich es auch richtig machen.

teleschau: Katharina Witt wechselte vom Eis vor die Kamera. Möchten Sie in ihre Fußstapfen treten?

Savchenko: Ich würde mir das tatsächlich wünschen. Sollte ein Angebot kommen, müsste ich mir dann allerdings zunächst professionelle Unterstützung suchen. Ich glaube, dass es wichtig ist, sich ausgiebig vorzubereiten, zum Beispiel mit speziellem Sprachunterricht. Moderatorinnen und Moderatoren müssen ihren Job genauso lernen wie Schauspielerinnen und Schauspieler. Falls sich die Möglichkeit also eines Tages ergeben sollte, würde ich das durchaus ernst nehmen.

Aljona Savchenko wurde 1984 in der damaligen Sowjetunion geboren. Sollte ihre zweijährige Tochter eines Tages den gleichen Weg einschlagen wollen wie sie, wäre das kein Problem für die junge Mutter: "Wenn sie darauf Lust hat und das wirklich möchte, werde ich sie gerne mit allen Mitteln unterstützen." (Bild: ARTE / Lichtblick Film / Gerhard Schick)
Aljona Savchenko wurde 1984 in der damaligen Sowjetunion geboren. Sollte ihre zweijährige Tochter eines Tages den gleichen Weg einschlagen wollen wie sie, wäre das kein Problem für die junge Mutter: "Wenn sie darauf Lust hat und das wirklich möchte, werde ich sie gerne mit allen Mitteln unterstützen." (Bild: ARTE / Lichtblick Film / Gerhard Schick)

"Nicht immer so cool und glamourös, wie sich das viele Menschen vorstellen"

teleschau: Im Rampenlicht zu stehen, wäre immerhin nichts Neues für Sie ...

Savchenko: Das stimmt, ich habe mich im Laufe der Zeit daran gewöhnt. Ich genieße das auch, aber gleichzeitig herrscht viel Druck, wenn die ganze Aufmerksamkeit auf einem liegt. Es ist nicht immer so cool und glamourös, wie sich das viele Menschen vorstellen, sondern auch eine Herausforderung für den Körper und vor allem für die Seele. Deshalb ist es wichtig, auf sich selbst zu achten.

teleschau: In Ihrer Karriere gab es viele Höhen und Tiefen. Wie fänden Sie es, wenn Ihr Leben verfilmt werden würde?

Savchenko: Ich hätte nichts dagegen! Ein solches Projekt war tatsächlich schon mal im Gespräch, klappte dann aber zeitlich nicht. Mir würde es gefallen, meine Geschichte detaillierter erzählen zu können, also von klein auf.

teleschau: Wer wäre die ideale Besetzung für die Rolle der Aljona Savchenko?

Savchenko: (lacht) Meine Tochter vielleicht? Falls sie zufällig Schauspielerin werden sollte. Im Ernst: Darüber muss ich mir erst einmal Gedanken machen. Ich hätte aber auch nichts dagegen, mich selbst zu spielen.

teleschau: Steht nach Ihrer Eiskunstlaufkarriere nun eine Laufbahn als Schauspielerin auf dem Plan?

Savchenko: Warum nicht? Vielleicht ist es dafür schon zu spät, aber ich würde mir das durchaus zutrauen. Als Eiskunstläufer ist man ja nicht nur Athlet, sondern auch Künstler - zum Glück. Auf dem Eis muss man auch eine bestimmte Rolle darstellen und das Publikum einfangen. Insofern kann ich mir das gut vorstellen.

Gemeinsam mit ihrem Partner Bruno Massot holte Aljona Savchenko nicht nur Olympia-Gold, sondern 2018 auch ihren sechsten Weltmeistertitel. (Bild: 2018 Getty Images/Alexander Hassenstein)
Gemeinsam mit ihrem Partner Bruno Massot holte Aljona Savchenko nicht nur Olympia-Gold, sondern 2018 auch ihren sechsten Weltmeistertitel. (Bild: 2018 Getty Images/Alexander Hassenstein)

"Im Moment hat meine Tochter für mich die höchste Priorität"

teleschau: Derzeit helfen Sie in Ihrem Heimatort Oberstdorf, Kinder beim Eislaufen zu trainieren.

Savchenko: Genau, ich mache das aber eher inoffiziell. Im Moment hat meine Tochter für mich die höchste Priorität, deshalb helfe ich nur, wenn ich eine oder zwei Stunden frei habe.

teleschau: Wie haben Sie die letzten Jahre ansonsten verbracht?

Savchenko: Ich wollte einfach mal Zeit für mich und meine Familie haben und für meine Tochter da sein. Ich möchte mich so lange um mein Kind kümmern, wie es mir möglich ist. Alles andere ist solange Nebensache.

teleschau: Könnten Sie sich vorstellen, dass auch Ihre Tochter irgendwann mal Eiskunstläuferin wird?

Savchenko: Wenn sie darauf Lust hat und das wirklich möchte, werde ich sie gerne mit allen Mitteln unterstützen. Egal, in welche Richtung es sie verschlägt. Auch, wenn sie eine andere Sportart ausüben möchte oder etwas ganz anderes machen will.

teleschau: Zum Beispiel?

Savchenko: Im Moment spielt sie gerne Ärztin oder singt viel. Wer weiß, vielleicht hat sie ja Potenzial, was das angeht (lacht). Ich würde sie auf jeden Fall niemals unter Druck setzen. Es ist ihr Leben, und ich möchte ihr als Mutter nicht im Weg stehen.

teleschau: Stand sie denn bereits auf dem Eis?

Savchenko: Ja, schon. Sie will ab und zu, aber nicht immer. Sie hat auch schon kleine Schlittschuhe. Sie muss aber natürlich nichts tun, auf das sie keine Lust hat.

Hochemotionaler Doku-Thriller aus der Welt des Eiskunstlaufs: Die ARTE-Doku "Die Kür ihres Lebens" (Donnerstag, 3. Februar, 20.15 Uhr) begleitet die für Deuschland startenden Aljona Savchenko und Bruno Massot, die nach olympischem Gold greifen. (Bild: picture-alliance.com / dpa / Peter Kneffel)
Hochemotionaler Doku-Thriller aus der Welt des Eiskunstlaufs: Die ARTE-Doku "Die Kür ihres Lebens" (Donnerstag, 3. Februar, 20.15 Uhr) begleitet die für Deuschland startenden Aljona Savchenko und Bruno Massot, die nach olympischem Gold greifen. (Bild: picture-alliance.com / dpa / Peter Kneffel)

"Einige Szenen kamen vielleicht zu hart rüber"

teleschau: Hat es Sie verändert, Mutter zu sein?

Savchenko: Klar, ich bin erfahrener geworden. Man versteht und sieht vieles anders. Wenn ich nun zum Beispiel als Trainerin anfangen würde, würde ich anders mit den Kindern umgehen, als mit mir umgegangen wurde.

teleschau: Inwiefern?

Savchenko: Meiner Erfahrung nach ist jedes Kind - und auch jeder Erwachsene - anders. Man muss auf den einzelnen Menschen eingehen. Das habe ich mit der Zeit gelernt. Meine Erfahrung als Athletin hat mich geprägt, aber Mutter zu sein hat mich noch klarer verstehen lassen, dass jede Persönlichkeit einzigartig ist. Diese Persönlichkeit muss man fördern, nicht verletzen. Man muss das Beste aus dem herausholen, was man hat. Diese Einstellung habe ich auch an unserem Trainer Alexander König immer sehr geschätzt.

teleschau: Wie war die Arbeit mit ihm?

Savchenko: Statt mich unter Druck zu setzen, hat er mich unterstützt. Er hat meine Schwächen gesehen und versucht, meine Stärken herauszuarbeiten. Das macht einen guten Trainer aus. Dadurch, dass uns vorherige Trainer so viel Druck gemacht haben, sind Bruno und ich hart im Umgang mit uns selbst geworden, weil wir es nicht anders kannten. Das sieht man in der Dokumentation sehr gut.

teleschau: Im Film sind Sie als extrem ehrgeizige Perfektionistin zu sehen. Stimmt das mit Ihrem Selbstbild überein?

Savchenko: In der Doku war das sehr heftig. Man sieht dort vor allem die schlechten Tage und schwierigen Situationen. Klar, ich bin bei meiner Arbeit perfektionistisch. Das muss man in meinem Berufsfeld auch sein. Trotzdem kamen einige Szenen vielleicht zu hart rüber. Ich kann ebenso lustig oder sanft sein, davon sieht man darin nur leider wenig.

Aljona Savchenko gilt als Perfektionistin und trainiert eisenhart. Im Film sei sie oft zu hart erschienen, erklärt die 38-Jährige: "Ich kann ebenso lustig oder sanft sein, davon sieht man darin nur leider wenig." (Bild: ARTE / Lichtblick Film / Gerhard Schick)
Aljona Savchenko gilt als Perfektionistin und trainiert eisenhart. Im Film sei sie oft zu hart erschienen, erklärt die 38-Jährige: "Ich kann ebenso lustig oder sanft sein, davon sieht man darin nur leider wenig." (Bild: ARTE / Lichtblick Film / Gerhard Schick)

"Blicke mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf die Zeit zurück"

teleschau: Sind Sie im Alltag gelassener?

Savchenko: Ja. Ich lege zwar beispielsweise schon Wert darauf, dass es zu Hause ordentlich ist, aber Arbeit ist Arbeit. Das lässt sich nicht so einfach vergleichen.

teleschau: Ihr Olympia-Sieg liegt mittlerweile vier Jahre zurück. Wie oft denken Sie noch daran?

Savchenko: Im Alltag weniger, das Leben muss schließlich weitergehen. Ab und zu schaue ich mir die Kür aber schon an. Mir kommen dann jedesmal die Tränen. Ich blicke mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf die Zeit zurück.

teleschau: Wieso?

Savchenko: Das hängt damit zusammen, dass Brunos Trainer Jean-Francois Ballester, mit dem wir vor den olympischen Spielen zusammengearbeitet haben, im Dezember 2018 gestorben ist. Wir wollten gerne gemeinsam weitermachen und sein Tod war ein harter Schlag. Wenn ich mir die Kür heute ansehe, erinnere ich mich an so viel Positives, aber es macht ganz schön traurig, dass ein so toller Mensch nicht mehr da ist.

teleschau: War es schwer für Sie, die Dokumentation anzusehen?

Savchenko: Ein bisschen. Auch, weil es schade ist, dass wir den Olympia-Sieg durch die Pandemie nicht voll auskosten und genießen konnten. Der Lockdown hat das sehr verkürzt.

Sie genieße es, im Rampenlicht zu stehen, so Aljona Savchenko. Sie kenne jedoch auch die Schattenseiten: "Es ist nicht immer so cool und glamourös, wie sich das viele Menschen vorstellen." (Bild: 2018 Getty Images/Franziska Krug)
Sie genieße es, im Rampenlicht zu stehen, so Aljona Savchenko. Sie kenne jedoch auch die Schattenseiten: "Es ist nicht immer so cool und glamourös, wie sich das viele Menschen vorstellen." (Bild: 2018 Getty Images/Franziska Krug)

"Eine Sendung wie 'The Voice Kids' müsste es auch für Eiskunstlauf geben!"

teleschau: Als Profi-Sportlerin hat Corona Sie hart getroffen.

Savchenko: Es war und ist schwierig. Ohne Shows oder Auftritte verdient man als Eiskunstläufer kein Geld. Wir leben davon, also war das für uns eine große Katastrophe. Durch diese ganze Situation müssen wir uns nun umorientieren. Ich kann nicht einfach zu Hause sitzen und warten, bis ich wieder auftreten darf. Ich will meinem Kind schließlich eine sichere Zukunft ermöglichen.

teleschau: Im Eiskunstlauf ist es in Deutschland allgemein schwer, Sponsoren zu finden. Wird Ihr Sport Ihrer Meinung nach zu wenig wertgeschätzt?

Savchenko: Ja. Das war schon vor Corona so. Nicht nur im Eiskunstlauf, sondern in vielen Sportarten. Ich denke, man müsste präsenter sein - zum Beispiel, indem im TV mehr Eiskunstlauf gezeigt wird. Junge Talente müssten mehr gefördert werden.

teleschau: Wie sollte das Ihrer Meinung nach aussehen?

Savchenko: Eine Sendung wie "The Voice Kids" müsste es auch für Eiskunstlauf geben! Das wäre die beste Werbung und dann gäbe es auch mehr Sponsoren. In anderen Ländern, Russland zum Beispiel, laufen im TV solche Talentformate oder auch Märchen-Shows, die auf Eis stattfinden. Auf diese Art wird für Nachwuchs gesorgt. Eine solche Grundlage fehlt in Deutschland.

2019 wurden Aljona Savchenko und ihr Ehemann Liam Cross Eltern einer Tochter. Für die Eiskunstläuferin hat ihre Familie derzeit oberste Priorität: "Ich möchte mich so lange um mein Kind kümmern, wie es mir möglich ist." (Bild: 2018 Getty Images/Franziska Krug)
2019 wurden Aljona Savchenko und ihr Ehemann Liam Cross Eltern einer Tochter. Für die Eiskunstläuferin hat ihre Familie derzeit oberste Priorität: "Ich möchte mich so lange um mein Kind kümmern, wie es mir möglich ist." (Bild: 2018 Getty Images/Franziska Krug)
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