Treptower "Mauermädchen": Nach 58 Jahren wiedervereint

Der damalige Berliner Bürgermeister Willy Brandt nannte sie die "Sperrwand eines Konzentrationslagers": Am frühen Sonntagmorgen des 13. August 1961 wurde mit der Errichtung von Straßensperren und dem Bau einer Mauer begonnen, um den Ostteil Berlins vom Westteil abzusperren.

Die von der SED-Führung unter Walter Ulbricht errichtete 155 Kilometer lange Berliner Mauer zerschnitt die Stadt mehr als 28 Jahre lang. Die Teilung endete erst mit dem Fall der Mauer am 9. November 1989.

Begegnung an der Mauer

Das Bollwerk aus Beton und Stacheldraht veränderte das Leben vieler Menschen: Unter ihnen das der Schulfreundinnen Rosemarie Badaczewski und Kriemhild Meyer. Sie wurden im August 1961 an der noch nicht fertiggestellten Mauer zwischen Treptow und Neukölln fotografiert. Die beiden 15-jährigen Mädchen standen sich an der Ecke HarzerStraße/Mengerzeile gegenüber, sprachen miteinander und hielten sich an den Händen, Rosemarie links im Osten und Kriemhild rechts in Neukölln im Westen. Links im Bild sieht man halb abgewandt einen jungen Soldaten mit einer Blume in der Hand.

Das berührende Foto der "Mauermädchen" wird seit vielen Jahren im Museum Treptow in Johannisthal ausgestellt. Dort fragte man sich schon immer nach der Geschichte dieser Momentaufnahme: Worüber sprachen die jungen Frauen, wie entwickelte sich ihr Leben nach diesem Treffen an der Mauer?

Im Februar 2018 startete das Bezirksamt Treptow-Köpenick einen Aufruf, bat die Öffentlichkeit um Mithilfe, um Antworten auf die Fragen zubekommen. Kurz darauf meldete sich die ehemalige Treptowerin Rosemarie, die früher in der Mengerzeile wohnte, aus Hessen beim Museum. Bald war auch die frühere Neuköllnerin aus dem Elbingeroder Weg gefunden, die seit vielen Jahren in der Schweiz in der Nähe von Zürich wohnte.

Wiedersehen nach fast sechs Jahrzehnten

58 Jahre nach dem Bau der Mauer trafen sich die "Mauermädchen" wieder an der gleichen Stelle, an der das Foto entstand. Das Bezirksamt organisierte das Wiedersehen und ein Zeitzeugengespräch im Museum Treptow mit Vorträgen zur Berliner Mauer. Seit der Begegnung an der Berliner Mauer hatten sich die ehemaligen Schulfreundinnen nicht wiedergesehen. Erst durch den Zeitzeugenaufruf des Museums kam es zum Kontakt, die beiden Frauen telefonierten zum ersten Mal miteinander. "Dabei stellten sie fest, dass ihre Begegnung an der Mauer keineswegs reiner Zufall gewesen sein konnte. Sie beschlossen im Juni nach Berlin zu reisen, um sich zu treffen", hieß es in einer Pressemitteilung der Bezirksstadträtin für Kultur Cornelia Flader.

Auf der Straße wären sie aneinander vorbeigelaufen

An den genauen Inhalt ihres damaligen Gesprächs konnten sich die beiden Frauen nicht mehr erinnern. Aber vor Ort kommen viele Erinnerungen hoch: Es sei absolut kein Abschied gewesen, meinte Rosemarie Badaczewski, es sei um ihre Flucht in den Westen gegangen, die wenig später folgte. Ihr Vater und ihr Bruder waren zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits nicht mehr im Osten. Am 19. August flüchtete Rosemarie mit ihrer Mutter. Der Vater besorgte eine "Grüne Minna", einen kugelsicheren Gefängniswagen, in dem Mutter und Tochter nach einem Sprung aus einem Hochparterre-Fenster in der Harzer Straße sicher fliehen konnten.

Nach der Flucht verloren sich die beiden Schulfreundinnen aus den Augen. Rosemarie zog nach Gießen, Kriemhild in die Schweiz. Auf der Straße wären sie aneinander vorbeigelaufen, berichtete Kriemhild von ihrer ersten Begegnung mit Rosemarie nach fast sechs Jahrzehnten, aber man habe sich gleich wieder verstanden. Ein neues Treffen ist bereits verabredet.

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