"Wirtschaftlich funktioniert es nicht": Warum die deutschen Kinos jetzt unter Hollywood leiden

Sven Hauberg
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"Wirtschaftlich funktioniert es nicht": Warum die deutschen Kinos jetzt unter Hollywood leiden

Seit dieser Woche dürfen die Kinos in ganz Deutschland wieder öffnen. Noch aber fehlt ihnen das Wichtigste: gute Filme. "Wenn man Kino macht, macht man im Augenblick nur Verlust", sagt einer, der sich auskennt.

Als in der ersten März-Woche die Nachricht über die Ticker lief, dass der neue James-Bond-Film wegen der Corona-Krise um mehrere Monate verschoben werde, schüttelte hierzulande noch manch einer den Kopf. War das nicht übertrieben? Dann aber ging es schnell, ein Kinostart nach dem anderen wurde verlegt, bis schließlich gar kein Film mehr in den Kalendern stand. Überhaupt: Wo hätten die Filme laufen sollen?

Die Corona-Krise hatte Deutschland immer mehr im Griff, Mitte März mussten die ersten Kinos schließen, wenig später hatten dann alle Filmtheater im Land zu. Wochenlang ging gar nichts mehr. Den Kinobetreibern blieb nichts anderes übrig, als ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken, Hilfsgelder zu beantragen und Gutscheine an Stammgäste zu verkaufen, um irgendwie über die Runden zu kommen. Eine ganze Branche war wie schockgefrostet; nicht nur Kinos kämpften ums Überleben, auch Verleiher, Presseagenturen und Produktionsfirmen hatten auf einmal nichts mehr zu tun.

Ganz aufs gesellige Filmeschauen mussten die Deutschen auch während der Krise freilich nicht verzichten. Wer nicht nur auf der heimischen Couch sitzen wollte, konnte in die vielen Autokinos fahren, die bundesweit einen nicht für möglich gehaltenen Boom erlebten. Und mit dem warmen Wetter wurden auch die Freiluftkinos wiederentdeckt. Aber wirklich dasselbe war das nicht. Zumal es kaum neue Filme gab. Gezeigt wurden vor allem Produktionen, die schon vor den Kinoschließungen angelaufen waren. Deutsche Komödien wie "Nightlife", "Die Känguru-Chroniken" und "Das perfekte Geheimnis" dominierten über Wochen die Kinocharts.

"Wirtschaftlich gerechnet funktioniert es nicht"

Jetzt, Monate nach Beginn der Corona-Beschränkungen, dürfen die Kinos in allen deutschen Bundesländern wieder öffnen. Die Regionen, die nur wenig von der Krise betroffen waren, waren schon im Mai vorgeprescht, das Schlusslicht blieb Berlin. Erst seit 30. Juni dürfen in der Hauptstadt wieder Filme in den Lichtspielhäusern gezeigt werden. Unter Auflagen allerdings, so wie überall im Land. In den Sälen gelten strenge Abstandsregelungen, in vielen Bundesländern muss auch während der Vorstellung eine Gesichtsmaske getragen werden, die nur zum Popcornessen und Colatrinken abgenommen werden darf. Am kommenden Donnerstag wollen die Berliner Kinos dann so richtig durchstarten - nur: mit welchen Filmen?

Zwar können die Betreiber aus ein paar Dutzend Neustarts auswählen; wirkliche Publikumsmagneten sind aber nicht darunter. Prominentester Neuzugang war zuletzt "Der Fall Richard Jewell", ein US-Drama über den Terroranschlag auf die Olympischen Spiele von Atlanta 1996, mit Clint Eastwood hinter und Kathy Bates vor der Kamera. Am Donnerstag läuft dann noch "Undine" an, Christian Petzolds gefeierter Berlinale-Beitrag. Die Massen lockt man so aber nicht an. Lohnt es sich unter diesen Bedingungen überhaupt, die Säle zu öffnen?

"Nein", sagt Robert Englberth, Betreiber des Royal Filmpalasts in München. Bereits am 15. Juni hatte Englberth sein Kino - fünf Säle, 1.148 Plätze, Familienbetrieb in dritter Generation - wiedereröffnet. Am ersten Tag also, an dem das in Bayern wieder möglich war. Anfangs durfte er nur 50 Menschen in jeden Saal lassen, jetzt sind es 100. Aber erreichen lassen sich diese Werte sowieso kaum. "Wir lassen drei Plätze links frei, drei Plätze rechts, die Reihe davor und die Reihe dahinter", sagt er am Telefon. In die kleinen Säle würden so nur 20 Leute passen. "Wirtschaftlich gerechnet funktioniert es nicht", klagt er. Bei schlechtem Wetter kämen momentan vielleicht 200 Besucher am Tag, wenn die Sonne scheint, nur halb so viele. "Wenn man Kino macht, macht man im Augenblick nur Verlust."

Problem USA

Die Ursachen für die Misere muss man aber nicht nur in Deutschland suchen, sondern auch in den USA. Denn die großen Hollywood-Studios verschieben derzeit die Starts ihrer Filme immer wieder - die Disney-Realverfilmung von "Mulan" etwa wurde unlängst auf den 20. August verlegt, Christopher Nolans Zukunftsthriller "Tenet" startet eine Woche zuvor. Noch vor Kurzem hieß es, beide Filme würden schon im Juli in die Kinos kommen. Darauf hatten Kinobetreiber wie Englberth gehofft. Stattdessen zeigt er nun Filme erneut, die schon vor der Krise angelaufen waren. Aber, so Englberth: "Die Leute sagen: Was soll ich mit Filmen, die schon im März gestartet sind?"

Ob "Mulan" und "Tenet" tatsächlich im August anlaufen, ist sowieso noch fraglich. Am Montag erst erklärte der Bürgermeister von Los Angeles, dass in seiner Stadt die Kinos vorerst nicht öffnen dürften. Wenig später kündigte die weltgrößte Kinokette AMC an, ihre amerikanischen Häuser frühestens Ende Juli wieder aufzusperren. Noch immer wütet das Coronavirus in den USA besonders heftig, die Johns-Hopkins-Universität zählt bislang mehr als 126.000 Tote und fast 2,6 Millionen Infektionen, Tendenz steigend. Volle Kinosäle kann man sich da kaum vorstellen. Das bedeutet, dass die großen Hollywood-Filme auch hierzulande noch auf sich warten lassen. Ein weltweiter Kinostart von "Tenet", nur ausgerechnet in den USA nicht, dem größten Kinomarkt der Welt? Unvorstellbar.

In Deutschland machen unterdessen die ersten Kinos dicht - für immer. Nach fast 100 Jahren, berichtete kürzlich die "Berliner Zeitung", werde das Colosseum-Kino in Prenzlauer Berg geschlossen; als Grund wurde die Coronakrise genannt. Robert Englberth, Betreiber des Münchner Royal Filmpalasts, bereut dennoch nicht, dass er sein Kino schon vor mehr als zwei Wochen wiedereröffnet hat. "Wir sind Cineasten", sagt er. Und: "Man muss den Leuten ja was bieten, nachdem sie so lange zu Hause gesessen haben."