Wie wirkt der längste Lockdown Deutschlands?

Johannes Giesler
·Freier Autor
·Lesedauer: 4 Min.

Im bayerischen Landkreis Berchtesgaden herrscht der längste Lockdown Deutschlands: seit drei Monaten. Lange Zeit aber sanken die Inzidenzwerte nicht, im Gegenteil. Erst seit wenigen Tagen ist die Tendenz leicht positiv.

In der Innenstadt von Berchtesgaden gilt Maskenpflicht. Bereits seit dem 20. Oktober befindet sich der gesamte Landkreis im Lockdown. Foto: REUTERS / Leonhard Foeger
In der Innenstadt von Berchtesgaden gilt Maskenpflicht. Bereits seit dem 20. Oktober befindet sich der gesamte Landkreis im Lockdown. Foto: REUTERS / Leonhard Foeger

Der längste Lockdown-Deutschlands feiert diesen Donnerstag ein bedrückendes Jubiläum: Er wird drei Monate alt. Am 20. Oktober 2020 entschloss sich der Landkreis Berchtesgadener Land dem hohen Inzidenz-Wert von 272,8 mit harten Maßnahmen zu begegnen.

Der CSU-Landrat Bernhard Kern sagte damals, das beschlossene Paket würde einem Lockdown entsprechen: Ausgangsbeschränkungen, geschlossene Gastronomie, geschlossene Schulen und Kindergärten, keine Veranstaltungen, kein Tourismus.

Inzidenz-Höchstwert trotz Lockdown

Die Maßnahmen waren zunächst für zwei Wochen vorgesehen, wurden dann aber verlängert und gingen schließlich in den bundesweiten Lockdown über.

Statt einer Besserung fiel in die Zeit des längsten Lockdowns Deutschlands aber sogar der höchste Inzidenzwert in Berchtesgaden überhaupt: 348, am 9. Januar. Auch wenn der Wert – er gibt an, wie viele Menschen anteilig von 100.000 nachweislich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert sind – im Dezember zwischenzeitlich bis auf 110 gesunken war.

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Auf der Webseite des Landratsamts hieß es damals: Der Höchstwert sei insbesondere durch Kontakte bei privaten Zusammenkünften und zum Teil auch bei der Arbeitsstätte beziehungsweise im beruflichen Umfeld begründet. Auch häuften sich positive Covid-19-Fälle in einigen Betrieben und Einrichtungen.

Dazu kam vermutlich eine leichte Verzerrung der Zahlen: Weil während der Feiertage weniger Fälle er- und übermittelt wurden, flossen sie deshalb erst später, dann im Januar, in die Statistik ein.

Drastische Auswirkungen: Kurzarbeit, Tourismus-Stopp, geschlossene Gastronomie

Lange verblieb der Wert weiter über 200 und gab den Menschen Rätsel auf: Wieso wirkte der Lockdown nicht, trotz zweiwöchigen Vorsprungs im deutschlandweiten Vergleich? Im Bayerischen Rundfunk (BR) vermutete Landrat Kern kürzlich, dass wohl viele Berchtesgadener*innen ihr Leben einfach weiterlebten – wie vor der Pandemie und nachlässig mit dem Mund-Nasenschutz umgingen: „Vielleicht ist doch der eine oder andere dabei, der sagt: Ich will das gar nicht wissen! Ich mache in meinem Leben einfach weiter wie bisher!“

Eine mögliche ablehnende Haltung zeigte sich auch darin, so berichtete Focus, dass im Oktober Gastronom*innen und andere Betroffene gegen die Corona-Maßnahmen geklagt und versucht hätten, die Schließungen mittels Eilanträgen zu verhindern.

Es hat sich gelohnt

Der Kreis Berchtesgadener Land ist eine Tourismus-Hochburg und leidet deshalb besonders stark unter den Maßnahmen: Angestellte der Gastronomie befinden sich in Kurzarbeit, statt Ski-Sportler*innen zu befördern, bleiben Seilbahnen seit Wochen geschlossen.

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Trotz allem zog Kern im BR nun eine positive Tendenz: „Ja, es hat sich gelohnt! Wo wären wir hingekommen, wenn die Zahlen noch weiter nach oben gegangen wären?“

Damit spricht er an, was im Kontext von Pandemien auch als Präventionsparadox bezeichnet wird: „There is no glory in prevention“ – sind Präventionsmaßnahmen erfolgreich, folgt im Anschluss meist eine Diskussion, ob sie überhaupt notwendig waren. Auf Berchtesgaden gedeutet: Auch wenn die Werte lange Zeit nicht sanken, wären sie ohne Maßnahmen vielleicht tatsächlich weiter gestiegen.

Neue Virus-Mutanten

Dass die verordneten Maßnahmen wichtig sind, zeigt etwa die Entwicklung in der nächsten Kreisklinik, in Bad Reichenhall. Dort liegen laut BR derzeit rund 50 Corona-Patient*innen, fünf auf der Intensiv-Station. Um dennoch die Notfallversorgung sicherzustellen, werden seit vergangener Woche Patient*innen in andere Krankenhäuser verlegt. Jetzt kommt die Bedrohung durch neue Virus-Mutanten, die wohl weitaus ansteckender sind als das bisherige Coronavirus, hinzu.

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Im Interview zeigte sich Chefarzt Christian Geltner deshalb besorgt: „Die Verläufe sind ja – so viel wir wissen – nicht schwerer als die anderen. Wenn, dann ist es ein Problem der Menge an Patienten, die möglicherweise kommt – und dass wir dadurch wieder wesentlich mehr Betten brauchen.“

Positive Tendenz

Deshalb werden die jüngsten Entwicklungen sicherlich von vielen positiv bewertet: Seit langer Zeit ist die 7-Tage-Inzidenz in Berchtesgaden diese Woche erstmals unter 200 gesunken. Laut RKI-Dashbord liegt er aktuell bei 181,3. Demnach haben sich in der vergangenen Woche 192 Menschen mit dem Coronavirus angesteckt, wodurch die Zahl in Berchtesgaden auf insgesamt 3.572 angestiegen ist. Davon sind 78 verstorben.

Landrat Kern hat mit der gesunkenen Inzidenz ein ausgelobtes Zwischenziel erreicht: „Mein Ziel ist es, dass wir endlich unter 200 kommen und im Berchtesgadener Land wieder etwas mehr Freiheit bekommen.“

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