"Temptation Island": Mehr als nur "Sex sells"

Lena weint vor lauter Glück über Robins Liebeserklärung. Alle Folgen von “Temptation Island – Versuchung im Paradies” ab dem 06.03.2019 exklusiv auf www.tvnow.de. Foto: TVNOW

Mehr nackte Haut, mehr Sex, mehr Voyeurismus? Nein. Die Show ums Fremdgehen ist vielschichtiger, als sie auf den ersten Blick vermuten lässt. Sie ist aber auch gefährlicher – wie der Ableger in Großbritannien nahelegt.

Sonntagabend steht die sechste Folge “Temptation Island” an. Zeit, einen genaueren Blick auf das Uralt-Konzept von RTL zu werfen. Die erste Staffel flimmerte bereits im Jahr 2001 über den Bildschirm. Mitten in die Anfangszeit der Reality-Shows hineingeboren, verlor “Temptation Island” schnell den Zuspruch der Zuschauer und wurde fast zwei Jahrzehnte eingemottet. Dabei ist das Konzept so einfach wie explosiv: Vier Paare ziehen auf eine Insel und werden von ihren Partnern getrennt. Die vier vergebenen Frauen werden mit elf date-wütigen Single-Männern in ein Ressort gesteckt. Umgekehrt verbringen die vier vergebenen Männer zwei Wochen mit elf Single-Frauen. Die Singles haben dabei nur eine Aufgabe: die Vergebenen verführen.

“Adam und Eva”, das gesamte “Bachelor”-Franchise, “Love Island” – überall geht es um Sex und Liebe, irgendwo in paradiesischen Gefilden. Das Konzept drängt seit einigen Jahren mehr oder minder erfolgreich zurück ins Fernsehen. Woher kommt der Trend, und wird das TV-Programm insgesamt versexter?

Wenn Porno nur ein Mausklick entfernt ist…

Die kurze Antwort: Nein. Es ist eine simple und unkreative Weiterentwicklung bisheriger Reality-TV-Shows. Früher reichte der Versuchsaufbau, Menschen auf engsten Raum zu sperren, aus, um eine Reaktion zu provozieren. Das lockt längst kein Millionenpublikum mehr. Zu gewöhnt sind wir, zu professionell sind die Darsteller. Ständige Beobachtung als Reiz? Das ist für viele der Alltag in den Sozialen Medien. Also kommen immer öfter die Klamotten weg – mal sehen, was passiert. Die Nacktheit nimmt auf jeden Fall zu.


Ist das aber gleichbedeutend mit mehr Sex im TV-Programm? Im Gespräch mit “DWDL” erklärt Sexpertin Paula Lambert das grundsätzliche Problem: Das Fernsehen habe schlicht Schwierigkeiten, Sex zu verbildlichen. Darum lande man schnell in Bereichen, die das Wesentliche nicht zeigten. Stimmt: Beim “Bachelor” schließt sich die Tür nach den Einzeldates und vor der gemeinsamen Nacht. Bei “Big Brother” wühlen zwei Bewohner versteckt unter einer Decke, oder eine Bewohnerin inszeniert ihre Selbstbefriedigung in der Badewanne mit ganz viel Schaum. Sex ist natürlich nie zu sehen, aber immer schon Thema.

Eun-Kyung Park von ProSiebenSat.1 sagte dazu vor einiger Zeit im Gespräch mit der “Morgenpost”: “Wenn Porno nur einen Mausklick entfernt ist, haben im Fernsehen alte Schamgrenzen ausgedient.” Christine Strobl, Geschäftsführerin der ARD-Tochter “Degeto”, sieht im Gespräch mit den Stuttgarter Nachrichten gar eine Entwicklung hin zur Normalisierung des Themas: “Nacktheit findet ganz selbstverständlich statt, wenn sie erzählerisch Sinn macht. Nacktheit des Tabubruchs wegen oder aus voyeuristischen Gründen interessiert uns nicht.”


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Moralische Grenzüberschreitung

Diese Perspektive gilt wohl eher für das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen, Voyeurismus hat bei Temptation Island sicher seinen angedachten Platz. Wieso sonst sollten optische Schauwerte so wichtig sein, immerhin sind alle Protagonisten jung, sportlich, mitunter schönheitsoperiert, die Kulisse traumhaft.

Aber: In Temptation Island ist nicht der Sex oder die Nacktheit neu. Was viel eher als neue Reizschwelle angesehen werden kann, ist die moralische “Anstößigkeit” hinter dem Konzept der Sendung.


Das amerikanische Kultur-Magazin “Vulture” schreibt dazu, die Show sei deshalb “grenzüberschreitend”, weil sie gesellschaftliche Normen hinterfrage. Die Norm des hetero-normativen Paares – Mann und Frau, zu zweit gemeinsam glücklich, bis dass der Tod es scheidet. So ist es laut “Vulture” für den Zuschauer “unbequem”, den Kandidaten dabei zuzuschauen, wie diese sich selbst und ihre Beziehung riskierten. Denn Beziehungen genössen in der Gesellschaft einen sehr hohen Stellenwert.

Dabei zeigen Zahlen, dass Fremdgehen und sich scheiden lassen gelebter Alltag ist. Und dass Monogamie nicht unbedingt glücklich macht, jedoch vordergründig und moralisch als die einzig erstrebenswerte Lösung angesehen wird.

Deshalb, so schreibt es “Vulture”, wird “Temptation Island” in der Öffentlichkeit als “Trash“ etikettiert, damit die Zuschauer die Sendung “frei von Schuld” schauen können und nicht stetig mit den eigenen Werte-Vorstellungen von Beziehungen konfrontiert zu werden.


“Temptation Island” bietet also nicht ein Mehr an Sex, es behandelt vielmehr das Thema Beziehung auf eine kontroverse Weise. Am Ende, so schließt “Vulture”, verließen die Kandidaten mit ihren Partnern entweder gestärkt die Show oder ließen eine instabile Beziehung hinter sich. Beides bringe sie weiter.

Einschaltquoten sind längst nicht alles

Wie sieht es mit den Einschaltquoten aus, wie viele Menschen wollen dieses Moral-Dilemma sehen? Der Branchendienst “Meedia” berichtet von miesen Zahlen bei der Premiere: 10,2 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe. Das entspricht 1,56 Millionen Zuschauern. Unter dem RTL-Jahresschnitt von 11,4 Prozent. Doch im Verlauf der Folge blieben immer mehr Interessierte hängen. Am Ende lag die Quote bei über 13 Prozent.

Dennoch landete das Ergebnis hinter den Erwartungen. Ab der zweiten Folge war ein neuer Programmplatz geplant: sonntagabends. Seither schwankt das Ergebnis, mal stieg die Quote knapp über 13 Prozent, nur um in der Folgewoche unter zehn Prozent zu fallen. Vergangenen Sonntag erholte sie sich auf 10,4 Prozent.


Aber: Die Quoten im linearen Fernsehen sind nur die halbe Wahrheit hinter dem crossmedialen Format. Denn “Temptation Island” ist seit der TV-Premiere Anfang März beim Streaming-Anbieter TV Now zu sehen. Alle Folgen, zeitlich flexibel. Dort hat sich die Fremdgeh-Show nach eigenen Angaben auf der Spitzen-Position aller Angebote niedergelassen. Was das in Zahlen ausgedrückt bedeutet – wer weiß? Doch “Temptation Island” hat auch in den Sozialen Medien – allen voran Instagram – hohe Engagement-Raten. Wenn das Ziel also nicht nur TV-Quote, sondern auch Zuschauerbindung an die Senderfamilie und Werbung für TV Now heißt, kann Temptation Island durchaus als Erfolg gewertet werden.

Vorgemacht hat es übrigens die Show “Love Island“, die mit einer eigenen App, Whats-App-Newsletter, Podcast und Instagram-Accounts ein kleines Medien-Universum aufgezogen hat und damit sehr erfolgreich und reichweitenstark war. Laut “Meedia” hieß das am Ende beachtliche 22 Millionen Video-Views. Dazu kam noch monetärer Erfolg durch Produktplatzierungen und passendem Online-Shop.

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Aus den Sozialen Medien in die Medienöffentlichkeit – ein gefährlicher Schritt

Ob “Temptation Island” auch so groß wird, bleibt abzuwarten. Doch in anderen Ländern geht das Konzept auf. So schreibt Quotenmeter über den Ableger “Vero amore” in Italien, dass der so erfolgreich ist, dass es sogar eine VIP-Version gibt. Rumänien, Finnland, Belgien, Frankreich, Niederlande – überall werden dieses Jahr neue Staffeln produziert. Klar, alles in landes- und kulturspezifischer Zuspitzung, im Kern aber gleich. In Amerika, dem Geburtsland der Show, ging die aktuelle Staffel jüngst zuende, mit enttäuschendem Ergebnis. So schafften es die Folgen selten unter die Top25 der Tagesbesten.


Neben dem Konzept entscheiden über Erfolg und Misserfolg vor allem die Kandidaten. Dafür hat sich RTL etwas einfallen lassen: Viele der Frauen und Männer stammen aus dem Instagram-Kosmos. Eine einfache Rechnung: Ist die Show voller Instagramer mit tausenden Followern, gibt es eine potenziell große Fan-Basis. Dazu kommt, dass Influencer von Haus aus perfekte Werber sind. Ihre Profession ist es, Produkte und sich selbst zu verkaufen.

Diese Professionalität ist gut für RTL, die Kandidaten wissen mit der Kamera umzugehen. Sie bietet den Kandidaten auch einen gewissen Schutz, denn sie sind es gewöhnt, bewertet, kommentiert, angehimmelt oder gehasst zu werden. Was vor allem dem crossmedialen Konzept der Sendung entgegenkommt. Die Kandidaten kennen Macht und Gefahren der Sozialen Medien.

Zu Reality-TV gehört psychologische Betreuung 

Und doch scheint es gefährlich zu sein, die eigene Social-Media-Blase zu verlassen und in die viel breitere Medien-Öffentlichkeit zu treten. Der Ruhm kann größer sein, der Hass aber auch. So ist der Auftritt für die Kandidaten der Reality-TV-Formaten ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite kann eine TV-Karriere über Nacht aus dem sprichwörtlichen Nichts geboren werden. Doch in der durchdigitalisierten Welt gibt es kaum noch Rückzugsorte, um sich vor der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Das kann gefährlich sein für die eigene Gesundheit, selbst für das eigene Leben, wenn man nicht Ruhm, sondern Hass erntet.

So haben sich in Großbritannien drei Menschen umgebracht, deren Tod wohl in Verbindung mit ihrer Reality-TV-Karriere gebracht wird. Es heißt, sie seien nicht mit der Wucht und Gnadenlosigkeit der Öffentlichkeit fertig geworden. Der 26-jährige Mike Thalassitis war einer der drei, er starb vor drei Wochen.


“Im Zusammenhang mit seinem Tod wird seither die Nachsorge der Kandidaten in Reality-TV-Shows allgemein infrage gestellt. Die ist praktisch nicht existent im Fernsehen”, sagt die Verhaltenspsychologin Jo Hemmings im Gespräch mit dem “Guardian”. Hennings arbeitete unter anderem für Big Brother. Sie sagt, es gebe keine allgemeingültigen Regeln für eine psychologische Betreuung der Kandidaten. “Manche Produzenten tun nichts, andere stellen das Wohlergehen ihrer Kandidaten an erste Stelle.”

In der Folge erzählt Robert Edelmann, wieso er als psychologischer Berater der Show “Frauentausch” kündigte: “Wenn Kandidaten in meinen Augen nicht zueinander passten, entschieden sich die Produzenten gegen meinen Rat. Sie paarten die Kandidaten, von denen sie wussten, dass es auf einen Konflikt hinausläuft.”

Fazit – fast ein wenig progressiv

Ja, “Temptation Island” ist irgendwie nur eine weitere Trash-TV-Produktion mit viel nackter Haut und angedeutetem Sex. Ja, so kann man die Show sehen (oder gar nicht erst einschalten) und sie genießen und gleichzeitig abstoßend finden und verurteilen. Aber sie stellt andererseits auch tradierte Beziehungsmuster auf den Prüfstand, ist zumindest interessant von der crossmedialen Produktion her und hat jüngst in Großbritannien zu einer wichtigen Debatte über die psychologische Betreuung der Kandidaten geführt. Für einfach nur eine weitere Reality-TV-Show ist das doch ganz schön progressiv.

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