"Ich würde nicht Polizist werden"

Christopher Schmitt
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"Ich würde nicht Polizist werden"

2016 sorgte sein Song "Holy" für Aufregung in der Deutschrap-Szene. Vier Jahre später ist Stefan Hergli aka Sero im Kieler "Tatort" zu sehen. Hier spricht das Multitalent über die ersten TV-Erfahrungen, seinen schwierigen Werdegang zwischen Sprayer-Szene und Studium.

Kunst scheint Stefan Hergli, Jahrgang 1992, im Blut zu liegen. Früher lebte er sich als Sprayer in den Berliner Nächten aus, dann entschloss er sich zu einem Regie-Studium, das er allerdings ebenso wenig wie die Studiengänge Psychologie und Wirtschaftsingenieurwesen abschloss. 2016 nahm seine Musik-Karriere als Rapper unter dem Künstlernamen Sero schließlich Fahrt auf. Der Sohn einer deutschen Mutter und eines tunesischen Vaters erhielt durch eine Drei-Track-Demo einen Vertrag beim Label Four Music. Der Rapper veröffentlichte 2017 sein erstes Album, auf das drei weitere EPs folgten. Neben Malen und Musik hegt Stefan Hergli auch eine Leidenschaft für die Video-Produktion, die sich in seinen künstlerisch anspruchsvollen Musikvideos widerspiegelt. Nun kommt mit seinem TV-Debüt auch noch die professionelle Schauspielerei hinzu. Dafür hat sich Multitalent Hergli nichts Geringeres als die größte deutsche Filmreihe ausgesucht. Er spielt eine Hauptrolle im Kieler "Tatort: Borowski und der Fluch der weißen Möwe" (Sonntag, 10. Mai, 20.15 Uhr, ARD), zu dem er auch das Titellied "Fliegen" beisteuerte.

teleschau: Sich für das TV-Debüt als Schauspieler eine renommierte Reihe wie den Kieler "Tatort" auszusuchen ist ambitioniert. Wie kam der Kontakt eines Rappers zum Sonntagskrimi zustande?

Stefan Hergli: Ich bin per se kein "Tatort"-Gucker. Ich gucke generell sehr wenig fern. Aber Almila Bagriacik, die die Ermittlerin Mila Sahin spielt, und ich kennen uns seit Kindertagen, wir waren zusammen auf der Oberschule in Berlin-Wilmersdorf. Der "Tatort" wollte einen Musiker, beziehungsweise einen Rapper besetzen und Almila hat meinen Namen ins Gespräch gebracht. Dann wurde ich neben vielen anderen zum Casting eingeladen und konnte dort überzeugen. So hat das alles seinen Lauf genommen.

teleschau: Sie haben gemeinsam mit ihr auch den Titelsong "Fliegen" beigesteuert. Sie sagte, der Song würde sich sowohl in den Kontext des Films einfügen, als auch gleichzeitig ihre reale Geschichte erzählen.

Hergli: Natürlich, der Song enthält große Teile meiner persönlichen Geschichte: die gesamte Problematik um Fliegen und Fallen, sich gegen seine sozialen Umstände zu wehren und zu versuchen, den nächsten Step zu schaffen und sich ein Leben aufzubauen. Das ist ganz massiv in diesem Song eingeschlossen und deckt sich natürlich auch mit der Problematik im "Tatort".

teleschau: Haben Sie ein konkretes Beispiel dafür, wo sich die Metapher vom Fallen und Fliegen in Ihrer Biografie widerspiegelt?

Hergli: Ich glaube, das spiegelt meinen gesamten Werdegang. Ich komme aus einer Familie mit Migrationshintergrund. Mein Vater kam ohne Schulabschluss nach Deutschland und hat viele Jahre sehr, sehr hart gearbeitet, meine Mutter ebenso. Wir mussten immer ein bisschen schauen, wo wir finanziell bleiben. Und ich habe versucht, trotz all der Umstände während des Aufwachsens die richtigen Entscheidungen zu treffen: mein Abitur zu machen, zu versuchen, zu studieren, zu versuchen, mit der Musik etwas zu erreichen. Es zieht sich also durch alles durch.

"Ich habe mich von der Atmosphäre am Set tragen lassen"

teleschau: Und inwiefern spielt die Metapher im "Tatort" eine Rolle?

Hergli: Dort geht es um diese jungen Leute, die alle recht ambitioniert sind und versuchen, das Richtige in ihrem Leben zu tun. Aber dann nimmt das Schicksal seinen Lauf, und es passieren ganz viele unvorhersehbare Dinge.

teleschau: Können Sie die Arbeit am "Tatort" mit ihren Musikvideos vergleichen, bei denen Sie selbst Regie führen?

Hergli: Beim "Tatort" war es ein ganz anderes Arbeiten. Wenn ich meine Videos drehe, dann arbeite ich natürlich viel intensiver an der Konzeption des Ganzen und habe viel mehr zu sagen. Beim "Tatort" war ich aber eben als Schauspieler. Hüseyin Tabak hat super Regie geführt, aber es war für mich eine neue Erfahrung, nicht in jedem Schritt mitwirken zu können. Da einfach mal die Dinge aus der Hand geben zu können, war wirklich toll.

teleschau: In Ihrer Musik haben Sie hingegen alles selbst in der Hand. Beim "Tatort" galt es, sich ans Drehbuch zu halten. Fiel es Ihnen schwer, sich in einem Team und gewissen Regeln unterzuordnen?

Hergli: Es war auf jeden Fall ein Umdenken, aber es war auch spannend. Es ist mir insofern nicht schwergefallen, da sowohl Hüseyin als auch die Crew und die Mitschauspieler so professionell und inspirierend waren, dass ich mich von der Atmosphäre am Set habe tragen lassen. Es war eine super intensive Zeit, aber ich konnte das genießen.

"Der Anfang war eine Feuertaufe"

teleschau: Im Kieler "Tatort" spielten Sie an der Seite von erfolgreichen und erfahrenen Schauspielern wie Axel Milberg. Überwiegt da der Respekt oder die Freude über die Chance, Teil eines solchen Projektes zu sein?

Hergli: Der Anfang war eine Feuertaufe. Eine der ersten Szenen, die wir gedreht haben, spielte auf einem riesigen Hochhausdach und ich habe Höhenangst (lacht). Das hat an meinem ersten Drehtag überwogen, aber danach konnte mich auch nichts mehr schocken. Ich bin sehr gut reingerutscht, und es hat alles sehr gut funktioniert.

teleschau: Hat die Höhenangst möglicherweise sogar geholfen, die Aufregung Ihrer Figur zu verkörpern, oder war es nur ein Kampf?

Hergli: Es war eher so, dass die Höhenangst weg war, sobald die Kamera lief. Dann war ich irgendwie drin. Die Höhe hat mir eher zwischen den Szenen zu schaffen gemacht.

teleschau: "Ich spiele in diesem Tatort eine Rolle, die von mir als Sero komplett fern ist", haben Sie über ihre Figur gesagt. Was sind die größten Unterschiede zwischen Leroy Schüttler und Sero?

Hergli: Ich würde kein Polizist werden (lacht). Das ist schon mal der größte Unterschied. Und Leroy ist oft sehr unentschlossen, ein bisschen ängstlich und teilweise panisch. Das bin ich alles nicht in meinem normalen Leben. Ich bin da offensiver, selbstbewusster und autarker.

teleschau: Sie waren früher eine Zeit lang in der Graffiti-Szene aktiv. Lag als ehemaliger Sprayer ein besonderer Reiz darin, einen Polizeischüler zu spielen?

Hergli: Gerade das fand ich ja künstlerisch so ansprechend, dass man wirklich mal eine Rolle spielt, die nur eine Rolle ist. Das war für mich auch das, womit ich mich am meisten auseinandersetzen musste: einen schlüssigen Charakter zu spielen, der auch in diesem Kosmos funktioniert und Sinn ergibt. Keine abstrahierte Version von mir selbst anzubieten, sondern in eine komplett andere Gedankenwelt einzutauchen. Das war aufregend für mich und genau das, was mich so an dem "Tatort" gereizt hat.

teleschau: Und mit diesem Gegensatz haben Sie auch im Casting überzeugt?

Hergli: Ich glaube tatsächlich, dass das beim Casting eins der Hauptargumente war, mit denen ich überzeugen konnte: Dass ich auch diese schwache Version von mir anbot. Ich hatte natürlich das Drehbuch vorher gelesen, und konnte mir dadurch erklären, wie diese Person ist, und mich wirklich darauf einlassen.

"'4 Blocks' ist das Paradebeispiel"

teleschau: Die Performance von Rappern in Film und Fernsehen haben äußerst gemischte Kritiken erhalten. Welche Rap-Kollegen haben Ihnen in ihren Rollen besonders gefallen?

Hergli: Also "4 Blocks" würde ich da als Paradebeispiel nennen. Ich bin Fan der Serie, die habe ich geliebt. Ich fand es auch sehr interessant, dass die Leute da nicht nur als Rapper aufgetreten sind, sondern dass sie wirklich auch als Schauspieler abgeliefert haben. Mit Kida Ramadan, der sowohl im "Tatort" als auch in "4 Blocks" mitspielt, hatte ich aber keinen persönlichen Kontakt am Set. Unsere Drehtage haben sich nicht überschnitten.

teleschau: Geht es nun wieder mit Musik weiter oder welches künstlerische Projekt steht als Nächstes an?

Hergli: Ich bin momentan intensiv mit meiner Album-Produktion beschäftigt. Das ist gerade mein Hauptfokus. Der Song "Fliegen" wird ja auch im Kontext meines Albums stattfinden.

teleschau: In diversen eigenen Musikvideos haben Sie bereits Regie geführt. Ihrem Track "Confessional" haben Sie sogar einen Kurzfilm gewidmet. Könnten Sie sich nach der "Tatort"-Erfahrung vorstellen, auch im TV- oder Film-Bereich Regie zu führen?

Hergli: Absolut, das hätte ich mir auch vorher schon vorstellen können. Ich habe ja auch Regie studiert vor meiner Zeit als Rapper. Ich habe ein riesengroßes Interesse an der visuellen Umsetzung von Projekten. Es ist jetzt noch nicht die Zeit dafür, aber irgendwann in ferner Zukunft definitiv ein Thema.