Machtmissbrauch von Fahrlehrern - Sexuelle Belästigung in Fahrschulen: Insiderin erzählt, was Schülerinnen in Autos passiert

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Das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) hat einen Social Spot auf die Webseite des Hilfetelefons „Gewalt gegen Frauen“ gestellt. Er handelt vom Machtmissbrauch in der Fahrschule. FOCUS online hat mit einer Fahrlehrerin darüber gesprochen.

Der Film heißt „The Test“ . Er zeigt, wie ein Fahrlehrer der 18-jährigen Lea unangenehm nahekommt, ihr im dunklen Parkhaus die Hand auf ihren Oberschenkel legt und sie schließlich in der Dämmerung auf einen verlassenen Feldweg lotst. Wir haben mit einer Fahrlehrerin darüber gesprochen.

FOCUS online: Haben Sie den Spot gesehen?

Fahrlehrerin: Habe ich, das ist sehr eindrucksvoll dargestellt. Die düstere, drückende Stimmung. Lea erlebt das Ganze ja rückblickend, während der Fahrprüfung. Sie hat Flashbacks und kann sich deshalb nicht aufs Fahren konzentrieren. Mir war nicht klar, dass eine Fahrprüfung oder vielleicht auch das Autofahren an sich derart triggert und man dann so heftige Erinnerungen hat, die einen vielleicht sogar am Fahren hindern.

War Ihnen bewusst, dass Machtmissbrauch in Fahrschulen ein Thema ist?

Fahrlehrerin: Das auf jeden Fall. Ich bekomme das seit Jahren mit.

Was genau?

Fahrlehrerin: Manches an Info kommt indirekt. Mädchen, die bei mir Fahrstunden nehmen, erzählen, was ihren Freundinnen so widerfährt. Manchmal erfahre ich von den Vorfällen aber auch von den Freundinnen selbst. Wenn eine eine Freistunde hat, wird gern mal bei der anderen mitgefahren und dann entstehen Gespräche. Oft natürlich übers Fahren und ganz konkret über die eigenen Fahrstunden, das liegt ja nahe. Um Gottes Willen, was höre ich da, denke ich mir oft.

Und was berichten die Mädchen?

Fahrlehrerin: Von Fahrlehrern, die „touchy“ sind. Die blöde Sprüche rund um den Schaltknüppel machen: „Stell dir vor, das ist dein Freund“. Ich muss wohl nicht dazu sagen, dass anzügliche Bemerkungen oder ein unangemessenes Näherkommen auf derart engem Raum eine besonders drastische Wirkung haben. Nicht ohne Grund reden manche vom „rollenden Angstraum“. Ein Fahrlehrer wollte von einem Mädchen Oben-ohne-Bilder haben. Erst dann würde er sie zur Theorieprüfung zulassen, meinte er.

Das soll der Kollege ernsthaft gesagt haben?

Fahrlehrerin: Im Zweifel wird er sich vermutlich genauso rausreden: Das war nur ironisch gemeint. Ich weiß, dass die Mädchen mir keinen Blödsinn erzählen. Ich war selbst bereits in einer ähnlichen Situation und konnte es im ersten Moment kaum glauben.

Was denn?

Fahrlehrerin: Ein älterer Kollege, der bei uns angefangen hatte, um die 60. Eben genau die Nummer: Er war mir gegenüber „touchy“. Hier eine Berührung zu viel, da ein Küsschen, das ich nicht wollte. Extrem unangenehm. Aber aus zwei Gründen dennoch nicht wirklich mit dem zu vergleichen, was die Mädchen erleben. Erstens: Die Annäherungen fanden in den Räumen der Fahrschule statt, ich habe mich also bei weitem nicht so eingeengt gefühlt wie in einem Auto. Zweitens: Ich bin eine gestandene Frau mittleren Alters. „Was soll das?“ habe ich dem Kollegen gesagt. Ich bin erst ihm gegenüber deutlich geworden, und als es sich nicht gebessert hat, habe ich meinen Chef informiert. Die meisten Fahrschülerinnen trauen sich sowas nicht. Vor einiger Zeit hat ein Mädchen hier aus der Region ihr Handy während der Fahrstunde auf Aufnahme gestellt. Sowas ist die absolute Ausnahme.

Hat das Mädchen den Fahrlehrer angezeigt?

Fahrlehrerin: Sie hat die Aufnahme ihrem Freund vorgespielt, die blöden Aussagen. Der ist dann mit ihr zur Fahrschule. Das ging rund. Der Chef des Fahrlehrers erfuhr, was gelaufen war. Daraufhin hat er sich von sämtlichen Fahrschülerinnen, die bei diesem Fahrlehrer gelernt hatten, eine einstweilige Verfügung geholt. Der Fahrlehrer hat sein Fehlverhalten eingestanden. Das war sozusagen der Deal: Eine Gerichtsverhandlung blieb ihm erspart. Dafür ist er rausgeflogen. Der macht jetzt irgendeinen anderen Job.

Ist Machtmissbrauch in der Fahrschule ein häufiges Phänomen?

Fahrlehrerin: Ich kenne keine Zahlen dazu, aber gefühlt passieren solche Dinge oft. In der Branche wird viel darüber geredet, aber die meisten Infos bekomme ich wie gesagt von den Mädchen selbst.

Nennen die Fahrschülerinnen Ihnen dabei eigentlich auch die Namen der Kollegen?

Fahrlehrerin: Oft ja. Ich kann da aber natürlich nicht hingehen und den Kollegen zur Rede stellen. Ich habe ja keine Beweise, würde mich möglicherweise sogar wegen Rufmord strafbar machen – daher bleibe ich übrigens auch hier im Interview anonym. Schauen Sie, bei besagtem Angestellten lief das so: „Alles Quatsch“, meinte er, als ich meinen Chef informiert habe. Ich würde mir da was einbilden. Der Kollege hat sich dann allerdings zeitnah noch mal einen Bock geleistet, damit war er weg. Der Chef hat erkannt, was für ein faules Ei er sich da ins Nest geholt hat.

Wenn die Missbrauchsschilderungen der Mädchen bei Ihnen bleiben: Wie soll sich dann was ändern?

Fahrlehrerin: Klare Antwort: Die Mädchen oder ihr Umfeld - die Eltern, der Partner - müssen aktiv werden. Da führt nichts dran vorbei. Wieso sagt ihr nichts, frage ich immer. Mich bringt das richtig auf. Aber die meisten trauen sich nicht.

Warum?

Fahrlehrerin: Viele denken sich wohl: Jetzt habe ich schon so viele Stunden, ich ziehe das durch. Manche haben vielleicht Angst, dass sie mehr bezahlen müssen, wenn die Sache raus ist und eigentlich nur noch ein Wechsel infrage kommt.

Ist das das denn so?

Fahrlehrerin: Bis in der Fahrschule – möglicherweise – Konsequenzen gezogen werden, dürfte es jedenfalls dauern.

Stichwort Kosten – ist die Sorge berechtigt?

Fahrlehrerin: Tatsächlich kann es sein, dass durch einen Wechsel Kosten entstehen, etwa, wenn im Rahmen des Theorieunterrichts für eine fahrschulspezifische App anteilig (Rest)Kosten bezahlt werden müssen. Wenn die Theorie aber schon bestanden ist und es nur noch ums Fahren geht, ist das hinfällig. Der Wechsel an sich ist total unproblematisch und hier möchte ich die Leute wirklich ermutigen. Ich kann das nur immer wieder betonen: Fahrschülerinnen, die Anzüglichkeiten erleben, sollten wechseln. Sofort. Auch ein Wechsel innerhalb der Fahrschule zu einem anderen Lehrer kann eine Möglichkeit sein.

Dafür braucht es aber Mut. Hier könnte man dem übergriffigen Fahrlehrer schließlich weiter begegnen.

Fahrlehrerin: Ich würde mit offenen Karten spielen. Etwa so: Mit dem Papa zur Fahrschule und dann raus mit der Sprache. „Ich fühle mich nicht wohl.“ Die Gründe benennen. Wenn möglich, noch andere Fahrschülerinnen mit ins Boot holen. Je mehr gegen einen übergriffigen Fahrlehrer auf dem Tisch legt, desto eher wird der Leiter der Fahrschule reagieren. Ich finde übrigens, nicht nur sexueller Missbrauch sollte zur Sprache kommen.

Sondern?

Fahrlehrerin: Keine Fahrschülerin und kein Fahrschüler sollte sich anbrüllen lassen. Eine Fahrschule ist ein Dienstleistungsunternehmen, Fahrschüler sind Kunden. Ich glaube, das ist vielen nicht bewusst. Ich sag mal so: Wenn mir ein Bäcker mir blöde Brötchen verkauft, dann gehe ich da nicht mehr hin. So einfach ist das. Mein Tipp, so banal es klingen mag: Vor Vertragsschluss mit Leuten sprechen, die in dieser Fahrschule Fahrstunden hatten. Mundpropaganda ist Gold wert – gerade bei einem Thema, das leider bisher vor allem hinter vorgehaltener Hand kommuniziert wird. Ich würde die anderen Mädchen ganz direkt fragen: Kann man dem Fahrlehrer vertrauen? Ist er diskret? Vergesst die Internetbewertungen, sage ich immer. Darüber erfahrt ihr sowas nicht.

Klingt fast so, als hätten viele das Thema bisher nicht wirklich auf dem Schirm.

Fahrlehrerin: Sage ich ja. Wir müssen die Leute sensibilisieren. Auch die Eltern. Immerhin, vor allem bei den Müttern der angehenden Fahrschülerinnen scheint sich was zu tun. Bei unserer Fahrschule kommen zunehmend Anrufe von Frauen rein, die wollen, dass ihre Töchter mit mir fahren. Auch sonst hört man das immer öfter, dass gezielt Schulen mit Frauen gesucht werden. Gut, wenn die Eltern der potenziellen Missbrauchsopfer zunehmend sensibilisiert sind!