Nach Beschwerde von Bohlen: Wie entstehen eigentlich Musik-Charts?

Hannah Klaiber
Freie Journalistin

Wenn selbst Pop-Titan Dieter Bohlen sich über angebliche Charts-Tricksereien in der Musikindustrie beschwert, muss es wirklich schlimm stehen um die Branche. Doch wie entstehen Charts-Platzierungen tatsächlich und ließe sich – rein theoretisch natürlich – auch ein Album auf die Eins hieven, das eigentlich gar niemand hört?

Dieter Bohlen hat die Diskussion über die Musik-Charts angeheizt. (Bild: Getty Images)

Es war ein ganz schönes Hin und Her, bis das aktuelle Album von Dieter Bohlen endlich auf den Markt kam: Erst hatte der Pop-Titan vollmundig die geplanten Duette mit seinen vielen Freunden von Kay One bis Capital Bra angekündigt, die auf der für Sommer geplanten Platte zu finden sein sollten.

Dann wiederum wurde die gesamte Veröffentlichung wieder gecancelt, bis nun Anfang Juli tatsächlich ein “Mega-Album“ mit dem Titel “Dieter Feat. Bohlen“ erschien, das zwar jede Menge Bohlen-Songs enthält, aber keines der angepriesenen Duette. Der Grund: die umständliche Vertragslage und die Verpflichtungen auf allen Seiten – “es sollten gefühlt Hunderte Verträge zwischen allen geschlossen werden“, so Bohlen zur “Bild"-Zeitung.

“Alben werden mit irgendwelchem Quatsch teurer gemacht”

Und noch viel schlimmer: der “Schnickschnack“ in Form von Extras, die er sich habe anschauen sollen – mit diesen hatte das geplante Album bestückt werden sollen, um auch ja in den Charts zu landen: “In den Charts gibt es ja ein Wertesystem. Das heißt, wenn ein Album möglichst teuer ist, zählt es mehr.

Hintergrund: Dieter Bohlens neues Album ist endlich da!

Bedeutet: Die Alben werden extra teurer gemacht, mit irgendwelchem Quatsch, den man beilegt. Das geht bis zu Lederjacken, Schlüsselanhängern, Schals usw.“, heißt es im Interview mit “Bild". Das habe für ihn mit Musik nicht mehr viel zu tun, so Bohlen weiter, deshalb wurde die geplante Edition gecancelt und er habe sich für “Dieter Feat. Bohlen“ alleine ans Werk gemacht.

Letztendlich entschied sich Dieter Bohlen dazu, sein Album alleine zu produzieren. (Bild: Sony Music Catalog)

Moment mal, hat sich ein Album nicht dann eine Charts-Platzierung verdient, wenn es die häufigsten Verkäufe vorweisen kann? Ein Blick in das Regelwerk der Offiziellen Deutschen Charts zeigt: Ganz so einfach ist es nicht.

Oder nicht mehr, denn seit den goldenen Zeiten der Musikindustrie, in denen gepresste LPs und Maxi CDs noch stapelweise über den Ladentisch gingen (1997 erzeugten sie einen Umsatz von 2,3 Milliarden Euro!), hat sich einiges getan. Und so ermittelt die GfK Entertainment im Auftrag des Bundesverbandes Musikindustrie e.V. nicht nur ein laufend wachsendes Portfolio an Offiziellen Deutschen Charts (von Single bis Album, von Vinyl- bis Download-Charts), sondern muss auch in die Ermittlung selbst immer wieder neue Komponenten aufnehmen.

Was sind “Werte-Charts“?

Die wichtigste Neuerung ist dabei gar nicht mehr so neu: Denn seit 2007 schon werden in Deutschland so genannte “Werte-Charts“ ermittelt. “Das bedeutet, dass nicht mehr die verkaufte Stückzahl entscheidend ist, sondern der damit erzielte Umsatz“, heißt es dazu auf den Seiten der Offiziellen Deutschen Charts. “Sämtliche Verkäufe, die in einer Woche (Freitag bis Donnerstag) getätigt wurden, zählen für die Charts. Berücksichtigt wird der stationäre Handel, Online-Shops, Download-Portale und seit 2014 auch Streaming-Anbieter.“

Logisch: Wenn nicht mehr die verkaufte Stückzahl entscheidend für die Chart-Platzierung ist, sondern der damit erzielte Umsatz, versucht natürlich (fast) jedes Musiklabel, seine Alben nicht nur in einer hohen Stückzahl zu verkaufen, sondern auch möglichst teuer.

Neuntes Nummer-Eins-Album: Madonna zeigt's den Kritikern

Womit wir bei Bohlens Aussage angekommen wären, die Alben würden “extra teurer gemacht“ – durch möglichst hochwertige Extras, die der Platte beigefügt werden und für den Fan einen möglichst großen Mehrwert bieten, dass er bereit ist, nicht nur die gängigen 10 oder 15 Euro für ein Album zu bezahlen, sondern vielleicht sogar 30 oder mehr Euro, weil in der “Deluxe Edition“- oder “Fan-Box“ des Musikers nicht nur die aktuelle Platte, sondern auch ein Shirt, ein Schlüsselanhänger oder anderes limitiertes Material zu finden ist, das die Fan-Herzen höher schlagen und die Kassen klingeln lässt.

Der Wert des Extras darf den Wert der Musik nicht übersteigen

Nun lässt sich eine CD nicht einfach so in die Charts hochjubeln, weil sie mit einem besonders teuren Extra verkauft wird: Die Regel lautet, dass der Wert der Box-Inhalte den Wert der Musik nicht übersteigen darf. Und doch geht die Rechnung der Labels meistens auf: Denn auch wenn der reine Sachwert eines Merchandising-Shirts recht niedrig ist (oder auch einer Lederjacke, je nachdem wo und in welcher Stückzahl sie gefertigt wurde), ist die Begehrlichkeit der limitierten Kollektion für echte Fans jedoch sehr hoch – und schon rutscht das Album von Ariana Grande oder Bushido in den Charts nach oben.

Der Trick mit dem Verkauf von Deluxe-Boxen oder Sondereditionen funktioniert natürlich vorrangig bei Musikern, die sowieso schon über entsprechend viele Anhänger verfügen. Diese loyalen Fans sorgen für Millionenumsätze, ob sie nun nach einer CD greifen, das Album digital downloaden oder die Songs über einen Streamingdienst auf ihrem Smartphone anhören.

Seit 2014 werden in den Charts auch Streaming-Anbieter berücksichtigt. (Bild: Getty Images)

Denn auch diese Verkaufszahlen laufen in den schlussendlichen Wert ein, der für die Chart-Platzierung verantwortlich ist: Erfasst werden laut Offizielle Deutsche Charts Verkäufe in jeglicher Form an den Endkonsumenten.

Die Kassensysteme übermitteln alle Daten inklusive konkretem Verkaufsdatum und Uhrzeit des Kaufs anonymisiert an die GfK, die Datenübertragung von Downloads und Streaming-Verkäufen läuft direkt von den Online-Shops und Streaming-Anbietern aus. “Um auch hier größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten, werden diese Meldungen ebenfalls verschlüsselt“, heißt es auf der Website von Offizielle Deutsche Charts.

Es ist sehr schwierig, überhaupt in die Album-Charts zu kommen

Apropos Streaming: Für die Charts wird jeder Track gezählt, der mindestens 31 Sekunden lang gestreamt wurde. Das mag für die Single-Charts Sinn machen, die im Allgemeinen Mainstream-Songs aus der Heavy Rotation der Radiostationen und Hit-Playlists auf Platz 1 feiern. Um in die Album-Charts einzulaufen, muss ein solcher Track allerdings ganze 200 Mal mindestens 31 Sekunden lang gestreamt werden – dann erst steht er für ein verkauftes Album, fand Journalist Philipp Walulis einst für eine Sendung auf ego.fm heraus. Das mache es für alle außerhalb des Superstar- und Ohrwurm-Kosmos quasi unerreichbar, überhaupt in die Charts zu kommen.

"Bin kein Krämerladen": Dieter Bohlen rechnet mit Charts-Industrie ab

Dieter Bohlens Kritik am Chartplatzierungs-System macht sicherlich Sinn und auch seine Anmerkungen in Bezug auf all die Deluxe- und mit Extras bestückten Editionen haben eine Berechtigung: “Ich bin ja nun mal kein Krämerladen. Das alles hatte aus meiner Sicht nichts mit Musik zu tun“, sagte Bohlen im Bild-Interview.

Auch Bohlens Album ist kein Schnäppchen

“Dieter Feat. Bohlen“ enthält als “Mega-Album“ deshalb auch keine Shirts oder Schlüsselanhänger, auch wenn sich der Pop-Titan auf die kreative Kraft seiner neuen Songs offenbar nicht ganz verlassen will: Die drei CDs des Albums enthalten hauptsächlich Remixes seiner Gassenhauer aus früheren Zeiten von “Brother Louie“ bis “You’re My Heart You’re My Soul“.

Außerdem, so wird es in der “Premium Edition“ beworben, enthält das Werk in “Black Vinyl Optik“ ein 24 Seiten starkes Booklet und immerhin elf Songs, die das erste Mal auf CD erschienen sind. Auf Amazon wird das mit 46 Songs vollbepackte Box-Set für immerhin 18,99 Euro verkauft. So ganz will sich Dieter Bohlen die Chance auf eine Chart-Platzierung also doch nicht entgehen lassen.

VIDEO: Liebestattoo von Dieter Bohlens Ehefrau