Zoff bei "Hart aber Fair" über Mieten und Enteignung

Mila Lemke
Freie Autorin
Bei "Hart aber Fair" diskutierten Christoph Gröner, Sina Trinkwalder, Hubertus Heil, Alexander Graf Lambsdorff und Oskar Lafontaine über den Mindestlohn. Foto: ARD Screenshot

Die Talkshow bei „Hart aber Fair“ war ein Marathonlauf durch die sozialen Themen. Es ging um steigende Mieten, um Enteignungen, um Ungleichheit, um Löhne. Doch auch, wenn die Ideen bei der Talkshow nicht über „bauen, bauen, bauen“ und dem Wahlprogramm der SPD hinausgingen, gab es doch einige neue Punkte, die man bei „Hart aber Fair“ lernen konnte.

Die Disputanten:

Hubertus Heil: Bundesminister für Arbeit und Soziales, SPD

Christoph Gröner: Gründer und Vorstandsvorsitzender des Immobilienentwicklers CG-Gruppe

Sina Trinkwalder: Sozialunternehmerin und Buchautorin

Oskar Lafontaine: Fraktionsvorsitzender der Linken im Saarland

Alexander Graf Lambsdorff: stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP

Was wir schon wussten:

Die Gesellschaft glich langer Zeit einer Zwiebel. Eine große obere Mittelschicht und wenige Geringverdienende. Inzwischen passt das Modell einer Birne besser, denn die Mittelschicht rutscht nach unten ab. Ein Grund dafür sind die steigenden Mieten. Lange schwoll das Problem wie ein Darmgeschwür in Deutschland an, jetzt scheinen die Parteien ein Patentrezept gegen die Verstopfung gefunden zu haben: Bauen. Doch es ist auch klar, dass nicht einfach eine Millionen Wohnungen aus dem Boden gezaubert werden können. Deshalb schlug der Juso-Vorsitzende der SPD, Kevin Kühnert, eine unkonventioneller Methode vor.

Was für Aufregung sorgte:

Kühnert fordert, dass jeder nur so viel Wohnraum besitzt, wie er auch tatsächlich benötigt. Er ist für die Enteignung von Immobilienkonzernen, zeigt ein Video. Als es endet, meldet sich der Bundesminister für Arbeit und Soziales, Hubertus Heil, schnell zu Wort. „Bevor der Kollege von der FDP hyperventiliert, das ist nicht die Position der SPD“, beschwichtigt er die Runde. Und fügt noch hinzu: „Ich war auch einmal Juso-Chef. Aber ich habe dazugelernt.“

Doch nicht jeder lässt sich so leicht beschwichtigen. Der Fraktionsvorsitzende der Linken Oskar Lafontaine hatte vor elf Jahren selbst die Idee große Familienunternehmen zu enteignen. Für ihn ist Vermögen nur das, was man sich selbst erarbeitet hat. „Die fleißigen Leute werden enteignet. Das ist irre“, schimpft er bei „Hart aber Fair“. Er fordert ein Mitbestimmungsrecht der Arbeiter über das Vermögen von BMW. Denn die zwanzig Milliarden hätten nicht Frau Klatten und Herr Quandt geschafften, sondern die Arbeiter, meint er.

Währenddessen warnt Immobilienunternehmer Christoph Gröner davor das Thema „Enteignung” aufzublasen. Denn sonst würden die Konzerne statt in Deutschland im Ausland Wohnungen bauen. Sie hätten jetzt schon Angst, mahnt er. Und Wohnungen braucht der Staat ja so dringend. Bis zum Schluss blieb die Debatte hitzig, so dass sogar Plasberg einlenken musste: „Die Zuschauer bekommen mehr mit, wenn man hintereinander redet.” Trotzdem konnte man aus der Diskussion ein paar neue Punkte mitnehmen und gleichzeitig seine Mathekenntnisse auffrischen.

SPD-Politiker Hubertus Heil distanziert sich von Kevin Kühnerts Vorschlag, Immobilienkonzerne zu enteignen. Foto: ARD Screenshot

Was es Neues gab:

Was vermutlich noch niemand wusste, dass der Immobilienunternehmer Christoph Gröner eigentlich arm ist. Bei „Hart aber Fair“ gesteht er: „Ich habe keinen Pfennig auf dem Konto“. Frank Plasberg reagierte sofort und bot dem Immobilienunternehmer ein Honorar für seinen Auftritt an. Gröner gibt sich als Vorzeige-Unternehmer. Eine Gleichstellungsbeauftragte in seiner Firma sorgt für die gleiche Bezahlung von Mann und Frau, über den Mindestlohn verdient sowieso jeder und seinen Gewinn reinvestiert er. „Ich will mir beim Rasieren nicht die Frage stellen, ob der Staat noch was dazugeben muss“, sagt er. Wenn alle Unternehmer so wären wie er, hätte Plasberg diesen Montagabend frei gehabt.

So lernen wir aber wenigstens vom stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der FDP, Alexander Graf Lambsdorff, dass man sich jetzt eine Immobilie kaufen sollte. Es gibt nämlich gar keine Immobilienblase, sondern nur leicht ansteigende Immobilienpreise, wie dieser erklärt. Es ist also der beste Zeitpunkt, sich für dreißig Jahre zu verpflichten. Nur ist der Rat von Lambsdorff für den Großteil der jungen Leute in Deutschland realitätsfern. Banken gewähren meist nur noch einen Kredit bei befristeten Verträgen und die sind selten. Eine Zuschauerin rechnete sogar durch, ob sie sich eine Immobilie für 400.000 Euro leisten könnte. Ihr Ergebnis: nein.

Zwar ist in Deutschland immer die Rede davon, dass der Durchschnitt der Löhne steigt. Das heißt aber nicht, dass die Mittelschicht auch mehr verdient. Die Sozialunternehmerin Sina Trinkwasser rechnet vor: Zwei und fünfhundert sind im Mittelwert höher als drei und vier. Und welches Modell ist jetzt besser? Klar ist: Der Mindestlohn muss steigen, um die Kaufkraft zu erhöhen, und damit wären wir wieder beim altbekannten Thema.