Werden olympische Athleten geboren oder gemacht?

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Hürdenläuferinnen bei einem Test-Event für die Spiele in Tokio im Mai (Bild: REUTERS/Issei Kato)
Hürdenläuferinnen bei einem Test-Event für die Spiele in Tokio im Mai (Bild: REUTERS/Issei Kato)

Wer die Körper olympischer Athleten sieht, fragt sich vielleicht, ob diese Körper durch Training geformt oder ob die Sportler wegen ihrer Körper ausgewählt wurden. Benötigen Sieger bestimmte körperliche Voraussetzungen?

Wenn wir Sportler beobachten, beurteilen wir nicht selten auch ihre Körper und versuchen uns in Erklärungen, ob ein Schwimmer beispielsweise wegen der langen Arme oder des breiten Rückens Medaillen gewinnt. Körperbau und Körperform unterscheiden sich je nach Sportart. Mit der Form sind Dinge wie Größe, Durchmesser der Glieder oder Länge von Armen und Beinen gemeint. Der Körperbau bezieht sich auf Elemente wie Knochendichte, Gewicht, Fett, Muskeln und das Verhältnis von Größe zu Gewicht. Diese Zusammensetzung hat Einfluss auf den Erfolg im Sport.

Der Fotograf Howard Schatz zeigt in seinem Buch Athlete 125 Bilder erfolgreicher Sportler. Diese Bilder belegen, dass Sportart und Körperform miteinander verbunden sind. Eine Reihe von Forschern kamen zu dem Schluss, dass der Körper sich entsprechend dem Training entwickelt. Darum sind Kraftsportler muskulös und Langstreckenläufer, die aerobe Ausdauer benötigen, verfügen über wenig Körperfett und ein vorteilhaftes Verhältnis der Beinlänge zur Körpergröße. Die körperlichen Fähigkeiten hängen von den Anforderungen ab. Manche Sportarten verlangen sehr viel Koordination für Dinge wie Saltos oder das Balancieren auf dem Schwebebalken. In anderen Sportarten werden große Entfernungen zurückgelegt oder schnelle und koordinierte Bewegungen unter Berücksichtigung eines Partners ausgeführt.

Bei Schwimmern sind Länge und Umfang des Rumpfes sehr wichtig. Bei derselben Größe, Masse und Körperoberfläche hat die Form des Rumpfes Einfluss auf den Widerstand im Wasser (Papic & Sanders). Schwimmer mit längeren Armen können mehr Vortrieb entwickeln und sind damit schneller. Schwimmer sind muskulös. In anderen Disziplinen aber müssen die Athleten groß und dünn sein.

Die Körperformen aber haben sich im Lauf der Jahre verändert. Eine Studie der körperlichen Eigenschaften von Turnern und Turnerinnen der Jahre 1996-2016 belegte Veränderungen von Größe und Körperform (Atikovic, Anthropometric Characteristics of Olympic Female and Male Artistic Gymnasts from 1996 to 2016. International Journal of Morphology 2020). 

Offensichtliche Veränderungen

Turnerinnen waren stets klein, da dies Vorteile bei der Balance und Drehung im Sprung bringt. Sie sind zwar leichtgewichtig, aber im Verhältnis zu ihrem Gewicht stark. Größe und Gewicht von Turnerinnen sind im Lauf der Jahre um 42,4 cm und 5,77 kg gestiegen. Bei den Männern gab es keine Veränderungen. Dazu ist anzumerken, dass das Alter der olympischen Athletinnen ebenfalls gestiegen ist: Bei den Frauen um 4,02 Jahre und bei den Männern um 2,5 Jahre. 

Die Körper der Turnerinnen haben sich an die heutigen Erfordernisse angepasst. Sie sind klein, die Muskeln in Armen und Rumpf aber gut entwickelt, um Sprünge und Drehungen vom Boden und am Barren auszuführen und zu koordinieren. Die Körperform von heute entspricht den Schönheitsidealen der Vergangenheit nicht. Wie die Olympiasiegerin Simone Biles sagte, unterscheiden sich die Standards: "Ich bin mit dem Kampf gegen die Schönheitsstandards durch, und die toxische Kultur des Trollings, in der manche Leute meinen, dass ihren Erwartungen nicht genügt wird. Niemand sollte einem sagen, wie Schönheit aussieht oder nicht." (Interview in Shape, 2020).

Simone Biles bei den US-Trials für Tokio (Bild: REUTERS/Lindsey Wasson)
Simone Biles bei den US-Trials für Tokio (Bild: REUTERS/Lindsey Wasson)

Auch die Körpereigenschaften von Läufern wurden untersucht. Man kam zu dem Schluss, dass aerobe Kapazität, Körperbau, Länge der Oberschenkel, anaerobe Schwelle, Ökonomie des Laufstils, Energieverbrauch und Schrittlänge Einfluss auf die Leistung haben. Langstreckenläufer verfügen über einen niedrigen Anteil von Körperfett, und geringe Masse und Länge der Unterschenkel, was das Laufen effizienter macht. Selbst bei Gehern kann, abhängig von der Strecke, ein Unterschied festgestellt werden: Wer sich auf die 20 km spezialisiert, hat mehr Muskelmasse, Körperfett, und Körperumfänge im Vergleich zu Sportlern, die sich auf 50 km spezialisieren.

Der Körperbau von Sportlern in Mannschaftssportarten ist nicht nur von der Sportart abhängig, sondern auch von der gespielten Position. Im Volleyball zählen Präzision und explosive Kraft, entsprechend sind die Sportler schnell und kraftvoll. Die Forschung hat festgestellt, dass das Training fortlaufend untersucht werden sollte, mit Beobachtung von Sprüngen in Bezug zu technischen und taktischen Aspekten und Fähigkeiten. Basketballspieler sind größer als Fußballspieler, mit größeren Durchmessern, Volumen und Masse des Körpers und mehr Körperfett, da ihr Sport anders abläuft.

Körper (und Training) für jede Sportart

Bei der Auswahl von Sportlern für bestimmte Sportarten werden seit langem körperliche Parameter in Betracht gezogen und die Wissenschaft pflichtet bei, dass der Körperbau für den Erfolg eine Rolle spielt. (Akşıt et al., 2017; Atikovic, 2020; Masanovic et al., 2018). 

Man muss in Betracht ziehen, dass die Entwicklung des Körpers nicht nur mit dem Training zu tun hat. Eine Kombination körperlicher und geistiger Eigenschaften ist erforderlich und hinzu kommen Faktoren wie Vererbung, Ernährung, Umfeld und Kultur. 

Jede Spezialisierung benötigt Jahre des Trainings und in manchen Sportarten wie der Gymnastik muss sehr früh begonnen werden. Der Erfolg im Sport hängt nicht nur von Form und Bau des Körpers, sondern von gezieltem Training, Organisation, der Anpassung des Einzelnen an den Trainingsplan, Wettkampferfahrung, Motivation und psychologischen Faktoren ab. All dies trägt zur Leistung bei. Training führt zur Entwicklung körperlicher Eigenschaften in Bezug auf Stärke, Schnelligkeit, Schnellkraft, Ausdauer, psychomotorische Schnelligkeit, Koordination und Flexibilität, je nach Sportart. Und hinzu kommt die Technik, die bei gleichen und selbst bei unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen manchmal den Unterschied bedeuten kann.

Michael Phelps bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 (Bild: REUTERS/Wolfgang Rattay)
Michael Phelps bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 (Bild: REUTERS/Wolfgang Rattay)

Ein gutes Beispiel ist hier Michael Phelps, der alle Eigenschaften für einen erstklassigen Schwimmer mitbringt: Statur, Armlänge, Flexibilität. Aber er verfügt zudem über eine Technik, mit der er nicht nur schwimmend, sondern auch beim Absprung und Abstoßen bei der Wende Vorteile erzielt. Sein Rumpf und Kopf bleiben fixiert, seine Arme sind ausgestreckt, während der Rumpf von der Lendenwirbelsäule aus die schwingende Beinbewegung des Schmetterlingsschwimmens koordiniert.

Zwar könnte man denken, dass die Körperform der wichtigste Aspekt ist, aber auch Athleten in den einzelnen Sportarten sind nicht alle gleich. Eine wichtige Rolle dabei und bei anderen physischen Eigenschaften spielen die Gene. Die Form ist sehr wichtig, aber es muss stets bedacht werden, dass ein Körper ohne gute Technik nicht gewinnt und mangelnde Motivation und Unterstützung durch das Umfeld Hürden sind. Simone Biles antwortete auf die Frage, welchen Rat sie Nachahmern gibt: "Niemals aufgeben und die eigenen Ziele aufschreiben. Und morgens immer aufstehen und tun, was man wirklich tun möchte, was einem wirklich wichtig ist."

Athleten werden gleichermaßen geboren und gemacht: Durch die Kombination aller Faktoren erreichen Sportler das Siegerpodium.

Dr. Soledad Echegoyen Monroy / Sportmedizinerin

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