Sollte man trotz Klimakrise noch Kinder kriegen? Ein Philosoph hat eine überraschende Antwort

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Dieser Artikel ist Teil der Yahoo-Serie "Nachhaltigkeit: Fakt oder Mythos"

Einige junge Menschen fragen sich, ob Kinderkriegen noch ethisch vertretbar ist (Symbolbild: Getty Images)
Einige junge Menschen fragen sich, ob Kinderkriegen noch ethisch vertretbar ist (Symbolbild: Getty Images)

Nachdem bereits 7,9 Milliarden Menschen die Umwelt unseres Planeten verschmutzen, braucht es da wirklich noch mehr von uns?

Viele junge Menschen stellen sich genau diese Frage, wenn es um die eigene Familienplanung geht.

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden bis 2050 ganze 9,7 Milliarden Menschen die Erde bevölkern. Wir haben uns an einen der bekanntesten lebenden Philosophen, den australischen Professor Peter Singer, gewandt, damit er uns dabei helfen kann, dieses Thema besser zu verstehen. 

Der Professor für Bioethik an der Princeton University räumt ein, dass die Antwort in Bezug auf das Kinderkriegen "kompliziert" sei. 

Wenn sich die Welt nicht drastisch verändere, würden diese Kinder fossile Brennstoffe verbrauchen, möglicherweise Fleisch essen und der Umwelt nachhaltig schaden – besonders dann, wenn sie in wohlhabenden Ländern zur Welt kämen.

"Das ist der Grund, warum manche sagen, dass sie keine Kinder kriegen werden, oder die Anzahl der Kinder auf ein nachvollziehbares Maß beschränken wollen", sagte Professor Singer Yahoo. 

Keine Kinder zu kriegen könnte mehr schaden als nutzen

Für viele heißt es entweder ja oder nein, weitere Fragen stellen sie sich nicht. Professor Singer, der selbst Vater ist, "beunruhigt" jedoch die Vorstellung, das Kinderkriegen aus ethischen Gründen abzulehnen.

Er hat die Wohltätigkeitsorganisation "A Life You Can Save" ins Leben gerufen, die sich für ein Ende der Armut auf der Welt einsetzt. Zudem hat er über 20 Bücher über Ethik und Philosophie geschrieben. Das Thema Kinderkriegen hat ihn dabei immer wieder beschäftigt. 

Seine Sorge gilt der Frage, wie die nächste Generation aufwachsen wird, wenn diejenigen, die sich über den Klimawandel Gedanken machen, keine Kinder kriegen.

"Dann überlässt man die Erde den Menschen, die keine ethischen Überlegungen angestellt haben und nicht zum Schutz der Umwelt auf das Kinderkriegen verzichten wollen", so Singer.

Gerade weil die Umweltkrise bereits da ist, findet Professor Singer, dass ethisch denkende Menschen in Betracht ziehen sollten, Kinder zu kriegen, um die weitere Entwicklung positiv zu beeinflussen (Symbolbild: Getty Images)
Gerade weil die Umweltkrise bereits da ist, findet Professor Singer, dass ethisch denkende Menschen in Betracht ziehen sollten, Kinder zu kriegen, um die weitere Entwicklung positiv zu beeinflussen (Symbolbild: Getty Images)

"Ob Sie nun glauben, dass Ihr Kind einige ethische Denkweisen von Ihnen vererbt bekommt, oder dass es diese durch die schulische und kulturelle Erziehung und die von Ihnen vermittelten Werte erhält - die Welt wird in jedem Fall nicht besser sein, wenn alle Menschen, die sich ernsthaft über ethische Fragen Gedanken machen, sich gegen das Kinderkriegen entscheiden. Ich würde niemandem empfehlen, überhaupt keine Kinder in die Welt zu setzen. Vielleicht würde ich von einer Großfamilie abraten, aber Menschen, die über die Zukunft nachdenken, sollten auch darüber nachdenken, wer diesen Planeten nach uns bewohnt und ob diese Menschen ihn ebenfalls schützen werden."

Macht der Klimawandel die Welt zu unsicher für Kinder?

Eine weitere Frage, die sich viele junge Menschen stellen, ist, ob das Kinderkriegen in einer zunehmend durch den Klimawandel destabilisierten Welt ethisch vertretbar ist.

Zur Beantwortung dieser Frage wirft Professor Singer einen Blick auf den Zustand der Welt in der Vergangenheit, als er selbst noch ein Kind war. "Die Welt ist schon lange kein sicherer Ort mehr. Kurz bevor ich geboren wurde, hat die Welt Atombombenabwürfe auf eine Zivilbevölkerung erlebt", erzählt er.

"Als Kind befürchtete ich, dass es möglicherweise zu einem Atomkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion kommen könnte. Ich erinnere mich an die Kubakrise, die jagte mir richtig Angst ein. Man könnte also sagen, dass meine Eltern mich gar nicht hätten in die Welt setzen sollen. Ich persönlich bin aber froh, dass sie es getan haben."

Er argumentiert, dass einige Risiken vertretbar seien, in der Hoffnung, dass die Welt für die nächste Generation sicher genug ist, um ein gutes Leben zu führen.

Das Argument, keine Kinder zu haben, um ihnen damit etwas Gutes zu tun, ist für ihn nicht stichhaltig: "Das hat etwas von einem Paradox, denn man kann niemandem etwas Gutes tun, der gar nicht existiert."

Michael Dahlstrom

Peter Singer: Effektiver Altruismus - Eine Anleitung zum ethischen Leben (gebundene Ausgabe)

(Bild: Suhrkamp)
(Bild: Suhrkamp)

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