Der Barca-Magier, der die Fußballwelt verzauberte

David Döring

Wir schreiben den 18. August 1998, der FC Barcelona muss im Supercopa-Hinspiel beim RCD Mallorca antreten.

Es regnet auf der Ferieninsel, der Rasen ist nass - und damit prädestiniert für das Spiel der Katalanen. Für kurze, schnelle Pässe, für Dominanz.


Und damit auch die perfekte Bühne für den Spieler mit der Nummer 26. In seinem Ausweis steht Xavier Hernández i Creus, auf seinem Rücken schlicht "Xavi".

Trainer Louis van Gaal scheut sich damals nicht, den gerade erst 18-Jährigen, der gut 21 Jahre später an diesem 25. Januar seinen 40. Geburtstag feiert, in einem Endspiel von Beginn an aufzustellen.

Überhaupt ist es sein erster Einsatz in einem Pflichtspiel für den großen FC Barcelona. Nervosität: Fehlanzeige. Xavi spielt kurze Pässe, lange Pässe, schnelle, vertikale und horizontale Pässe - unendlich viele Pässe.

Er ist in diesem Finale der Fixpunkt in einer Mannschaft, die kurz zuvor spanischer Meister wurde und in der der kommende Weltfußballer Rivaldo in der Offensive sein Unwesen treibt.

Mastermind im Kinderkörper

In der 16. Spielminute erzielt er sogar den Führungstreffer, dennoch verliert sein Team am Ende mit 1:2. Letztlich eine Randnotiz.


Denn allen Anwesenden wird schnell klar: Dieser schmächtige Bursche ist außergewöhnlich. Außergewöhnlich talentiert und wie geschaffen für die ballbesitzorientierte Spielidee des FC Barcelona seit der Ankunft von Johan Cruyff.

Sie sollten Recht behalten.

21 Jahre, acht spanische Meisterschaften, vier Champions-League-Titel, zwei Europameister- sowie einen Weltmeistertitel - um nur einige zu nennen - und vor allem unzählige Pässe später, beendete Xavi im Sommer seine unvergleichliche Karriere als Fußballer.


Die Personifikation von Tiki-Taka

Wenn man über Xavi Hernández spricht, dann wird die reine Aufzählung der etlichen Titel und Torvorlagen auf Vereins- und Länderebene seiner Bedeutung für den spanischen Fußball jedoch nicht im Ansatz gerecht.

85 Tore und 182 Assists gelangen ihm in 769 Pflichtspielen für den FC Barcelona. Doch es gab in Xavis Fußballer-Dasein nur eine einzige Zahl, die ihn wirklich interessierte: die Null - null Ballverluste. Darüber definierte der Rechtsfuß seine fußballerische Identität. Und es gab wohl in der Geschichte des Fußballsports niemanden, dem dies so gut gelang.

Sein Spiel lebte von der Einfachheit - zumindest ließ er es einfach aussehen. Eine Fähigkeit, die nur den größten aller Sportler vorbehalten ist. Beinahe mühelos brachte er Pass um Pass an den Mitspieler, mit geschickten Bewegungen hielt er sich auch physisch weit überlegene Gegner vom Leib.

"Wenn du selbst den Ball hast, kann der Gegner kein Tor schießen", lautet das Credo der Barca-Talentschmiede "La Masia", aus der auch der junge Xavi hervorgegangen ist.

Das Barcelona zwischen 2008 und 2012 gilt unter vielen Experten als das spielerisch beste Team der Fußballgeschichte. Mit noch nie dagewesener Dominanz und fußballerischer Perfektion ließ Trainer Pep Guardiola die Fußballwelt staunen.


Er hob die ball-dominante Spielidee, den "Voetbal total", den Johan Cruyff dem FC Barcelona Ende der 90er-Jahre in die DNA eingepflanzt hatte, noch mal auf ein neues Level. Spanische Journalisten erschufen sogar ein eigenes Wort für den Spielstil: Tiki-Taka.

Und wenn Pep Guardiola der Komponist von Tiki-Taka war, dann war Xavi erster Dirigent - trotz Lionel Messi.

Der ungekürte Weltfußballer

Auch das spanische Nationalteam adaptierte diese Spielweise - und die Erfolge. Zwei Europameisterschaften und die lang ersehnte Weltmeisterschaft fallen in die Hochzeit der spanischen Herrschaft. Xavi war auch hier mehr als nur der Kapitän.


"Der spektakulärste Spieler ist Messi, der beste ist Xavi", gab Johan Cruyff höchstpersönlich im Jahr 2012 bei ESPN zu verstehen. Man konnte ihm nur schwer widersprechen.

Xavi war das Fundament, auf dem der Glanz und das Spektakel der Ronaldinhos, Figos und Messis erst entstehen konnte. Auch deshalb blieb ihm eine große individuelle Auszeichnung verwehrt.

Xavi ist bescheiden und intelligent genug, um diese Tatsache richtig einordnen zu können. Sein Plan für die Karriere nach der Karriere steht natürlich längst.

Der Barca-Weg

"Ich kann es kaum erwarten, was die Zukunft für mich als Trainer bereithält", kündigte er vor einiger Zeit an. Die Antwort auf die Frage nach seiner Spielidee? "Technische Brillanz und absolute Dominanz." Selbstredend.

Die Frage scheint nicht ob, sondern wann Xavi sein altes Arbeitsumfeld auf dem Rasen gegen die Coaching-Zone im Camp Nou eintauscht. "Ich bin ein Lehrling der Schule Barcas, sonst bin ich nichts", beschrieb sich der Katalane stets selbst.


Die Barca-Verantwortlichen um Sportdirektor Eric Abidal wollten ihn bereits als Nachfolger des kürzlich entlassenen Ernesto Valverde zurück nach Hause holen. Er habe ein entsprechendes Angebot erhalten, bestätigte Xavi selbst, "aber ich habe es nicht angenommen - denn es ist zu früh für mich, Barcelona zu coachen".

Auch das spricht für Xavi und sein Verständnis von Fußball. Nach gerade einmal einem halben Jahr Trainererfahrung bei Al Sadd in Katar den FC Barcelona zu übernehmen, das wäre dann vielleicht auch für ihn eine Nummer zu groß gewesen.

Und im zarten Alter von 40 Jahren läuft ihm sein Traumjob ja noch nicht davon.