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Kommentar: Genderverbot - haben wir keine anderen Probleme in Deutschland, Herr Söder?

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will das Gendern in Schulen und in der Verwaltung verbieten. Damit kritisiert er einen Aktionismus, den er selbst betreibt. Aber der CSU-Parteichef verteilt halt ein paar Bonbons zu Nikolaus.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (rechts) mit Ehefrau Karin Baumüller-Söder beim Besuch der Bayreuther Festspiele im Juli 2022
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (rechts) mit Ehefrau Karin Baumüller-Söder beim Besuch der Bayreuther Festspiele im Juli 2022.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Bayern kann aufatmen. Pünktlich zum Nikolaus steckt in den Stiefeln der Freistaatskinder ein besonderes Geschenk, nämlich ein Genderverbot in der Schule. Und Mami sowie Papi dürfen auf dem Amt auch nicht mit Sternchen um sich werfen. Denn Markus Söder greift durch.

"Für Bayern kann ich sagen: Mit uns wird es kein verpflichtendes Gendern geben", kündigte der Landesregierungschef in seiner ersten Regierungsansprache nach den Landtagswahlen an. Das klingt erstmal nicht nach einem Verbot, sondern nach Entspannung – kein weiteres "Muss", keine Gängelei; aber weit gefehlt, denn Söder holt zum Gegenschlag aus. "Im Gegenteil: Wir werden das Gendern in Schule und Verwaltung sogar untersagen", sagte er.

Damit schafft er sich ein Problem, das es gar nicht gibt. Nirgendwo in Deutschland ist Gendern in der Sprache Pflicht. Es gibt ein paar Auswüchse an Unis, wo einzelne Professoren meinen, unsachgemäß den Rotstift führen zu können. Aber ansonsten ist die Gendersprache im Versuchsstadium. Sie wird hier und da angewendet.

Die Kunst populistischer Politik besteht darin, den Wählern eine Gefahr zu entwerfen und sich selbst als wirksamstes Gegenmittel zu empfehlen. Meist sind diese Bedrohungen nur vermeintliche, das macht ihr Bekämpfen so bequem. Nach diesem Muster verhält es sich auch mit all den Entwicklungen, die zuweilen als "woke" abgetan werden.

Söder warf der Ampelregierung im Bund zum Beispiel eben vor, mit Vorhaben wie der Cannabis-Legalisierung, dem Gendern und dem Selbstbestimmungsrecht zu überziehen. "Haben wir keine anderen Probleme in Deutschland?", fragte er. Damit betreibt er klassische Zickzack-Manöver.

Der symbolische Hammer wiegt am leichtesten

Denn das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Eine Exekutive wird nicht etwa an einer vernünftigen Steuer- und Wirtschaftspolitik gehindert, wenn sie sich mit Drogen oder Geschlechtsidentitäten beschäftigt. Söder tut so, als würde man in der Berliner Ampel zu nichts mehr kommen, weil dieser woke Kram zu zeitraubend wäre. Er entwirft eine Chimäre.

Seine Frage fällt im Gegenteil auf ihn zurück. Haben wir in Deutschland keine anderen Probleme? Bayerns Schüler sind nicht vor einem Gendersprachwahn zu schützen. Die vorherrschende Sprachregelung ist die bestehende – und die kennt die Sonderzeichen inmitten eines Wortes nicht. Ferner braucht es keinem ein Dorn im Auge zu sein, hier und da ein gegendertes Wort zu lesen; wenn ein Schüler oder eine Schülerin sich darin ausprobieren. Denn Sprache ist nie in Stein gemeißelt, immer in Entwicklungen begriffen, eben lebendig. Und Sprachgendern ist mittlerweile von unten her dermaßen gewachsen, dass man seine Anwendung nicht als Fehler ansehen kann; im Gegenteil haben sich dessen Nutzer bewusst Gedanken gemacht: Warum es ihnen verübeln?

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Infografik: Wie sind die Gender-Regeln in deutschen Schulen? | Statista
Infografik: Wie sind die Gender-Regeln in deutschen Schulen? | Statista

Eine versteckte Gefahr hinter den Leckerlis

Es ist Söder, der einen Zwang einführt, eine bürokratische Gängelei. Gleichzeitig inszeniert er sich als Freiheitskämpfer einer Masse, der angeblich kollektiv auf die Füße getreten wird. Das ist lustig. Könnte aber funktionieren. Mit dem Werfen verbaler Nebelkerzen hat sein Rivale Hubert Aiwanger von den Freien Wählern einigen Erfolg bei der Landtagswahl erzielt. Nun, in der gemeinsamen Regierung, werden sich die beiden in einen Wettlauf gegeneinander begeben: Wer haut mehr auf den Tisch, auf den symbolischen?

Mit dem Pragmatismus einer Volkspartei hat das wenig zu tun. Um Lösungsorientiertheit geht es dabei nicht. Das schließt diese natürlich woanders nicht aus – siehe das angebliche Überziehen der Berliner Ampel. Aber wenn sich die CSU in diesem Anti-Kleinklein verliert, wird sie bald nicht einmal so tun können, als wäre sie eine Volkspartei.

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