Wie ich eine Fashion Show inmitten von Runway-Fotografen überlebte

Der Platz für den besten Blick ist hart umkämpft (Bild: Yahoo Style Deutschland)

Emanzipation ist das Leitmotiv der Marina Hoermanseder Herbst-/Winter-Kollektion 2018. Emanzipation ist auch das, was mich auf der Fashion Week in Berlin vor einer Horde von testosterongesteuerten Männern rettete. Denn als ich mich auf der Bühne der Runway-Fotografen einfand, ahnte ich noch nicht, dass es mir schon bald die Sprache verschlagen würde. Ein (Üb)erlebnisbericht der anderen Sorte.

Als ich mich mit meinen beiden Kolleginnen aus München Richtung Fashion Week auf den Weg machte, passten unsere XXL-Koffer kaum in unser Auto – und das, obwohl wir in einem Mercedes* auf die Modepiste fuhren. Gepfefferte Sprüche habe ich glücklicherweise immer dabei, schade nur, dass mir niemand mitgeteilt hatte, dass ich neben meinen Designer-Klamotten besser auch noch eine Atemschutzmaske eingepackt hätte. Denn damit wäre ich bei der Show von Star-Designerin Marina Hoermanseder vermutlich besser aufgehoben gewesen.

Bildergalerie: Die heißen Lederlooks von Marina Hoermanseder

Wurde ich beim “Riots Daughter“-Walk von Rebekka Ruetz noch respektvoll behandelt, musste ich mir bei Marina Hoermanseder einen Platz auf der Fotobühne inmitten von selbstüberschätzten, schimpfenden Fashion-Fotografen erst hart erkämpfen. Denn eine Frau im trendigen Outfit, die statt einer Spiegelreflexkamera ein Smartphone in der Hand hält, um den Walk live auf Instagram zu übertragen, kann doch nicht für den Fotopoint akkreditiert worden sein, oder doch? “Was willst du denn hier?“ oder “Bist du dir sicher, dass du hierhergehörst, Mädchen?“ waren nur einige der erniedrigenden Fragen, die ich über mich ergehen lassen musste.

Einer der Fotografen rief sogar die Security, um das “arme Mädchen“, das sich verirrt hatte, aus dem für die Medien zugeteilten Bereich entfernen zu lassen. Nachdem der Sicherheitsmann nach ewig langer Suche meinen Namen auf seiner schlauen Liste gefunden hatte, bekam ich Bleiberecht. Das ersparte mir allerdings nicht die abwertenden Blicke, das Gemurmel und den Mundgeruch der Fotografen, die sich für etwas Besseres hielten – nur, weil sie besser ausgestattet waren als ich.

Für diese Perspektive musste ich hart kämpfen:

Ich wurde geschubst und angepöbelt, obwohl ich das gleiche Recht hatte, dort zu sein, wo sie waren. Einer der Männer baute sich in seiner vollen Größe sogar demonstrativ vor mir auf, um mir zu zeigen, wer dort das Sagen hatte. Denn außer einer Frau, für die es ebenfalls keinen Platz gab und die sich ohne Widerwehr schüchtern in einen Bereich stellte, in dem sie mit Sicherheit keine guten Bilder bekam, befanden sich auf der Fotobühne ausschließlich Männer.

Doch ich lächelte nur und erklärte dem aufmüpfigen Fotografen, dass ich mich als Fashion-Redakteurin für diesen Catwalk akkreditiert hatte und er mir nicht einfach die Sicht versperren könne. Wieder fragende Blicke, wieder ein Murmeln, wieder böses Schimpfen. Doch immerhin war der Mann so gnädig, sich etwas zur Seite zu bewegen, damit ich mein Handy zwischen seinen und den Kopf eines anderen Fotografen schieben konnte. Als die Show dann endlich anfing, hielt ich meine Kamera so gut es ging über die Köpfe der Männer. Was ich dann hörte, ließ mich fast aus meinen stylishen Boots kippen. “Yeah, Baby, komm schon Baby, lauf auf den Streifen, ja, genau, richtig so!“, grölte einer neben mir. Ein anderer schrie abwertend: “Boah, guck dir mal die an.“

Noch eine Kampfansage: Marina Hoermanseder im Interview: “Wir sind ready to fight!”

Ich versuchte, den beiden Foto-Proleten mit Gesten klarzumachen, dass ich ein Live-Video auf Instagram übertrug und sie doch bitte still sein sollten, doch, was ich abbekam, waren erneut nur unhöfliche Worte, Meckern – und noch mehr Mundgeruch. “Das kann ich jetzt nicht ändern, gewöhn dich lieber daran“, entgegnete er. Ich filmte brav weiter und hoffte, dass unsere Follower im sozialen Netzwerk vom asozialen Verhalten des Fotografen nichts mitbekommen. Wer genau hinhörte, konnte neben der Musik der Fashion Show und dem Rattern der Filmkameras auch Sachen wie “Die ist ja mal heiß“ oder “Oh ja, schau mal, Johannes, die hat keinen BH an“ wahrnehmen.

Doch ich hielt weiter auf die Models in aufwendigen Lederkonstruktionen und anmutigen Military-Looks und filmte. Aber ich schämte mich. Ich schämte mich dafür, dass ich inmitten von einer Horde respektloser Fashion-Fotografen stand. Ich schämte mich, dass ich von den Models vermutlich als eine von ihnen wahrgenommen wurde. Ich schämte mich, weil ich dachte, dass die Zeit, in der Frauen als Menschen zweiter Klasse behandelt werden, längst der Vergangenheit angehörte.

Doch ich war auch stolz auf mich. Stolz darauf, dass ich mich nicht hatte unterkriegen lassen. Stolz, dass ich gekämpft hatte und unsere User trotz Schweißperlen auf der Stirn ein Front-Row-Fashion-Erlebnis erster Klasse bekamen und Stolz, dass ich erhobenen Hauptes wieder aus dem grölenden Haufen herausspaziert war. Eine Profikamera macht eben noch keinen Fashion-Fotografen.

*Ja, Mercedes-Benz ist Sponsor der Fashion Week, aber es war wirklich ein Mercedes! (kein gesponserter Post #noad)

VIDEO: Highlights von der Fashion Week


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