Touren: Blind - und trotzdem radeln

Tandem-Camp für neun Tage in Köln

Auf dem Parkplatz der Riehler Jugendherberge versammeln sich rund 30 Menschen zwischen 18 und 60 Jahren, in voller Montur: Sie warten auf das Startzeichen für ihre erste Radtour durch Köln. Obwohl viel geredet wird und es eine kommunikative Gruppe ist, sind Gesten und Bewegungen eher zögerlich. Das rührt daher, dass knapp die Hälfte der Teilnehmer sehbehindert ist - oder gar vollständig blind.

Die Radler sind aus mehreren deutschen Regionen, Tschechien, der Ukraine, Polen und Russland angereist, um am 14. Internationalen Tandem-Jugend-Camp des Vereins Tandem-Hilfen teilzunehmen. Sie sind für neun Tage zu Besuch in Köln, mehrere Touren stehen an, unter anderen auch zum Schloss Benrath in Düsseldorf.

Das Gefühl von Freiheit

Gründer Thomas Nicolai erklärt, dass Tandemfahren der ideale Sport für sehbehinderte und blinde Menschen sei, weil man mit Hilfe des sehenden Piloten - so heißt der Radler, der vorne sitzt und die Richtung vorgibt - entspannt fahren könne.

Das bestätigt auch der Tscheche Zdenek Rybak, der schon zum vierten Mal dabei ist: "Ich liebe das Tandemfahren, weil es so sehr mit Freiheit verbunden ist, trotz sehendem Piloten, auf den man angewiesen ist. Als Blinder hat man nicht oft ein Freiheitsgefühl - das genieße ich dann umso intensiver."

Das Problem ist nur: Es ist sehr schwer, die nötigen Piloten zu finden. Das bestätigt Nicolai, der selbst in seiner Sicht eingeschränkt ist: "Sehende Menschen haben leider eine zweifache Scheu uns gegenüber. Zum einen überhaupt einmal auf Blinde oder Sehbehinderte zuzugehen - und zum anderen die Verantwortung beim Fahren zu übernehmen. Es gibt so viele Mitglieder, die keinen Tandempartner finden, obwohl die Kosten etwa für das Rad und das Tourbudget sogar von Förderern oder den Betroffenen selbst getragen werden."

Martin Schulz, ebenfalls stark sehbehindert, ist seit 2014 dabei und kann alle Sehenden beruhigen: "Zuerst fährt der Pilot ein paar Mal allein mit dem Tandem, um sich mit dem ungewohnten Wenderadius vertraut zu machen. Erst wenn er sich sicher fühlt, steige ich mit auf den Sattel." Der 24-Jährige wurde von der Versicherung in die Pflegestufe eins eingeordnet und bezieht niedrigschwellige Betreuungsleistungen, durch die beispielsweise seine beiden Pilotinnen vergütet werden können. Seine Mutter Monika Schulz ist als Pilotin mit dabei und erzählt von ihren Erfahrungen: "Es gibt soviele Blinde, die sich einen Piloten wünschen. Das Problem sind nicht die Kosten, es ist schwierig, überhaupt jemanden zu finden."

Die Betroffenen und Angehörigen machten jetzt beim Treff auf dem Riehler Parkplatz deutlich, wie dankbar sie Thomas Nicolai sind, dass er den Tandem-Verein ins Leben gerufen hat. "Er sorgt für Benefizveranstaltungen rund um das Jahr, damit wir diese tollen Touren machen können", sagt Monika Schulz kurz vor Abfahrt. Auch für den Tschechen Zdenek Rybak ist die Initiative von Nicolai sehr wichtig: "Das gilt insbesondere für die Menschen aus dem Osten Europas, die nur schwerlich Zugang zu solchen Angeboten finden."...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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