Schockierende ARD-Reportage zeigte: So schlecht ging es Teenagern im Lockdown

·Lesedauer: 4 Min.
Aufgrund des Lockdowns habe sie zu viel Zeit auf Seiten wie Instagram verbracht, erzählte Kyra. (Bild: ARD/Radio Bremen/Jannik Steinmeyer)
Aufgrund des Lockdowns habe sie zu viel Zeit auf Seiten wie Instagram verbracht, erzählte Kyra. (Bild: ARD/Radio Bremen/Jannik Steinmeyer)

Mit der Corona-Krise rückten die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen oftmals in den Hintergrund. Eine erschütternde "Rabiat"-Reportage zeigte am Montagabend, wie verheerend die Folgen für viele junge Menschen wirklich sind.

"Als wir das erste Mal wieder in die Schule durften, war ich einfach wie ein Stein." Vor dem Lockdown sei er immer der Klassenclown gewesen, erzählte der 18-jährige Liam in der bemerkenswerten "Rabiat"-Reportage "Jugend für'n Arsch", die das Erste am Montagabend zu später Stunde zeigte. Dass er seine letzten beiden Schuljahre nahezu ausschließlich zu Hause verbringen musste, hat den Abiturienten viel Kraft gekostet. Mittlerweile befindet sich Liam in therapeutischer Behandlung. Die Diagnose: Depression. Lange habe er sich nicht eingestehen wollen, dass es ihm nicht gut geht. "Ich habe über Monate meinen Mund gehalten, auch weil die Eltern von Freunden wegen Corona ins Krankenhaus mussten", erklärte Liam der "Rabiat"-Reporterin Alina Schulz. "Ich dachte mir: Was hast du gerade für ein Anrecht darauf, etwas zu sagen? Ich glaube, das ist das wirklich Gefährliche an der Sache."

Liam war einer von vielen Jugendlichen, mit denen Alina Schulz im Sommer 2021 für ihren Film gesprochen hat, der zweifelsohne einen Sendeplatz zur Primetime verdient gehabt hätte. Dass das Erste die Dokumentation zu einer eher undankbaren Zeit ausstrahlte, scheint jedoch symptomatisch für die Belange junger Menschen seit Anbeginn der Pandemie zu sein. Sie alle mussten zurückstecken, seit sich am 13. März 2020 nach einer Kultusministerkonferenz alle Bundesländer dazu entschlossen hatten, den Präsenzunterricht einzustellen. Auch viele Studentinnen und Studenten - insbesondere all diejenigen, die gerade erst in den ersten Semestern stecken - beraubte die Corona-Pandemie eines großen Teils der wohl prägendsten Zeit im Leben eines jungen Menschen.

Kyra ist gerade einmal 14 Jahre alt. Seit der Pandemie hat sie mit Magersucht zu kämpfen.
 (Bild: ARD/Radio Bremen/Jannik Steinmeyer)
Kyra ist gerade einmal 14 Jahre alt. Seit der Pandemie hat sie mit Magersucht zu kämpfen. (Bild: ARD/Radio Bremen/Jannik Steinmeyer)

"Die vergangenen anderthalb Jahre waren echt die schlimmste Zeit in meinem Leben"

So traf Alina Schulz auch Despina, die in Heidelberg Jura studiert. Die 19-Jährige hatte sich zu Beginn ihres Studiums bewusst für eine WG mit zehn Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern entschieden, um möglichst leicht neue Kontakte knüpfen zu können. Da die meisten Uni-Veranstaltungen jedoch ohnehin nur online stattfanden, lebte der Großteil ihrer Wohngemeinschaft die letzten Semester zu Hause bei den Eltern. Despina blieb meist allein in der WG - und verbrachte ihren Alltag in ihrem 13-Quadratmeter-Zimmer, wo sie ihre Vorlesungen per Laptop verfolgte.

"Die vergangenen anderthalb Jahre waren echt die schlimmste Zeit in meinem Leben", berichtete sie. Besonders traurig war sie darüber, dass sie viele Momente schlichtweg nicht nachholen könne: "Manche Erfahrungen sind einfach verloren." Despina war sich sicher: Die Pandemie hinterlässt Narben, auch und vor allem in ihrer Generation. "Dass wir nicht mehr wissen, wie wir mit einer großen Gruppe umgehen sollen oder dass wir nicht wissen, wie das ist, in einem vollen Hörsaal zu sitzen", so Despina, sitze bei vielen Menschen ihres Alters tief.

Guiseppe lebt in einer Hochhaussiedlung im äußeren Kölner Stadtteil Meschenich. Halt gibt ihm vor allem ein Jugendzentrum in der Nähe.

 (Bild: ARD/Radio Bremen/Florian Linke)
Guiseppe lebt in einer Hochhaussiedlung im äußeren Kölner Stadtteil Meschenich. Halt gibt ihm vor allem ein Jugendzentrum in der Nähe. (Bild: ARD/Radio Bremen/Florian Linke)

Unterricht per Smartphone

Wie verheerend die Folgen sozialer Isolation sein können, zeigte auch das Beispiel der gerade einmal 14-jährigen Kyra, die sich momentan auf der Psychosomatischen Station für Kinder und Jugendliche im Klinikum Nürnberg befindet. Während der Pandemie ist sie in die Magersucht gerutscht und musste sich bereits das zweite Mal in psychiatrischer Behandlung begeben. "Im Lockdown hat man auf einmal noch mehr am Handy gesessen und hat gesehen, wie die Leute auf Instagram aussehen und dachte sich: Vielleicht schaffe ich das auch in der Zeit", erzählte die Schülerin. "Durch Corona hat man viel Kontrolle verloren - und das war das Einzige, wo man eben Kontrolle hatte."

Ob Kyra auch ohne die Pandemie eine Essstörung entwickelt hätte, lässt sich auch nach dem bestürzenden Bericht nicht sagen. Klar ist jedoch: Die Corona-Krise hat die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen stark ansteigen lassen. "Wir erleben viele junge Leute, denen es sehr schlecht geht", sagte auch der Chefarzt der Bremer Klinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie, Dr. Marc Dupont.

Auch Guiseppe, der in einem Kölner Brennpunkt lebt, hatte schwer mit den Maßnahmen zu kämpfen. Die Schule musste er abbrechen, er habe dem Unterricht von zu Hause aus einfach nicht mehr folgen können. Guiseppe, der mit seiner arbeitssuchenden Mutter zusammenlebt, musste per Smartphone an den Online-Stunden teilnehmen - einen Laptop besitzt er nicht. Als sein Handy den Geist aufgab, sprang das Jugendzentrum ein, das er bereits seit seinem sechsten Lebensjahr besucht, und besorgte dem 16-Jährigen ein Tablet. Wie der Film zeigte, holt er nun den Hauptschulabschluss nach und hofft, nicht erneut auf den Präsenzunterricht verzichten zu müssen, der ihm wenigstens ein bisschen Halt in unsicheren Zeiten geben kann.

Im Gespräch mit "Rabiat"-Reporterin Alina Schulz erzählte Guiseppe, vor welche Herausforderungen ihn der Online-Unterricht gestellt hat.
 (Bild: ARD/Radio Bremen/Florian Linke)
Im Gespräch mit "Rabiat"-Reporterin Alina Schulz erzählte Guiseppe, vor welche Herausforderungen ihn der Online-Unterricht gestellt hat. (Bild: ARD/Radio Bremen/Florian Linke)
Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.