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"Tausend Zeilen"-Star Jonas Nay im Interview: "Ich lese immer noch den SPIEGEL"

Lars Bogenius scheint der perfekte Journalist zu sein, scheinbar jeden bringt der preisgekrönte Edelschreiber für seine Reportagen dazu alles auszuplaudern. Doch als seinem Kollegen Juan Romero Ungereimtheiten in einer Titelgeschichte von Bogenius auffallen, kommen ihm Zweifel. Auf der Suche nach der Wahrheit setzt Romero nicht nur seinen Job, sondern auch seinen Ruf und seine Familie aufs Spiel.

Jonas Nay in
Jonas Nay in "1000 Zeilen". (Bild: Marco Nagel) (Marco Nagel)

Schauspieler Jonas Nay, bekannt aus der Serie "Deutschland 83", spielt in "Tausend Zeilen" den Journalisten und Hochstapler Lars Bogenius. Vor dem Kinostart traf Yahoo den 32-Jährigen und sprach mit ihm über den wahren Fall hinter dem Film, die Dreharbeiten und Medien-Skepsis.

Yahoo: Der Film basiert auf dem wahren Fall des SPIEGEL-Journalisten Claas Relotius, der 2018 aufgedeckt wurde. Hast du die Geschichte damals schon verfolgt oder erst als Vorbereitung auf den Film recherchiert?

Jonas Nay: Den Fall Claas Relotius hab ich damals mitbekommen, mir war damals aber die Tragweite der ganzen Geschichte nicht richtig bewusst. Aber ich hab's mitbekommen und hatte damals schon 1.000 Fragen - aber noch keine 1.000 Zeilen.

Erst in der Vorbereitung zu diesem Film habe ich mich dann so richtig intensiv auch mit der Aufarbeitung des Falls auseinandergesetzt, also mit der Aufarbeitung des SPIEGEL selbst, mit dem expliziten Fact-Checking aller Reportagen, Artikel und Interview, die Claas Relotius geschrieben hat.

Und dann hab ich mich noch sehr viel mit Juan Moreno, dem Autor des Buches, das die Hauptinspirationsquelle für diesen Film geworden ist, unterhalten und den ausgequetscht über seine Erfahrungen.

Was waren deine persönlichen Eindrücke zu dem Fall Relotius?

Was mich wirklich gewundert hat, ist, dass es in der modernen Medienwelt noch möglich war, in so maßlosem Format zu lügen. Ich habe nachträglich auch noch nicht richtig eine Erklärung dafür. Natürlich haben tausende multi-kausale Faktoren dazu beigetragen, aber nichtsdestotrotz wäre es anhand der Vernetzung und der Überprüfbarkeit online heutzutage eigentlich viel einfacher von sowas Wind zu bekommen... Deswegen hat mich das wirklich gewundert.

Aber Claas Relotius hat es echt verstanden, ein Konstrukt aufzubauen. Zum Beispiel bei internationalen Geschichten oder auch bei Interviews, die er geführt haben will, die nie stattgefunden haben, hat er dann dafür gesorgt, dass die nicht international ausgewertet oder mit einer Bezahlschranke versehen werden. Er hat das schon extrem ausgeklügelt gestaltet, sonst wäre er sicherlich nicht so weit damit gekommen.

Relotius hat 2021 sein bisher einziges Interview gegeben nach dem Skandal. Darin versucht er sich zu erklären und seine Perspektive aufzuzeigen. Hast du das Interview gelesen - und wenn ja, was sagst du zu seiner Erklärung?

Das Interview kam während des Filmdrehs raus. Ich habe es auch gelesen und fand es sehr spannend, aber ich habe da nicht so eine richtige Haltung zu.

Meine Vermutung ist, dass er sich mit seiner Rechtfertigung - also, dass er eine psychische Krankheit habe, die dazu geführt hätte, dass er sich in einer Scheinwelt verloren hat – im Nachhinein weniger angreifbar machen möchte.

Und natürlich stellt sich auch die Frage, wie viel Wert ein Interview mit jemandem hat, der jahrelang systematisch die Unwahrheit gesagt hat. Außerdem fand ich auch die Fragen, die die Reporter an Relotius gestellt haben, relativ harmlos - vor allem für ein von ihm selbst geschädigtes Magazin. Aber spannend ist es auf jeden Fall. Es lohnt sich, das zu lesen - und es überrascht einen schon.

Starreporter oder begnadeter Lügner?
Starreporter oder begnadeter Lügner? (Bild: Marco Nagel) (Marco Nagel)

Hat das Interview oder auch generell die Figur von Relotius die Figur von Lars Bogenius beeinflusst?

Es war schon von vornherein, auch schon zum Casting, klar, dass Lars Bogenius nicht Claas Relotius darstellen soll, sondern eine fiktionale Figur in einem fiktionalen Film.

Ich hab mich dann an vielen verschiedenen Betrüger-Persönlichkeiten, die es in der Geschichte gab, orientiert und mich derer Techniken bedient. Verschiedene Techniken sind, wenn man es von außen betrachtet, oft sehr vergleichbar. Beispielsweise gibt es den Fall eines Betrügers aus New York, Stephen Glass, der ähnliche Betrugsfälle schon früher bei einem US-amerikanischen Magazin gemacht hat. Ich habe gehört, dass der in der Journalistenschule eine Art Referenzfall ist, ein Fall von "How not to do it" - auch Claas Relotius soll den behandelt haben in der Schule.

Dieser Stephen Glass hat später selbst ein Buch geschrieben, in dem er seine Sicht der Dinge und seine Techniken offen legte und wie er das gemacht hat und das deckelt sich alles sehr: Dieses devote, vorgeschoben empathische, persönliche, mit der Opfer-Rolle zu spielen, um das Gegenüber für sich zu gewinnen oder auch Techniken, um das Verhalten des Gegenübers unbemerkt zu spiegeln, sich die Körperlichkeit, die Mimik, all das anzueignen, damit man ein Gefühl des Vertrauens herstellt.

All das sind so Techniken, die natürlich auch für mich als Schauspieler spannend sind. Damit habe ich mich viel auseinandergesetzt und davon habe ich ganz viel in Lars Bogenius einfließen lassen.

Hast du in einer Rolle als Lars Bogenius also auch Parallelen zu deinem Job als Schauspieler gesehen?

Absolut - ein Lars Bogenius erfindet ja nicht nur geschriebene Geschichten, eigentlich ist sein ganzes Leben eine absolute Masterclass im Schauspiel. Er muss in seinem gesamten Leben alle Menschen um sich herum 24/7 von einer Person überzeugen, die es nicht gibt.

Deswegen ist es auch spannend für einen Schauspieler, sich mit dem Fall auseinanderzusetzen. Wir haben immer wieder die Möglichkeit, wenn die Klappe gefallen ist, wieder nach Hause zu gehen, wieder man selbst zu sein - und das ist auch gesund. Es ist sehr, sehr ungesund, das nicht zu tun, aber es ist auch eine Leistung. Die Leistung eines Hochstaplers ist eigentlich eine schauspielerische Leistung, die nochmal viel krasser ist, weil man nicht durch Schnitt, Regie oder Spielpartner unterstützt wird und ein Publikum überzeugen muss, sondern man muss immer funktionieren.

Was im Film besonders auffällt, sind Stilmittel, die die Geschichte auf eine Meta-Ebene heben, beispielsweise das Durchbrechen der vierten Wand. Mehrfach wird der*die Zuschauer*in direkt angesprochen - Was ist die Intention dahinter?

Es gibt ein paar filmische Beispiele, die das auch machen. Ich musste da gleich an "House of Cards" denken oder "The Big Short". Bei "House of Cards" wird das genutzt, um diesen absoluten Antagonisten zum Protagonisten zu machen, der die ganze Zeit versucht, sich zu rechtfertigen und den Zuschauer mit auf seine Seite zu ziehen.

Und hier war es auch eine bewusste Entscheidung, sowohl Lars Bogenius als auch Juan Romero um die Gunst des Zuschauers werben lassen. Man soll nicht von vornherein das Gefühl haben, dass wir jetzt einen investigativen Film über das Leben von Juan Moreno machen - zum anderen soll es aber auch keine Glorifizierung eines Hochstaplers der Pressewelt sein.

Stattdessen soll man sich selbst immer wieder dabei erwischen, wie man doch grinsen muss, wenn Lars Bogenius so etwas sagt wie: "Hassen Sie auch nichts so sehr wie Klugscheißer?". Man soll mit auf die Reise genommen werden, und die Leute direkt anzusprechen, ist ein Stilmittel, mit dem man das ganz gut schaffen kann.

Das war meine persönliche Herausforderung, meine Challenge, es mit einem Charakter wie Lars Bogenius zu schaffen, die Menschen irgendwie mit ins Boot zu holen, obwohl alle wissen, das ist so falsch. Das ist so falsch, was er macht.

Was verbirgt Lars Bogenius?
Was verbirgt Lars Bogenius? (Bild: Marco Nagel) (Marco Nagel)

Lars Bogenius ist ein fiktionaler Charakter in einem fiktionalen Film. Allerdings gibt es aber auch ganze Text-Auszüge, die tatsächlich aus Claas Relotius Texten stammen. Warum diese Mischform aus Realität und Fiktion?

Hermann Florin hat in Zusammenarbeit mit Bully (Michael Herbig, Anm. d. Red.) das Drehbuch geschrieben und die beiden waren sich, glaube ich, ziemlich einig in der Art und Weise, was für einen Film sie erzählen wollen. Die UFA hat die Rechte an der Verfilmung des Buches "Tausend Zeilen Lügen" von Juan Moreno gekauft. Sie haben sich dann entschieden, immer wieder einen Spagat zu machen, wie viel sie von dem Fall, der in diesem Buch beschrieben wird, nehmen und wie viel sie fiktionalisieren, um den Film zu machen, wie er jetzt entstanden ist.

Der Film ist auch wie ein Feuerwerk und hat einen unheimlichen Sog - und das kannst du natürlich nur schaffen, wenn du auch zum großen Teil extrem fiktionalisierst.

Im Zuge der Corona-Pandemie ist eine große Bewegung der Medien-Skepsis, der Skepsis am Journalismus, aufgekommen. Kommt ein Film wie "Tausend Zeilen" in so einer Zeit gerade richtig?

Ich glaube, dass das tatsächlich schon ein bisschen früher losging, mit dem Trumpismus in Amerika. Trump hatte den Relotius-Skandal damals auch aufgegriffen, die AfD auch, also alles wurde sehr schnell von den üblichen Verdächtigen aus der Fake-News-Bubble aufgegriffen. Aber durch die Pandemie wurde das jetzt natürlich nicht gerade milder…

Aber ich kann nur für mich selbst sprechen: Für mich hat dieser Fall, egal wie intensiv ich mich damit auseinandersetze, in keiner Weise seriösen Journalismus in Frage gestellt. Im Nachhinein ist es eher so, mit dem ganzen Aufkeimen von Fake-News im Hintergrund, ist es eigentlich um so wichtiger, dass es klar erkennbaren, seriösen Journalismus gibt und man sich darauf auch verlassen kann.

Der SPIEGEL hat mit dem Skandal, vor allem mit seiner Aufarbeitung des Skandals, auch gezeigt, wie wichtig ihnen das ist. Sie haben eine ganze Zeit extrem versagt, das sagen sie auch selbst, ihre Mechanismen haben nicht gegriffen und das hat einen ganz schönen Schaden auf die Branche geworfen. Aber nichtsdestotrotz finde ich es ziemlich beispiellos und sehr wichtig, wie der SPIEGEL mit sich selbst ins Gericht gegangen ist und das alles aufgearbeitet hat. Ich glaube, damit haben sie wirklich alles richtig gemacht - und sie waren es selber und nicht jemand anderes, so wie es bei vielen Skandalen ist, wo Schritt für Schritt immer mehr extern Recherchiertes rauskommt. Der SPIEGEL hat gesagt: "Okay, wir nehmen diesen eigenen Fall und machen den in dieser Form publik und arbeiten alles auf."

Also ich persönlich lese immer noch den SPIEGEL, ich lese die ZEIT und ich bin auch glücklich, dass es sie gibt. Ich bekomme ein Bild von Teilen der Welt und von vielen Dingen, die ich bisher noch nicht gesehen habe nur über den Journalismus. Ich habe nicht die Möglichkeit immer überall hinzukommen und man sieht zum Beispiel an anderen Ländern wie Russland, wie heftig es ist, wenn man wirklich vom freien Pressefluss abgeschnitten wird.

Deswegen war es zwar ein Paukenschlag, aber sie haben letztlich das Ruder ganz gut rumgerissen - und keiner sagt, dass wir nicht bei irgendeinem anderen großen Nachrichtenmagazin auch wieder Irgendeinen finden, der sie beschissen hat. Es gibt immer schwarze Schafe und die wird's auch immer wieder geben.

Tausend Zeilen startet am 29. September in den deutschen Kinos. Regie führte Michael "Bully" Herbig und neben Jonas Nay als Lars Bogenius spielt Elyas M'Barek den Journalisten Juan Romero. In weiteren Rollen sind unter anderem Sara Fazilat und Michael Ostrowski zu sehen.

Hier ist der Trailer zum Film: