"Ich war fremdbestimmt"

Erik Brandt-Höge
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Yvonne Catterfeld

Sie mauserte sich vom Soap-Sternchen zur Musikerin und Erfolgsschauspielerin: Yvonne Catterfeld brachte als Sängerin diverse Alben heraus und spielte in vielen TV-Produktionen. Nach einer Babypause feierte sie 2016 bei "The Voice Of Germany" ein Fernsehcomeback, aktuell sitzt sie im Ableger der Castingshow "The Vocie Senior" in der Jury.

"Ich gucke nicht jeden Tag in Instagram und Co. und mache da auch bewusst Auszeiten, denn ich glaube, das hält auch davon ab, genügsam und zufrieden zu sein": Yvonne Catterfeld offenbart im Interview eine gesunde Sicht auf die Dinge.

Wenn am Sonntag, 24. November (20.15 Uhr, SAT.1), die zweite Staffel der Castingshow "The Voice Senior" startet, sitzt neben Sasha, Michael Patrick Kelly und The BossHoss auch Yvonne Catterfeld auf einem der berühmten roten Coach-Sessel. Warum sich die 39-Jährige in diesem Jahr gegen ein Engagement bei "The Voice of Germany" und für die Kandidatengeneration 60-plus entschieden hat, erklärt die Sängerin und Schauspielerin im Interview.

teleschau: Auf Ihrem Instagram-Profil war vor kurzem ein Bild von Ihnen zu sehen: Die Augen geschlossen, den Kopf zurückgelegt, offensichtlich durchatmend. Dazu schrieben Sie etwas vom Genießen und von Ruhe, was in Zeiten von Social Media immer schwerer falle. Das klingt, als könnten Sie sehr gut innehalten, würden aber bei anderen so eine Art Rastlosigkeit erkennen ...

Yvonne Catterfeld: Wobei ich mich schon auch oft verführt fühle, zu viel auf einmal machen zu wollen. Aber ich gucke nicht jeden Tag in Instagram und Co. und mache da auch bewusst Auszeiten, denn ich glaube, das hält auch davon ab, genügsam und zufrieden zu sein.

teleschau: Wissen Sie denn sehr genau, wann bestimmte Phasen, speziell in der Karriere, ein Ende haben sollten und wann Sie eine Pause brauchen?

Catterfeld: Oh ja, dafür habe ich ein sehr gutes Gefühl. Bevor es in ein Extrem geht - was sich natürlich manchmal auch nicht vermeiden lässt -, schaffe ich den Absprung. Auch zwischendurch versuche ich, kleine wie auch große Pausen und Urlaube einzuplanen, meiner Familie und natürlich auch mir selbst zuliebe. Innezuhalten ist enorm wichtig! Ich versuche, eine gute Balance zwischen Arbeit und Freizeit zu halten, wobei letzteres überwiegt. Ich liebe meinen Job, aber ich definiere mich nicht darüber und bin glücklich, wenn ich zu Hause bin.

teleschau: War das schon immer so?

Catterfeld: Früher nicht. In den ersten Jahren war ich ganz schön fremdbestimmt und dachte, ich müsste alles machen, was machbar ist. Ich habe vieles als wesentlich wichtiger gesehen, als es war. Das ist glücklicherweise nicht mehr so. Ist vielleicht auch das Gute am Älterwerden: Man bekommt ein besseres Gespür für die Dinge, die wirklich wichtig sind. Heute mache ich tatsächlich nur noch das, worauf ich wirklich Lust habe. Einzig im vergangenen Jahr gab es ein kleines Ungleichgewicht.

teleschau: Inwiefern?

Catterfeld: Ich fange mal anders an. In diesem Jahr habe ich mich nur für "The Voice Senior" und gegen "The Voice of Germany" entschieden, weil mich "The Voice of Germany" die letzten drei Jahre doch sehr eingenommen hat, zeitlich und emotional. Ich habe da über das erforderliche Maß hinaus gearbeitet. Ich habe es geliebt, Coach, Mentor und Motivator zu sein, mit beiden Formaten waren es rund 60 Drehtage im Jahr plus die private Zeit, die ich noch reingesteckt habe. Und die Tage gingen von morgens um neun bis teils nachts um zwei. Hinzukam, dass ich an manchen Aufzeichnungstagen gar nicht geschlafen habe und dann nochmal so lange am nächsten Tag ohne Schlaf vor der Kamera stand. Da bin ich über meine Grenzen gegangen. Deshalb ist die "The Voice of Germany"-Pause jetzt gut und "The Voice Senior" die richtige Entscheidung, statt zwei Formate. Das ist zwar auch sehr intensives Arbeiten, aber es ist nicht so zeitaufwendig.

"Es war einfach nicht nur ein Job für mich"

teleschau: Sie sprechen vom Grenzen überschreiten. War das denn ein Muss bei der "The Voice"-Arbeit oder Ihre ganz eigene Wahl?

Catterfeld: Nein, das war kein Muss, niemand hat das verlangt. Ich konnte einfach nicht anders, weil das Coach-Sein mich so sehr mitgenommen hat. Allein die grausamen Entscheidungen, die ich da treffen musste, und die man eigentlich gar nicht treffen konnte, weil meine Teams immer so gut waren - und ich allen sehr verbunden war. Es war einfach nicht nur ein Job für mich, es war wie ein Strudel, in dem ich mich treiben ließ. Was man zurückbekommt, hat mir wiederum auch etwas gegeben: zu sehen, wie sich eine Vision verwirklicht, und wenn ich wirklich das Beste aus ihnen rausholen konnte, die Resonanz, dass es toll wäre, mich als Mentorin zu haben und wie inspirierend es mit mir gewesen sei. Es kamen aber auch vermehrt Freunde auf mich zu, dass sie mich aber auch gerne mal wieder als Künstlerin sehen würden, also dass ich mich bei all der Arbeit für andere nicht selbst vergessen sollte.

teleschau: Vielleicht machen Sie es ja allgemein gerne allen Recht und sorgen für so viel Harmonie wie möglich?

Catterfeld: Ach, ich habe auch kein Problem damit, Tacheles zu reden (lacht). Und dieses Es-allen-recht-machen wollen habe ich längst hinter mir, mittlerweile habe ich solch einen körperlichen Impuls, der mich davon abhält (lacht). Das geht einfach nicht mehr. Aber: Wenn ich einem Kandidaten etwas versprochen habe, etwa bei den Blind Auditions, dann sehe ich es als meine Pflicht, das einzuhalten.

teleschau: Noch nie ein "The Voice"-Versprechen gebrochen?

Catterfeld: Einmal habe ich einem begnadeten Sänger bei den "Blind Auditions" gesagt, dass er für mich zu den Favoriten zählt und ich ihn schon in den Live-Shows sehe. Er ist dann in den Battles rausgeflogen, weil beide Kandidaten so gut waren, und bekam leider keinen "Steal Deal". Das hat mich monatelang noch verfolgt. Und es gehört leider zum Spiel, dass in anderen Teams beispielsweise Talente weiterkommen, die aber nicht als Finalisten prädestiniert sind, das kann frustrierend sein.

teleschau: Gefördert werden Talente ja in allen "The Voice"-Formaten. Was macht denn den großen Unterschied zwischen "The Voice of Germany" und "The Voice Senior" aus, abgesehen von den Altersklassen?

Catterfeld: Bei "The Voice of Germany" geht es darum, jemanden zu entdecken und ihn sich weiterentwickeln zu lassen, aber auch an eine Karriere zu glauben und sie darauf bestmöglichst vorzubereiten. Darin bin ich sehr gut, das ist eine Stärke von mir. Hätte ich vorher gar nicht gedacht, denn ich habe in meiner Karriere selbst immer und immer wieder Coachings gebraucht. Bei "The Voice Senior" geht es darum, den ehrenwerten Teilnehmern einfach mal eine Plattform und eine gute Zeit zu bieten. Viele Menschen geraten im Alter in Vergessenheit, und für sie und ihre Familien ein Fernsehformat zu machen, also eines für mehrere Generationen, ist rührend und macht Sinn. Sie können es sich selbst noch einmal oder anderen gegenüber beweisen, sich selbst neu entdecken oder eine nie gelebte Leidenschaft, sich noch einmal feiern lassen. Solche Formate gibt es ja auch kaum mehr.

teleschau: Apropos Familie: Könnten Sie sich eigentlich vorstellen, dass Ihr Sohn mal bei "The Voice Kids" mitmacht?

Catterfeld: (lacht) Also über "The Voice Kids" habe ich nicht nachgedacht. Witzigerweise hatte ich mal dieses Bild im Kopf, dass ich dabei zusehe, wie er auf der "The Voice"-Bühne steht und zu den Coaches sagt: "Meine Mama saß früher auch mal auf so einem roten Stuhl!" Klar, das kann natürlich passieren. Das kann man nicht verhindern, und ich würde meinen Sohn auch nicht davon abhalten. Wenn er bestimmte Talente hat, egal in welche Richtung sie gehen, dann bin ich der Meinung, sollte er diesen auch nachgehen. Mit meinen Eltern habe ich damals einen richtigen Kampf ausgefochten, als es um die Bühne ging. Sie haben meine Musikleidenschaft schon auch unterstützt, auch finanziell, zum Beispiel mit dem Kauf von Instrumenten. Aber sie wollten mich trotzdem überzeugen, einen anderen Beruf zu wählen. Ich bin zum Glück meinem Impuls gefolgt, und wenn mein Sohn das auch so machen möchte, werde ich ihn dabei unterstützen.