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Kommentar: Putins Angst vor einer Organisation, die es nicht gibt

Der oberste Gerichtshof in Russland hat eine neue Organisation verboten. Sie heißt "internationale gesellschaftliche Bewegung LGBT" – und natürlich gibt es sie nicht. Wladimir Putin braucht lediglich für seine Herrschaft einen äußeren Feind. Und den backt man sich am effektivsten selbst.

Russlands Präsident Wladimir Putin (rechts) mit Patriarch Kirill bei einer Kranzniederlegung in Moskau Anfang November zum Tag der nationalen Einheit
Russlands Präsident Wladimir Putin (rechts) mit Patriarch Kirill bei einer Kranzniederlegung in Moskau Anfang November zum Tag der nationalen Einheit.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Wenn Wladimir Putin lacht, kann etwas nicht stimmen. So weit ist es also gekommen, dass man einem zynischen Diktator nicht einmal Humor zutraut. Russlands Machthaber hat es eben entsprechend weit getrieben. Und daher kann einem der Lacher, den er unlängst öffentlich brachte, im Halse stecken bleiben.

Was war passiert? Putin hatte an einem Kulturforum in Sankt Petersburg teilgenommen und mit dem serbischen Filmregisseur Emir Kustorica diskutiert. Der jammerte, um einen Oscar zu gewinnen, müssten heutzutage "Quoten gemacht werden, für Transgender, Homosexuelle und andere" – so vermeldet es die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Wenn ich mir die oscarprämierten Filme der vergangenen Jahre anschaue, weiß ich zwar nicht, woher diese steile These kommt, aber Missgunst ist eben eine wenig konstruktive Eigenschaft. Putin jedenfalls scheint die Spitze von Kustorica gefallen zu haben; es geht ja irgendwie gegen den "Westen" an und für sich.

Also stimmte Putin ihm zu und sagte laut "FAZ", in westlichen Ländern müsse man, um Wettbewerbe zu gewinnen, "etwas aus dem Leben von sexuellen Minderheiten, Transgendern und anderen Transformern erzählen, schreiben oder zeigen". Dann kam er zu seinem vermeintlichen Witz. Auch "diese Themen und diese Menschen" seien "Teil der Gesellschaft". Es sei aber "schlecht, wenn nur sie alle Wettbewerbe gewinnen". Dann lachte er. Und kriegte seinen Beifall. Schließlich ist er Präsident, und eben in diesem Falle einer, der sich als Kulturkritiker versucht.

Witschigkeit kennt keine Grenzen

Wir lernen daraus: Putin dreht alles um. Im Westen, wie im Süden und Osten, sind von den sexuellen Normen der Mehrheit abweichende Menschen Diskriminierungen ausgesetzt. Das sind sie, weil es einfach ist, sie als kleinere Gruppe auszumachen. Und weil die Mehrheit sowas braucht, an und für sich. Wenn dieser Mechanismus kritisiert wird, dreht man dann den Spieß um und konstruiert aus den Verfolgten und Beherrschten Herrscher, die angeblich alles bestimmen (wollen) und in Hollywood dafür auch noch Preise einheimsen. Gemein, nicht wahr?

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Infografik: In diesen Ländern werden LGBTI-Rechte nicht respektiert | Statista
Infografik: In diesen Ländern werden LGBTI-Rechte nicht respektiert | Statista

Putin aber geht es nicht darum, wer mit wem was im Bett macht, wie man mit dem eigenen Körper lebt. Er benutzt all dies als Waffe – wie er alles seinem Machterhalt unterordnet. Es ist seine allgemeine Kardinalsstellung.

Und daher hat der Oberste Gerichtshof nun eine Organisation in Russland als "extremistisch" eingestuft, nämlich die "internationale gesellschaftliche Bewegung LGBT". Wer zu der gehört, wandert für ein paar Jahre ins Gefängnis. Nur: Es gibt sie nicht. Wer aber sich für Gleichberechtigung für Transgender einsetzt, für ein Miteinander sexueller Orientierungen – der wird in Russland dafür bestraft. Vielleicht reicht es aus, eine Regenbogenfahne im Internet zu liken. Oder bunte Haare zu haben. Putin braucht einen äußeren Feind, und den konstruiert er auch von innen.

Putin, der Nebelwerfer

Den "Westen" mag er nicht, weil aus ihm Kritik schallt. Also versucht Putin, unsere Gesellschaften durch Trollarmeen im Internet zu manipulieren, er lässt Fakenews streuen und alles in den düstersten Farben malen. Da sind Hollywoodpreise noch weniger relevant. Und er baut für sein Land eine Bedrohungslage, die es nicht gibt. Dafür braucht er Protagonisten, die es nicht gibt. Das ist praktisch: So kann er sie sich zimmern, wie es ihm am besten gefällt. Es ist nur sehr traurig, dass Russland sich einen Herrscher leistet, der mit seinem Land diese billigen und miesen Tricks anstellt. Sowas muss man sich erstmal zumuten.

An dieser Stelle ist es übrigens überflüssig, festzustellen, dass von allem, was LGBTQ+ ausmacht, also von diesem Regenbogen, kein potenzieller Schaden für die Gesellschaft ausgeht. Kein Wert ist bedroht, kein Mensch in irgendeiner Weise. Aber Hierarchie. Ablenkungsmanöver. Unehrlichkeit. Die mag Putin. Aber warum sollten wir uns dem anschließen?

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