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Wie Björn Höcke manche Unwahrheit für seinen Traum von der Remigration nutzt

Eine Bluttat in Dublin nutzte der AfD-Politiker aus – ohne sich um Fakten zu scheren

AfD-Politiker Björn Höcke bei einer Wahlveranstaltung in Thüringen im Herbst 2019 (Bild: REUTERS/Andreas Gebert)
AfD-Politiker Björn Höcke bei einer Wahlveranstaltung in Thüringen im Herbst 2019 (Bild: REUTERS/Andreas Gebert)

Der AfD-Politiker ist gerade bei der Plattform „X“ besonders aktiv. Um seine ethnischen Pläne für ein „weißes“ Retro-Deutschland unters Volk zu bringen, scheut er sich nicht vor Schnellschüssen: Eine Bluttat in Dublin nutzte er aus – ohne sich um Fakten zu scheren. Das ging nach hinten los.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Nach diesem Motto navigiert sich Björn Höcke durchs Meer der Sozialen Medien. Denn: Der Zweck heiligt die Mittel, und das Ziel des AfD-Politikers ist ein Stopp. Die Gesellschaften, die sich weltweit verändern, sollen das nicht mehr tun. Das ist in etwa so, als wollte Höcke der Erde befehlen, sich nicht mehr um die eigene Achse zu drehen – aber träumen ist ja erlaubt. Und Wählerstimmen suchen auch.

Wie sowas funktioniert, demonstrierte Höcke Ende des vergangenen Jahres auf der Plattform X – übrigens noch vor der Aufdeckung des Potsdamer Treffens einiger Remigrationsliebhaber. Denn dieses Thema ist seit längerem Alltag nicht weniger AfD-Politiker in ihrer Kommunikation nach innen und nach außen.

Was schrieb also Höcke?

Es war der 24. November 2023. „#Deutschland, #Frankreich, #Irland…Westeuropa kippt ins Chaos. Seit 10 Jahren warnt die #AfD vor dieser Entwicklung. Seit 10 Jahren werden wir dafür als Rassisten und Nazis bezeichnet, vom Inlandsgeheimdienst unterwandert und zersetzt, zunehmend in unseren Meinungsäußerungen zensiert, mit Anzeigen überzogen und vor Gericht gezerrt. Aktuell müssen wir uns sogar um unsere Wählbarkeit sorgen. Unsere warnende Stimme soll verstummen. Der Überbringer der schlechten Nachricht soll verschwinden. Gleich ob man uns ausschaltet oder nicht - die europäische Völkergemeinschaft steht vor der Entscheidung: Renaissance oder Requiem?“

Worauf bezog sich Höcke, als er meinte: entweder Totenmesse für Europa oder Big Party, entweder Top oder Flop?

Kurz vorher war es im irischen Dublin zu einem schrecklichen Vorfall gekommen. Ein Mann hatte auf offener Straße mit einem Messer plötzlich Passanten attackiert. Zwei Mädchen, ein Junge und eine Erwachsene wurden verletzt, zwei von ihnen schwer. Nur ein Kurierfahrer, der seinen Motorroller abbremste und mit seinem Helm auf den Angreifer losging und ihn stoppte, verhinderte noch Schlimmeres.

Kassandra Höcke beginnt zu rufen

Gleich an jenem Abend kursierte das Gerücht, der mutmaßliche Täter sei ein „Ausländer“. Es kam zu nächtlichen Randalen – von organisierten Rechtsextremen, nicht von der Bevölkerung an sich vor Ort. Und tatsächlich: Der mutmaßliche Täter ist algerischer Abstammung.

Daraus bastelte Höcke dann seinen Post. Denn „#Irland“, das war für ihn Ausdruck eines Trends: „Chaos“ komme, aber welches? Meinte Höcke die grölenden Hools, die Fensterscheiben unbescholtener Bürger einschlugen? Nein, ich vermute, Höcke meinte die Einwanderung, Stichwort: Algerien. Daher seine „warnende Stimme“ an die „Völkergemeinschaft“ wie einst an die Volksempfänger-Radios. Die Botschaft ist eindeutig: Einwanderung schaffe Kriminalität, schaffe Chaos, schaffe den Abgesang aufs Volk. Warum? Weil es seine einstige Homogenität verliert (die es so in Deutschland zum Beispiel auch vor hundert Jahren nicht gab). Höcke trauert vergangenen Zeiten hinterher. Sein mögliches Versprechen: Da gab es angeblich keine Messerattacken, denn da regierte noch der sogenannte gesunde Volksverstand.

Dumm nur, dass Höcke seine Rechnung ohne die Wirklichkeit macht. Denn die sah in Dublin, dem Ausgangspunkt seines Posts, anders aus.

Wenn sich Höcke als „Überbringer der schlechten Nachricht“ sieht, dann müsste er über Folgendes berichten: Der mutmaßliche Täter wurde verhaftet. Da er selber verletzt worden war, lag er für längere Zeit vernehmungsunfähig im Krankenhaus; währenddessen hatte Höcke längst Bescheid gewusst. Aber nicht, dass der Mann zwar algerischer Abstammung ist, aber auch seit vielen Jahren im Land und auch seit längerem irischer Staatsbürger. Einer, der offenbar im Lauf der Jahre starke psychische Probleme entwickelt hatte, keinen festen Wohnsitz mehr besaß – eben an den Rand der Gesellschaft gesegelt war. Schauen wir uns um: In unseren Städten und Dörfern sind es nicht Wenige, denen es mental schlecht geht. Die allerallerallermeisten gehen nicht den Weg, den der Mann in Dublin gegangen war. Dafür braucht es Achtsamkeit und Hilfe. Und dass seine Abstammung oder Nationalität irgendeine Rolle bei dieser mutmaßlichen Tat gespielt hat – dafür gibt es nicht den Hauch eines Hinweises. Das einzige, was der Mann bisher zu Protokoll gab: „I am a sick person“, also: „Ich bin eine kranke Person“. Übrigens ist der Kurierfahrer, der ihn couragiert stoppte, ein „Ausländer“, ein Brasilianer, der erst vor kurzem ins Land gekommen war.

Wo ist die nächste Sensation?

Höcke weilte da schon ganz woanders. Er nutzte diese schreckliche Tat aus, um für seine Remigration zu werben, um eben ein „Requiem“ für die „Gemeinschaft“ zu verhindern. Die Realität aber bezeugt nichts von wegen „Flüchtlingsgewalt“, nichts von wegen „Messermänner“ à la Alice-Weidel-Talk, nichts von wegen religiösen Fanatismus, nichts von wegen Terrorismus irgendeiner Art. Es war schlicht, nach jetzigem Wissensstand, krank.

Aber das ist nicht sexy genug. Daraus einen Post bauen, macht weniger Sinn für die BOTSCHAFT. Soll Höcke ruhig machen. Aber dann sei hiermit festgehalten, dass er sich dabei für Tatsachen weniger interessiert.