Donald Trump: Was seine Tweets über den Präsidenten verraten

Psychiater und Psychologen brechen die Goldwater-Regel, um Trumps Psyche zu analysieren. (Bild: AFP)

Für die einen ist er der Heilsbringer, für die anderen die größte Verirrung, die es je ins Weiße Haus geschafft hat. An Donald Trump scheiden sich die Geister bis zu denjenigen, die sich genau damit besonders gut auskennen: Psychiater und Psychologen. Hier erklärt eine Psychotherapeutin, wie der Präsident der Vereinigten Staaten wirklich tickt!

Es muss schon ein Sonderfall sein, wenn Spezialisten die so genannte Goldwater-Regel brechen. Danach dürfen Psychiater und Psychologen den Gesundheitszustand einer Person nur dann beurteilen, wenn sie sie selbst untersucht haben. Doch Donald Trump würde wohl eher die Mauer zu Mexiko einreißen als sich auf seine psychische Gesundheit untersuchen zu lassen. Dennoch diagnostizierte der amerikanische Psychotherapeut John D. Gartner dem Präsidenten einen „bösartigen Narzissmus“, eine psychische Krankheit also, durch die er „emotional unfähig“ sei, die USA zu regieren. Andere Kollegen schlugen in dieselbe Kerbe, die Psychoanalytikerin Carrie Barron bezeichnete Trump als „tickende Zeitbombe“.

„Narzissmus ist für viele Politiker ein wichtiger Motor!

„Solche Diagnosen sind unsinnig und führen zu nichts“, sagt dagegen Dr. Bärbel Wardetzki im Interview mit Yahoo! Deutschland. In einem anderen Punkt stellt sich die Münchner Psychotherapeutin und Expertin für narzisstisches Verhalten aber auf die Seite ihrer Kollegen. „Dass sie sich zu Wort melden und deutlich zum Ausdruck bringen, dass sie über sein Verhalten besorgt sind, finde ich sehr gut. Denn das bringt viele Leute dazu, darüber nachzudenken, wem sie da hinterherrennen.“

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Dass Trumps Psyche narzisstische Strukturen aufweist, sei eindeutig, meint die Autorin des Buches „Narzissten auf dem Vormarsch. Verführung und Machtmissbrauch in Politik und Gesellschaft“, das in Kürze erscheinen wird. „Aber das ist für viele Politiker ein wichtiger Motor.“ Ganz klar sei zum Beispiel Donald Trumps eindeutig widerlegte Behauptung, seiner Amtseinführung hätten so viele Zuschauer beigewohnt wie niemals zuvor, „ein narzisstischer Schachzug“. „Eine kindliche Form, die Realität zu verändern. Ein Teil davon ist sicher eine Selbsttäuschung, um sich zu schützen. Der andere ist Augenwischerei für die Wähler.“

„Trump ist unsicher in diesem Geschäft, das er nicht gelernt hat“

Die offene Kampfansage an kritisch berichtende Medien und ihre Betitelung als Fake News führt die Psychotherapeutin zumindest zum Teil auch auf eine Schwäche Trumps zurück: „Er ist unsicher in diesem Geschäft, das er nicht gelernt hat und nicht kann. So versucht er, sich vor Angriffen von außen zu schützen. Und natürlich ist die Presse, die Missstände aufdeckt und anprangert, für jeden gefährlich, der Interessen auf nicht so ganz demokratische Weise durchsetzen will.“

Trumps rigides Vorgehen gegen Muslime und Mexikaner sieht Dr. Wardetzki als psychische Entlastungsfunktion, die vor allem von einer bestimmten Art von Menschen angewendet wird: Solchen, die nicht über die ausreichende Intelligenz und den Erfahrungsschatz verfügen, um Andersartigkeit nicht als Angriff gegen sie selbst zu interpretieren. „Außerdem hilft es, die Gruppe derjenigen, die die gleichen Feindbilder teilen, zusammenzuschweißen.“

„Seine Äußerungen sind mittelalterlich und frauenverachtend“

In puncto Sexismus sieht die Autorin Parallelen zu anderen Machtmenschen wie Dominique Strauss-Khan oder auch Bill Clinton, die der Meinung seien, ihnen stünde in ihrer Grandiosität jede Frau zur Verfügung. „Macht, Attraktivität und Sexualität sind miteinander verbunden. Trumps Äußerungen sind natürlich mittelalterlich und frauenverachtend.“

Dr. Bärbel Wardetzki ist sich sicher: Trump fährt liebend gerne Ablenkungsmanöver. (Bild: AFP)

Nicht müde wird Trump auch darin, immer wieder zu wiederholen, welch Scherbenhaufen ihm sein Vorgänger Barack Obama hinterlassen habe. Seiner Darstellung nach versinken die USA geradezu in Armut und Gewalt – auch das ein wohl kalkulierter Schachzug: „Er macht schlecht, was andere vor ihm geleistet haben. Nur so kann er der Retter sein.“

Wer andere abwertet, wertet sich auf

Und was ist davon zu halten, dass Trump in seiner Regierung vor allem Leute um sich schart, die mit Politik ihr Leben lang so wenig am Hut hatten wie der Unternehmer selbst? „Wieder ein Schutzfaktor. Wenn alle so wenig Ahnung haben wie er, kann er den anderen erklären, wie die Welt funktioniert und läuft nicht Gefahr, sich vor ihnen zu blamieren.“

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Sowieso ist Kritik, erst recht öffentliche, ein rotes Tuch für den Präsidenten. Als Meryl Streep bei den Golden Globe Awards eine Brandrede gegen den Präsidenten hielt, ließ der nächste Tweet nicht lange auf sich warten. Darin nannte er die mehrfache Oscar-Gewinnerin „eine der meist überschätzten Schauspielerinnen Hollywoods“. „Das haben wir alle drauf“, meint die Expertin. „Wir versuchen alles, was für uns bedrohlich sein könnte, so zu entwerten, dass es nicht mehr bedrohlich ist. So wollen wir unser Selbstwertgefühl schützen.“ Das der mächtigste Mann der Welt offensichtlich nicht in der Lage ist, über so etwas zu stehen, lässt nur einen Schluss zu. „Donald Trump ist zwar der Präsident. Aber deswegen ist er noch nicht präsidial.“

Was sagen die Tweets über den Präsidenten?

Wie man an seinen impulsiven und oft zur Unzeit getweeteten Textnachrichten sehen kann, ist Donald Trump ein Mensch, der gerade erst lernt, seine Emotionen unter Kontrolle zu bringen. „Er merkt jetzt, dass die Politik keine Spielwiese ist. Und das scheint ihm nicht viel Spaß zu machen.“ Dass er das ständige Tweeten, das ihm immer wieder weltweiten Spott einbringt, trotzdem nicht sein lässt, hat auch mit seinen narzisstischen Anteilen zu tun. „Natürlich verstärkt es sein Verhalten, wenn jede noch so unreflektierte Äußerung eine derart große Aufmerksamkeit erfährt. Damit bekommen seine Nachrichten eine Wichtigkeit, die überhaupt nicht angemessen ist.“

So könnte es mit Donald Trump weitergehen

Im Hinblick auf Donald Trumps Zukunft sieht Dr. Wardetzki nur zwei Möglichkeiten: „Entweder, er überspannt den Bogen so, dass ihn irgendwann seine eigenen Leute los werden wollen. Oder er kriegt die Kurve.“ Mehrere Faktoren könnten dazu beitragen, ein solches Umdenken einzuläuten. Laut Psychotherapeutin erleben manche Menschen einen Aha-Moment, wenn ihnen plötzlich Geld, Erfolg, Geschäfts-oder Ehepartner abhandenkommen, was zu einer starken inneren Krise und schließlich zum Umdenken führe. Bei anderen wiederum führen solche Faktoren zwar nicht zu einer Einsicht, wohl aber zum Umdenken. Eine realistische Möglichkeit auch im Hinblick auf Donald Trump, der ja erklärtermaßen der beste Präsident aller Zeiten sein möchte. Dass er sich ändern kann, hat man bereits an seiner ersten Rede vor dem Kongress gesehen, in der er sich doch noch zur Nato bekannte. Und eines ist klar: „Im Ergebnis ist es egal, aus welcher Motivation heraus es zu einer Verhaltensänderung kommt.“

(Interview und Text: Ann-Catherin Karg)

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