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Zum Start von "Sam, ein Sachse": Die wahre Geschichte dahinter

"Sam - ein Sachse" ist die erste deutsche Serie auf Disney+. Sie handelt von einem jungen Schwarzen, der Polizist wird und als Aushängeschild für Diversität gefeiert wird. Doch irgendwann rutscht er in die Kriminalität ab, kommt sogar in den Knast. Was klingt wie eine fiktive Geschichte, ist in Wirklichkeit keine. Denn Sam Maffire, die Hauptfigur. gibt es tatsächlich. Und sein Leben bringt so viel Stoff, dass daraus auch locker ein Hollywood-Film entstehen könnte.

Sam (Malick Bauer) in einer Szene des Films
Sam (Malick Bauer) in einer Szene des Films "Sam: Ein Sachse" (Bild: Stephan Burchadt/Disney/dpa)

"Sam – ein Sachse" ist seit dem 26. April als erste deutschsprachige Originalserie des Streamingdienstes Disney+ abrufbar. Ein junger schwarzer Mann rennt mitten in der Nacht auf der berühmten Dresdner Elbbrücke, dem Blauen Wunder, hinter einem Krankenwagen her. Plötzlich wird er von einem Polizeiauto gestoppt. "Meine Freundin ist kurz vor der Entbindung", erklärt er schnell mit erhobenen Händen. Man habe ihn nicht ins Krankenhaus mitnehmen wollen. In dieser Szene wird schnell klar: Das ist nur eine von vielen Demütigungen, die Sam, die Hauptfigur der ersten deutschen Produktion für den Streamingdienst Disney+, durchmachen muss. Doch das Leben, auf dem die Serie basiert und das erst mal fiktiv klingt, gab es wirklich.

"Sam – ein Sachse" – die wahre Geschichte dahinter

Die sieben Episoden der Miniserie "Sam - Ein Sachse" erzählen die unglaubliche und wahre Geschichte von Samuel "Sam" Njankouo Meffire, dem ersten schwarzen Polizisten der DDR, der nach der Wende zum Gesicht einer sächsischen Image-Kampagne wurde, bevor er selbst in kriminelle Machenschaften verwickelt wurde. Sam, der schon von klein auf zwischen zwei Stühlen saß, erlebte auf seinem Weg viele Herausforderungen, darunter Rassismus und Gewalt. In der Serie werden auch Themen wie Identität, Zugehörigkeit und Familie behandelt.

Sam (Malick Bauer) in einer Szene der Serie
Sam (Malick Bauer) in einer Szene der Serie "Sam, ein Sachse" (Bild: Yohana Papa Onyango/Disney/dpa)

Autobiografie "Ich, ein Sachse" erschien im März 2023

Erst kürzlich veröffentlichte Samuel Meffire auch seine Autobiografie "Ich, ein Sachse". Sein Leben liest sich wie ein aufregender Abenteuerroman. Sam Meffires Vater stammte aus Kamerun. Nur zwei Stunden, bevor Sam Njankouo Meffire Junior 1970 in Leipzig auf die Welt kam, starb sein Vater, Samuel Senior, schweißüberströmt, von Krämpfen geschüttelt. Sein Umfeld ist davon überzeugt, dass der Mann aus Kamerun vergiftet wurde, weil der ambitionierte Student und Ehemann einer Genossin vielen ein Dorn im Auge war.

Deutsche Disney-Serie "Sam - Ein Sachse": Lebensgeschichte, größer als die Fantasie

Seine Mutter, die nach dem Tod ihres Mannes alleine für ihre beiden Söhne sorgen musste, arbeitete hart für den Sozialismus und betäubte ihren Kummer abends mit Alkohol. Ihren Frust ließ sie an ihren Söhnen aus, was bei Sam zu einem Trauma führte: "Mein bestimmendes Gefühl in der Kindheit war Angst“, erklärt Sam Meffire gegenüber Express.de. Angst vor seiner Mutter und vor seinen Mitschülern, die ihm Gewalt antaten.

Das Cover des Buches
Das Cover des Buches "Ich, ein Sachsen" (Bild: Bild: Ullstein/dpa)

Samuel lernte, sich zu verteidigen, und kämpfte sich durch die Schule. Als Fußballer wurde er von rechten Hooligans gejagt. Trotz all dieser Herausforderungen schaffte er es nach dem Mauerfall, Polizist zu werden und war damit der erste Afrodeutsche in Ostdeutschland. In dieser schwierigen Zeit, als Rechtsextreme gegen Ausländer wüteten und Molotow-Cocktails warfen, wurde er vom sächsischen Innenminister Heinz Eggert begleitet, der mit ihm Sam seiner Seite ein Zeichen setzen wollte.

Unter dem Slogan "Ein Sachse" wurde er Anfang der 90er-Jahre zum Gesicht im Kampf gegen Ausländerhass und rechte Tendenzen im jungen Freistaat Sachsen. Doch seine Karriere als Kriminalbeamter endete abrupt, als er den Dienst verließ, um sich als Selbstständiger in der Sicherheitsbranche zu versuchen - mit unerfreulichen Folgen.

Schmidt (Andreas Enke) in einer Szene des Films
Sam Meffire war das Gesicht der Werbekampagne "Ein Sachse" (Bild: Stephan Burchadt/Disney/dpa)

"Die Werbekampagne damals kam zur richtigen Zeit, war am richtigen Ort, aber ich war der falsche Mann, stand zu tief am Abgrund“, sagte Samuel Meffire. In seiner Biografie "Ich, ein Sachse" schreibt er: "Ich war das Vorzeigepony, stand für eine Polizei, die bunt und divers ist.“

Obwohl er bei der Polizei Anerkennung, Struktur, Ordnung und Kameradschaft fand, wurde er nach der Wende in eine andere Richtung gezogen. Im Jahr 1995 floh Sam vor den Konsequenzen seiner Taten in den Kongo, stellte sich aber später den Behörden. Im Landgericht Dresden gab er zu, an Raubüberfällen beteiligt gewesen zu sein. Er räumte ein zusammen mit Komplizen ein Rentnerehepaar, ein Bordell, eine Bar und eine Poststelle überfallen und dabei mehrere zehntausend Mark erbeutet zu haben. Meffire belastete auch einen Rotlichtkönig schwer, als er als Kronzeuge gegen ihn vor Gericht aussagte.

Während seiner Haftstrafe reflektierte er sein bisheriges Leben und versuchte, seine Wut zu verstehen. Nach sieben Jahren hinter Gittern kämpfte er sich zurück in eine legale Existenz und ist heute als Sozialarbeiter und Buchautor tätig. Außerdem ist er Familienvater. Die Serie endet weit vor diesem Zeitpunkt, mit seiner Befragung vor Gericht, bei der er seine Eröffnungsworte mit den Worten abschließt: "Ich bin Samuel Njankouo Meffire und ich bin Deutscher." Ein Satz, der sich in die Köpfe aller Anwesenden brannte.

"Sam – ein Sachse" – keine Autobiografie

Der echte Sam Meffire veröffentlichte erst kürzlich seine Autobiografie "Ich, ein Sachse". Bei den Dreharbeiten zur Disney+-Serie war er dabei. "Aber es ist kein Dokumentarfilm, es ist eine fiktionale Serie und Figur", sagte Mitproduzent und Emmy-Gewinner Jörg Winger der Deutschen Presse-Agentur. "Wir haben viel verdichtet, Personen und Ereignisse verändert." Auch weil Sams Leben für mehr als eine Person reiche. Es sei "ein großer epischer, dramatischer Stoff", der eine neue Perspektive zeige, sagt Winger, der Sams Geschichte bereits seit 2006 kennt.

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Tyron Ricketts, der Co-Produzent des Films und Schauspieler, der in der Serie den Rotlichtkönig Alex spielt, hatte dem Regisseur von der Geschichte erzählt, als sie zusammen für das ZDF an "Soko Leipzig" arbeiteten. Darin spielte er den ersten schwarzen TV-Kommissar in Ostdeutschland. Damals sei das TV-Publikum aber noch nicht so weit gewesen für einen Film über einen "traumatisierten Menschen mit guten Absichten", vaterlos aufgewachsen in einem Land, "das es ihm nicht leicht macht". Zusammen mit Christoph Silber schrieb Jörg Winger auch das Drehbuch.

Die Black-Lives-Matter-Bewegung habe jedoch bei vielen zu einem Umdenken geführt. Jörg Winger und Martin Brambach sind der Meinung, dass es die Serie ermöglicht, in die Perspektive eines schwarzen Deutschen zu schlüpfen und die Welt aus seinen Augen zu sehen. Brambach spielt die Rolle des Eggert, Sachsens ehemaliger Innenminister, der für den Protagonisten Meffire ein Beschützer und eine Vaterfigur war. Winger hofft, dass der Film die Zuschauer emotionalisiert, dass sie sich mit dem Protagonisten identifizieren und sich dadurch ein bisschen in ihrem Gefühl und Bewusstsein verändern.

Die Regisseurinnen Soleen Yusef und Sarah Blaßkiewitz haben es geschafft, in den sieben Episoden der Serie sowohl Diskriminierung, Verachtung und Demütigung als auch Beistand, Liebe und Hilfe für die Hauptfigur Sam in eindrücklichen und schönen Szenen zu inszenieren. Auf der anderen Seite wird auch die Gewalt und Vernichtung, die zu Sams Ausbrüchen und zu seiner Wandlung zum Verbrecher führen, brutal ehrlich dargestellt.

Die Hauptfigur wird von Newcomer Malick Bauer authentisch verkörpert. Auch Martin Brambach schwärmt von ihm und sagt: "Er ist so pur, der riskiert in jeder Situation sein Leben". Der Film vermittle den Zuschauern hautnah das Erleben von Rassismus und jede Beleidigung oder jeder Schlag, den Sam ins Gesicht bekommt, tue einem selbst weh.

Samuel Meffire (v.l.n.r.), Heinz Eggert, ehemaliger sächsischer Staatsminister und die Schauspieler Martin Brambach und Malick Bauer auf der Deutschlandpremiere der Serie
Samuel Meffire (v.l.n.r.), Heinz Eggert, ehemaliger sächsischer Staatsminister und die Schauspieler Martin Brambach und Malick Bauer auf der Deutschlandpremiere der Serie "Sam, ein Sachse" im Kino International. (Bild: Hannes P. Albert/dpa)

Reunion mit Innenminister Eggert

An der Seite des damaligen sächsischen Innenministers Heinz Eggert setzte sich Samuel Meffire für Toleranz ein. Als er jedoch selbst kriminell wurde, zerbrach die ungewöhnliche Freundschaft der beiden Männer. Nach Jahrzehnten trafen sie sich jedoch wieder – und zwar auf der Deutschlandpremiere der Serie "Sam, ein Sachse".

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"Vor einem Monat habe ich ihn das erste Mal wieder gesehen, in Dresden", sagte Eggert gegenüber dem mdr. "Wir haben über all das gesprochen, was passiert ist." Meffire rutschte in die Kriminalität ab. Eggert fand es "sehr abscheulich", dass er bei einem Überfall ein Rentnerpaar zusammenschlug. Seiner Meinung nach sei eine Grenze überschritten worden, er brach den Kontakt zu MeffireNun ist die alte Freundschaft wieder aufgeflammt. "Wir sind in Verbindung, es ist eigentlich immer noch eine Freundschaft", sagt der ehemalige Innenminister. Wenn man jemanden immer auf die Fehler der Vergangenheit festlege, könne man ja auch schuldig werden, weil man ihm keine Chance mehr zur Veränderung gebe, findet Eggert.

Samuel Meffire heute

Samuel Meffire ist inzwischen 52 Jahre alt und lebt in Bonn. Er hat zwei Töchter. Nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis arbeitete er mehr als zehn Jahre lang in verschiedenen erlebnispädagogischen Projekten mit straffälligen und schwer auffälligen Jugendlichen. Ab 2015 engagierte er sich auch in der Flüchtlingshilfe, wo er mit Kindern und Jugendlichen arbeitete.

Samuel Meffire, Autor, gibt ein Interview zu seinem Buch
Samuel Meffire, Autor, gibt ein Interview zu seinem Buch "Ich, ein Sachse", das im Ullstein Buchverlag erschienen ist (Bild: Carsten Koall/dpa)

Darüber hinaus ist Meffire auch als Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Werke veröffentlicht, darunter die vierteilige Krimireihe "Unsere Feinde", ein Endzeitkrimi, der in Deutschland spielt, sowie den Politkrimi "Kunduz", den er zusammen mit Co-Autor Marc Lindemann geschrieben hat. Seit 2015 arbeitet er auch als Trainer für Gefahrensituationen und schult unter anderem Teams in der Flüchtlingshilfe, Rettungssanitäter und Mitarbeiter von Universitäten.

Der Sächsischen.de erklärte Meffire: "Ich habe bei meinem Amoklauf beispielsweise ein älteres Ehepaar heimgesucht. Zwei alte Leutchen, die ich nicht kannte und die mir nichts getan hatten. Dafür hat Gott dann wohl den eisernen Knüppel herausgeholt und mir damit meine eigene, damalige, Medizin verabreicht. In Afrika war ich bereits mehr tot als lebendig. Und der Knast war ein ganz eigenes Kapitel des Horrors. So was kommt eben von so was." Über Heinz Eggerte sagte er dagegen: "Er verurteilte scharf, was ich getan habe. Aber er verdammte mich als Mensch nicht für immer und ewig. Er streckte mir die Hand entgegen."

Als die Firma, für die Sam Meffire damals arbeitete, in Schwierigkeiten geriet, entschied er sich aus Verzweiflung dazu, mit Raubüberfällen Geld zu verdienen – eine Entscheidung, die er heute als "maximal-dämlich" bezeichnet. Zum Glück wurde er bereits nach fünf Wochen erwischt, bevor er noch mehr Schaden anrichten konnte, sagte er mal.

Meffire ist sich jedoch zu 99,9 Prozent sicher, dass sich ein solcher Absturz nicht wiederholen wird. "Ich lebe seit 21 Jahren, seit der Entlassung aus der Haft, normenkonform", sagte der Autor der Deutschen Presse-Agentur. "Aber die innere Baustelle bleibt. Es ist ein Prozess. Ich sehe mich nicht am Ziel." Sam Meffire hat eine zweite Chance bekommen. Was er daraus macht, wird sich mit der Zeit zeigen.